Manchmal, da frage ich mich, ob ich meiner Wahrnehmung noch so trauen kann. Fast vier Jahre Schlafmangel, unter Dauerstrom intensiver Mutterschaft. Mit totem Kind und Fehlgeburten auf dem Erfahrungskonto. All das, was ich erlebt habe, hat mich geprägt. Mein Denken, mein Fühlen, meine Wahrnehmung. So lange bin ich schon damit beschäftigt, Menschen verstehen zu wollen. Eine sehr lang Zeit habe ich mich überwiegend mit den anderen gedanklich auseinandergesetzt – aber mich selbst nicht verstanden. Immer wieder fragte ich mich, warum Dinge passierten, warum Menschen sich in einer gewissen Weise verhielten – denn nie konnte ich begreifen, warum Menschen scheinbar absichtlich unfreundlich und gemein zueinander sein müssen. Nicht immer erhielt ich zufriedenstellende Antworten darauf. Und auch jetzt, mit 33 Jahren, hab ich noch längst nicht alles verstanden. Mein Blick auf vieles hat sich verändert, erweitert und führt mich auf einen heilsamen Weg. Heilsam für mich. Denn jahrelang waren die Stunden des Nachdenkens und Verstehen-Wollens quälend für mich. Ich hab kostbare Lebenszeit in Gedanken verloren, um Dinge zu verstehen, die ich letztlich nicht ändern konnte – außer meine innere Einstellung dazu.
Nun geht dieses Jahr zu Ende und so vieles hat mich bewegt. Ich schaue demütig und dankbar auf alles – vor allem darauf, was schwierig und herausfordernd war. Denn da lag Wachstum verborgen. Und ich bin gewachsen! Während ich mit gewissen Dingen abschließen möchte und sie gänzlich hinter mir lassen will, schleicht sich die Gewohnheit des Selbstzweifelns ein. Ich blicke auf Situationen und frage mich, ob ich fair war, ob meine Wahrnehmung wirklich richtig war. Ich lasse mich von den vielen Wahrheiten verunsichern, die in schwierigen Situationen entstehen. Was ist richtig, was ist falsch? Gibt es überhaupt ein universelles richtig oder ein falsch? Jeder hat eine eigene Wahrheit, denke ich mir. Und vielleicht ist diese nicht immer kompatibel mit der von anderen Menschen. Ich denke und denke. Und vergesse zu fühlen. Betrachte ich das ganze nochmal mit dem Herzen und aus dem Bauch heraus, erkenne ich, dass sich meine Intuition oft bestätigt hat. Oder habe ich unbewusst darauf hingearbeitet? Zweifel. Immer wieder. Und das, weil ich traurig bin, sobald zwischenmenschliche Beziehungen einen Knacks erfahren, sich verändern oder gar in Luft auflösen. Ständig frage ich mich, was ich hätte anders machen können, damit es nicht scheitert. Ob ich nur noch mehr Geduld und Verständnis investieren muss, und dann läuft’s schon bald wieder runder? Ob ich den Menschen zu viel davon abverlange und zu viel Raum fordere?
So oft lese ich gerade nette Vorsätze und Gedanken für das neue Jahr. Unter anderem, dass man sich selbst mehr Wert sein soll und nicht an Beziehungen festhalten soll, wenn der andere diesen Wert nicht erkennt. Oder aber nicht sofort alles wegzuwerfen, sondern verzeihen und daran arbeiten. Ja, ich fühle das, beides. Und dann zweifle ich. Wenn beide das denken? Dann löst sich doch eine Beziehung scheinbar wortlos in Luft auf. Wann erkenne ich, dass der Punkt erreicht ist, an dem meine Investition ins Leere läuft? Ich bin überfragt. Und irgendwie überfühlt. Ich möchte gerne einiges hinter mir lassen und es fällt mir schwer. Weil da Wünsche und Vorstellungen dran hängen, die aber in diesem Rahmen nicht erfüllt werden können – scheint mir. Ich war es bisher gewohnt, immer und viel zu geben. Und wenn ich eine zeitlang Mal mehr nehmen musste, wollte ich es schnellstmöglich ausgleichen, denn es muss ja alles in Waage bleiben. Aber oft war das mit Anstrengung verbunden. Oft hatte ich das Gefühl, es reicht niemals, was ich zurückgebe. Als würde ich Beziehungen in Konten sehen. Mit Einzahlungen und Ausgaben. Ich legte alles in Waagschalen und spürte dadurch oft ein Ungleichgewicht in mir – denn das, was die anderen gaben, wog für mich mehr als meine Investition. Es konnte in meinem Kopf eigentlich nur scheitern.
Und jetzt?
Jetzt will ich mehr fühlen. Noch mehr. Denn da liegt meine Wahrheit. Und es darf leicht sein. Für mich. Für andere. Ich habe Verbindungen, die so leicht sind. Dort, wo jeder Raum bekommt und es für den anderen passt. Dort, wo alles im Fluss ist. Dort, wo es für alle keine Herausforderung darstellt, für den anderen da zu sein, wenn es mal schwierig wird. Dort, wo es sich wahrhaftig und nach Herzensverbindung anfühlt. Vielleicht war ich bei einigen Verbindungen noch zu verkopft, vielleicht auch nicht. Vielleicht habe ich mich ungeschönt und mit meinem Schatten gezeigt – und es war zu viel. Das ist okay. Ich habe mich verletzlich gezeigt, verwundbar – und habe vielleicht anderen dadurch ihre eigenen Wunden gezeigt. Nicht alle Menschen müssen das mit tragen, aushalten oder begleiten. Denn vielleicht sind da bei jedem noch eigene, ungeheilte Wunden, die in diesem Moment keine Beachtung bekommen sollen oder können. Doch wenn ich eines im neuen Jahr mehr versuchen möchte, dann ist es wohl, mich nicht mehr für alles verantwortlich zu machen, wenn etwas scheitert. Ich darf sein, wie ich bin und es gibt Menschen, die mir dafür Raum geben können. Ich darf ihn mir selbst auch eingestehen. Ich möchte mehr in dem Gefühl leben, völlig in Ordnung und richtig zu sein, so wie ich bin. Noch mehr Lösen von der Meinung anderer über mich, denn dieses Jahr hat mich dahingehend nochmal sehr geprüft.
Es darf leicht sein. Vielleicht ist das eine sehr passende Herangehensweise für das kommende Jahr. Und ich weiß, dass alles so in mein Leben kommen wird, wie es für mich und meine Heilung sinnvoll ist.
