Nun war es also mal wieder soweit. Eine der mittlerweile sinnlosesten und unnötigsten Regeln in unserem System brachte mal wieder eine Menge Menschen durcheinander: Die Zeitumstellung. Der Schrecken aller Eltern. Denn Kindern ist es in der Regel egal und so wecken sie einen bei der Umstellung auf die Winterzeit doch zur herkömmlichen Zeit, nur eben eine Stunde früher. Bei uns war es ähnlich. Doch war ich noch weit vor meinem Kindchen wach.

Halb fünf. Ich bin hellwach und kann nicht mehr schlafen. Bei meinem Pensum an Schlafmangel empfinde ich das von meinem Körper als schlechten Scherz. Derzeit sind die Tage lang und unser Herzenskind möchte abends selbstbestimmt ins Bett gehen. Unsere abendliche Routine hat sich sehr verändert, aber wir arrangieren uns damit. Denn mein Kindchen um acht ins Bett zu bringen, damit wir noch einen Abend für uns haben, funktioniert einfach nicht. Wenn man nicht müde ist, kann man eben nicht schlafen. Die Tage waren für mich sehr lang, wenn ich nun selbst so früh erwachte und von Tag zu Tag breitete sich noch mehr Erschöpfung aus, die ich mit etwas Kaffee zu überbrücken versuchte. Doch gut, dass mit Einkehr des Herbstes nun auch etwas mehr Ruhe und Rückzug bei uns zu spüren ist. Während ich mit meinem Kindchen noch vor einigen Wochen regelmäßig Aktivitäten draußen und unter Menschen nachgegangen bin, sind wir gerade gerne mehr daheim, machen es uns gemütlich und beschäftigen uns auf andere Weise, als noch im Sommer. Ich bin meinem Herzenskind da so dankbar für, meinen Fokus wieder einmal verändern zu dürfen. Zugegeben – diese festen Termine in der Woche, die wir noch im Sommer aktiv wahrgenommen haben, gaben eine schöne Struktur, aber verlieren nun immer öfter an Bedeutung und ich verschiebe vieles, wenn es uns zu viel abverlangt. Meine Kraft ist kostbar. Meine Ruhe ist mir kostbar. Meine Komfortzone zu verlassen, bereitet mir meistens keine Probleme, weil ich oft weiß, dass es am Ende doch gut werden kann. Aber ich muss das nicht ständig tun. Ich darf mich auch in der Sicherheit meiner Komfortzone wohlfühlen und auftanken. Und in diesem Jahr, ganz besonders nochmal in den letzten Monaten, habe ich einmal mehr lernen und verstehen dürfen, dass meine Kraft endlich ist und ich mehr auf mich achten darf. Doch es war immer wieder ein Abwägen, denn es gibt viele Bedürfnisse zu stillen. Nicht immer können alle super glücklich sein, doch wenn wir alle einigermaßen zufrieden sind, finde ich das schon ziemlich gut.
Diese Ruhe, dieser Rückzug laden sehr zur Innenschau ein. Ich rekapituliere derzeit intensiver das vergangene Jahr. Bin dankbar und ehrfürchtig, was ich lernen durfte. Besonders die unangenehmen und schwierigen Situationen haben mich wachsen lassen. Ich habe versucht, anders auf zwischenmenschliche Begegnungen zu blicken, die mir Unwohlsein bereiteten. Immer wieder meldete sich diese innere Stimme, dass ich nicht richtig bin. Dass ich irgendwie nicht zu passen scheine. Dass ich zu viel bin und den Menschen einiges abverlange. Doch durfte ich diesen Glaubenssatz mehr und mehr ablegen. Menschen kamen und hinterließen Eindrücke. Menschen, die schon eine ganze Weile in meinem Leben sind, erhielten plötzlich einen anderen Stellenwert – weil sich jeder für sich verändert hat. Wo einst intensive, gemeinsame Zeit war, ist mit einmal Funkstille. Weil es Ereignisse gab, die etwas in uns verändert haben. Immer wieder fühlte es sich für mich wie ein Abschied und ein Ende an, wenn sich Bekanntschaften wieder etwas verloren haben. Ich möchte das Buch offen lassen und die Kapitel nicht gänzlich schließen, vielleicht noch ein paar Seiten freihalten für weitere Geschichten mit diesen Menschen. Doch fällt es mir auch schwer. Denn gedanklich stehe ich immer noch mit einem Fuß in der Tür, denke, dass ich noch irgendwas tun muss, um diese zwischenmenschliche Beziehung aufrecht zu erhalten. Doch ich begreife immer mehr, dass beide Seiten ihren Anteil an einer Beziehung haben. Dass ich nicht ständig etwas liefern muss, damit es läuft. Wenn ich etwas zu geben habe, tue ich das gern.
Doch in diesem Jahr ist mir noch einmal sehr bewusst geworden, dass ich eigentlich nicht mehr viel zu geben habe. Meine Ressourcen sind begrenzt, meine Tanks teilweise ziemlich leer. Ich darf mich mehr um mich kümmern, auftanken, aufladen. Mein schlechtes Gewissen rückt immer weiter in den Hintergrund und ich gebe Dinge ab, wo ich kann. Eine lange Zeit habe ich viel alleine getragen, weil ich dachte, ich muss und es geht nicht anders. So oft lagen mir Menschen in den Ohren, dass ich auch mal an mich denken muss – und ich wusste es auch selbst. Die kleinen Auszeiten und Oasen zwischendurch taten mir gut. In diesem Jahr wurden meine Tanks jedoch beinah restlos geleert, durch die Erkrankungen meines Herzmenschen und zwei kurze Schwangerschaften. Ich habe versucht, den Laden am Laufen zu halten, meinem Herzenskind besonders im Sommer viel Abwechslung und neue Eindrücke zu ermöglichen. Und bei all den Ausflügen in die Natur biss sich noch eine Zecke bei mir fest – zum ersten Mal in meinem Leben. Wochen später stellte sich eine Borrelien-Infektion heraus, die gemeinsam mit einer Erkältung meinem Körper den Rest gab. Seitdem komme ich kaum aus der Erschöpfung raus, finde nur noch wenig Kraft. Doch daraus ergab sich eben eine weitere Zeitumstellung: Unser Alltag, unser Haushalt – alles darf anders strukturiert werden. Mehr Aufteilung alltäglicher Aufgaben, mehr feste Auszeiten für jeden von uns. Wir als Eltern gehen jeder für sich einem neuen Hobby nach, das regelmäßig Raum und Zeit benötigt. Selbstfürsorge muss nun mehr geplant werden, damit wir uns immer wieder gut auftanken und erholen können. Ich werde mit Unterstützung der Naturheilkunde hoffentlich bald wieder mehr Kraft spüren können.
So oft begegneten mir die Themen Hochsensibilität, Erschöpfung und Mutterschaft. Um Impulse zu bekommen, wirkliche Unterstützung auf diesem Gebiet, hätte ich finanziell einiges investieren müssen. Diese Angebote für Webinare und Kurse hinterließen bei mir oft den Eindruck, dass es doch auf jeden Fall möglich ist, aus der Erschöpfung zu kommen und ich einfach nur mal anfangen muss. Hier gehe ich eher die winzigen Mäuseschritte in die Veränderung, während mir immer wieder der große, alles verändernde Schritt mit Gelinggarantie vor die Nase gehalten wird. Ich habe stets Ideen und probiere Dinge aus, die zu meinem Bauchgefühl passen. Denn das was zu jemandem anders passt, muss nicht zwangsläufig auch für mich und meine Familie stimmig sein. Ich verstehe, wenn man sich von außen Sorgen um jemanden macht, der einem wichtig ist. Dass man helfen und unterstützen möchte, aber nicht genau weiß wie. Worte, verpackt in Ratschläge, die aus eigenen Erfahrungen entstanden sind, kommen dann meistens im Gespräch auf. Wir alle betrachten die Welt durch unseren eigenen Filter und oft wird deutlich, dass es kein Patentrezept für gewisse Situationen im Leben gibt. Stattdessen darf mehr Vertrauen entstehen – in sich selbst, dann jeder findet wohl seinen Weg der Heilung, früher oder später.
Ich heile. Stück für Stück. Lege destruktive Angewohnheiten und Verhaltensweisen ab – allem voran das Funktionieren und Ständig-Leisten-Müssen. Ich verliere mich manchmal sehr im Kümmern und in der Verantwortung. Doch in unserer kleinen Familie ist es stets ein Drahtseilakt für mich, denn so viel nehme ich wahr. Es wird besser, Schritt für Schritt. Ich werde nach und nach die beste Version von mir selbst.
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Eineinhalb Wochen nach der Zeitumstellung. Immer wieder erwache ich gegen halb fünf. Ich bleibe wach. Versuche nicht wieder einzuschlafen – denn das macht mich im Nachgang noch mehr müde. Was könnte ich alles schon erledigen, bevor mein Kind erwacht, damit der Morgen für uns direkt entspannter beginnt. Er müsste nicht direkt so viel kooperieren, denn es fällt ihm schwer am Morgen. Ich bleibe noch etwas liegen. Lese im Internet. Verliere mich ein wenig im sozialen Netzwerk. Ein paar schöne Impulse nehme ich daraus mit. Ich fühle mich nicht allein mit gewissen Dingen, denn auch andere berichten über den Alltag mit ihren lebenden und verstorbenen Kindern. Und doch weiß ich: Es sind nur Ausschnitte. Ich schaue auf die Uhr und erstaune, wieviel Zeit ich wieder in der virtuellen Welt verbracht habe. Was könnte ich in dieser Zeit nicht alles für mich im realen Leben tun? Meditation, Morgen-Yoga, Selbstfürsorge. Ich versuche es. Jeden Tag ein bisschen mehr. Aber ich darf mir auch erlauben, gerade mal eine andere Zeit zu leben. Raus aus dem Hamsterrad der täglichen Routinen.
