Es rattert. Und rattert. Und rattert.
Mein Kopf kaut unaufhörlich Gedanken durch. Ich habe offenbar ein Wiederkäuer-Gehirn. Denn jeder Gedanke wird nochmal durchdacht. Und nochmal, aber in die andere Richtung. Stundenlang. Tagelang.
Als ich diesen Blog begann mit meinen Gedanken und Worten zu füllen, war ich gerade am Anfang meiner Reise zu den Erkenntnissen über Hochsensibilität. Es traf einfach alles vollends auf mich zu. Und ich spürte Erleichterung, endlich zu erfahren, dass es nicht nur mir so ergeht und ich eine von vielen bin, die mit gewissen Herausforderungen in ihrer Reizverarbeitung ein halbwegs „normales“ Leben führen wollen. Mein Leben erklärte sich in der Retrospektive plötzlich anders und vieles ergab nun für mich einen Sinn. Ich bin schon von klein auf sehr sensibel und hatte mein bisheriges Leben immer mit gewissen Herausforderungen zu tun. Und da ich dachte, ich müsse so sein wie alle anderen, ging ich oft über meine Grenzen hinaus. So richtig zugehörig habe ich mich selten gefühlt, denn ich nahm einfach immer zu viel wahr, wofür mich andere schon beinah belächelten. Und immer wieder begegnete mir der Satz: Mach Dir nicht so viele Gedanken. Denk da nicht so viel drüber nach. Oh ja, und wie gerne ich das gekonnt hätte. Mir wären wohl viele Stunden und Tage mit Kopfschmerzen und Migräne erspart geblieben. Und selbst jetzt, nach über fünf Jahren mit diesem Wissen, fällt es mir oft noch enorm schwer, einen halbwegs gesunden und ausgewogenen Weg mit meiner Hochsensibilität zu finden.
Da stehe ich nun also vor einem ungeklärten Konflikt. Ist es überhaupt (noch) ein Konflikt? Ich weiß es nicht. Mein Gegenüber spricht nicht mehr mit mir. Schon sehr lange nicht mehr. Doch das, was gesprochen -oder besser- geschrieben wurde, dreht unaufhörlich fröhliche Runden in meinem Kopf. Ich will es verstehen. Ich habe nachgefragt, um einiges genauer verstehen zu können – doch ich erhielt keine befriedigende Antwort. Ich erhielt die Nachricht, dass mein Altes Ich wieder gewünscht wird. Neben all den anderen Offenbarungen, blieb das so sehr in meiner Denkschleife hängen. Denn ich will es verstehen. Ich will es unpersönlich und objektiv betrachten, mit Abstand. Aber so ganz gelingt es mir nicht. Immerhin geht es um meine Person und die scheint jemandem nicht mehr ganz so angenehm zu sein, nach vielen Jahren der Freundschaft. So oft habe ich schon darüber sinniert, wieviele Veränderungen sich in meinem Leben ergaben, seit mein Sohn verstarb. Einige Beziehungen ließ ich hinter mir und ich war noch lange gedanklich damit beschäftigt. Denn immer wieder ging ich bestimmte Situationen durch und überlegte, wo ich mich wie verhalten habe. Was ich gesagt habe und wie es vielleicht beim anderen ankam. Immerzu war ich damit beschäftigt, die andere Seite zu sehen und meine Empathie zu hinterfragen. Und vor allem: War ich unfair? War ich egoistisch, dass ich mich in gewisser Weise verhielt? Mein hochsensibles Gehirn war und ist also ständig damit beschäftigt, meine Wirkung im Außen zu rekapitulieren. Und was vergesse ich dabei? Genau, die Wirkung bei mir im Inneren. Wenn ich dann aus dieser Perspektive nochmal darüber nachdenke, zeigt sich ziemlich häufig das Gleiche: Ich bekomme Bauchweh. Mein Magen zieht sich zusammen. Weil ich mich so oft eigentlich nicht wohlgefühlt habe. Weil ich Beziehungen aufrecht erhalten habe, aus Beweggründen, die mir allmählich klarer werden. Ich habe ganz lange gegen meine eigentliche Wahrheit gelebt. Ich war so oft damit beschäftigt, für andere eine gute Freundin zu sein und sie in ihren Bedürfnissen wahrzunehmen, dass ich schon völlig automatisiert meine Gefühle dabei verdrängt habe. Doch mit der Erkrankung meines Sohnes und seinem darauffolgenden Tod, trat das Leben für mich auf die Bremse. Ich wurde wachgerüttelt. Denn ich bin mit meinen eigenen Verhaltensweisen kollidiert, die eigentlich ganz häufig so gar nicht zuträglich für mein eigenes Wohl waren. Soviel dazu.
Aber jetzt stehe ich da. Mit diesem ungeklärten Elefanten im Raum. Es sind einige Tage vergangen und ich habe mich im Grübeln verloren. Ich habe wertvolle Zeit im Jetzt mit meinem Herzenskind verschenkt, weil ich gedanklich in etwas festhing, das ich – gefühlt – nicht wirklich lösen kann. Zumindest, wenn ich mir und meinem Neuen Ich treu bleiben will. Wie oft habe ich in den letzten Tagen gedanklich STOP gesagt und wollte zu einem Ende der Grübelei kommen. Ich bin es so Leid. Ich bin genervt von dieser Maschinerie meines hochsensiblen Gehirns, das einfach manchmal keinen Gedankenabschluss findet. Ich habe alles niedergeschrieben, was mich zu diesem Konflikt bewegt. Ich habe einen Entschluss dazu gefasst und wünsche mir, dass er bis in die letzte Faser meines Seins übergeht. Denn so ganz überzeugt bin ich noch nicht davon, so sehr ich auch weiß, dass es richtig für mich sein wird.
Doch wenn ich eines aus diesen letzten Tagen der Grübelei gelernt habe, dass ich das einfach nicht mehr will. Ich will nicht mehr so viel kostbare Lebenszeit darauf verwetten, mich in Gedanken zu verlieren über Dinge, die ich nicht wirklich ändern kann. Mein wichtigster Indikator sollte mein Bauchgefühl sein und darauf darf ich mehr vertrauen. Und wenn ich spüre, dass etwas nicht mehr zu mir passt, dann darf ich wohl darauf vertrauen. Es darf auch für mich einfach sein und sich gut anfühlen. Nun darf ich also mehr und mehr Wege finden, wie ich mich immer wieder behutsam aus dem Gedankenkarussell lösen kann.
