Ich bin müde. Wahnsinnig müde. Nicht nur von der vergangenen Woche, die gekennzeichnet war durch lange Tage mit meinem Herzenskind – Kombination Frühaufsteher und Nachteule saugt die letztem Tropfen Kraft von mir ab. Irgendwas war da wieder an geistigem Fortschritt bei diesem kleinen Menschen zu verzeichnen und auch ich musste den Heimattrip erstmal etwas verdauen. Es hat mich zwischenzeitlich sehr belastet, dass ich nicht mehr all zu belastbar bin – denn was für die meisten Menschen vermutlich keine Probleme bereitet, kostet mich inzwischen immens Kraft. Ich brauche viel Erholung nach menschlichen Begegnungen. Ich brauche Ruhe. So richtig. Eigentlich keine Menschen um mich herum. Mein Herzenskind, mein Herzmensch sind da – und auch das ist mir dann nach so einer bewegenden Zeit fast zu viel. Nicht immer sind hier viele Pausen drin. An sich kein Problem. Doch zu manchen Zeiten schon.
Ich war damit beschäftigt, das alles anzunehmen. Zu akzeptieren. Dass einfach nicht mehr geht. Wo soll ich denn auch die Kraft noch herzaubern? Ich schwankte innerlich zwischen Annahme, Selbstzweifel und Schuldgefühlen – besonders meinem Herzenskind gegenüber, denn ich konnte ihm nicht viel Unterhaltung bieten. Und irgendwie wollte er sie auch nicht. Die Zeit vor den Bildschirmen wurde sehr ausgedehnt und richtiges Spiel miteinander wurde zum einen kaum eingefordert, zum anderen konnte ich nicht immer alles möglich machen. Immer wieder die Frage in meinem Kopf, ob und wie sehr ihm das eventuell schaden könnte. Jeden Tag die Rechnung aufstellen, ob ich ihm genügend Aufmerksamkeit gewidmet habe. Ob er sich auch geliebt gefühlt hat.
Und dann sehe ich ein Foto. Mit bekannten Gesichtern. Viele davon kenne ich noch von früher. Darunter Menschen, mit denen ich eng in Verbindung stand. Und plötzlich zieht sich die dunkle Wolke in meinem Kopf zu. Schuldgefühle. Und wie. Mir kommen sämtliche Situationen mit ihnen in den Sinn, wo ich sie ganz sicher verletzt habe – weil ich eine Grenze zog. Wo mein Verhalten bei ihnen Salz in die Wunde streute. Mir fallen plötzlich immer mehr Begegnungen, mehr Menschen aus meinem vergangenen Leben ein und Momente, in denen ich mich ihnen gegenüber unfair verhielt. In denen ich mich oft einfach nur zurückzog, statt ins Gespräch über unangenehme Themen zu gehen. Weil ich so viel sortieren musste. Weil ich nicht klar denken kann, wenn ich ständig dem Reiz ausgesetzt bin. Abstand war für mich immer schon meine erste Lösung, wenn ich gespürt habe, dass für mich irgendetwas nicht mehr stimmte. Ich konnte es oft nur nicht klar kommunizieren. Habe nicht deutlich gesagt, dass ich mal eine Pause brauche und Zeit für mich. Um nachzudenken. Um klar zu werden. Über all das, was mir da Unwohlsein, Unbehagen bereitete. Ich habe in meiner inneren Not Lügen erfunden, um mein Gegenüber nicht zu verletzen.
Jetzt sitze ich da. So viel fällt mir ein. Fehler, die ich gemacht habe. Ich fühle mich schuldig. Ich habe Verbindungen zu Menschen mit zu vielen Worten oder wortlos beendet. Ich kann das alles nicht mehr rückgängig machen. Ich kann nur daraus lernen, es künftig anders zu machen. Besser. Ehrlicher und ohne schlechtes Gewissen. Aus dem Schema herauszukommen, andere auf keinen Fall verletzen zu wollen, ist so ein krasser Weg. Und der spannende Punkt daran ist für mich, wie ich solche Momente empfinde und mein Gegenüber. Wie ich noch daran denke und mein Gegenüber vermutlich überhaupt nicht mehr. Längst vergessen, hinter sich gelassen. Und ich? Ich kann mich an so viel erinnern. Allem voran an meine Fehltritte. Ich gehe so hart mit mir ins Gericht. Kann mir manches gerade einfach nicht verzeihen. Erzähle ich meinem Herzmenschen unter bitteren Tränen davon, versucht er mein inneres Urteil zu entkräften, zu besänftigen. Ich kann das nicht glauben. Für mich fühlt es sich so wahnsinnig schmerzhaft an. Ich sehe immer wieder die enttäuschten, gekränkten und traurigen Gesichter vor mir – und ich habe das verursacht. Und so sehr ich auch weiß, dass ich diese Menschen nicht willkürlich verletzt habe, dass ich nur ein Trigger für ihre tiefliegende Urwunde bin – dennoch weine ich gerade so viele Tränen. Als hätte ich es mir selbst angetan. Diese Schuldgefühle lasten so schwer auf mir.
Am schwierigsten für mich ist die innere Zerrissenheit. Ich spüre, wie ich mir mit meinem Verstand so ziemlich alles davon erklären kann. Ich weiß, dass zum Scheitern von Verbindungen eben beide Seiten gehören und ich mir den Schuh nicht allein anziehen muss. Dass es eben irgendwann einfach nicht mehr passt. Und dennoch ist da dieses tiefverankerte Gefühl in mir. Diese Schuld, die scheinbar so weit zurückgeht in meinem Leben, sodass ich es sogar bereue, geboren zu sein. Dann wäre wohl viel Unheil erspart geblieben. Ich höre meine Gedanken und kann selbst nicht glauben, was da so meinem Kopf entspringt. Ich darf mich darum kümmern. Es liegt scheinbar tief und muss einen Ursprung haben, der mich noch nicht ganz bewusst ist. Aber ich möchte auf die Rufe meiner Seele hören und diese Wunde heilen lassen.
Schuld ist so ein kraftvolles Konzept. Mich hält sie klein. Sie hält mich in der Angst davor, Fehler zu machen. Denn wenn etwas schief läuft, habe ich ja Schuld. Und auch wenn ich weiß, dass Fehler zum Leben dazugehören, dass sie essentiell für Wachstum sind – ist da einfach dieses mächtige Gefühl in mir, das mich in Ketten legt.
Ich habe viele Tränen geweint. Weil ich plötzlich wieder mit beiden Füßen in der Vergangenheit stand. Ich war komplett raus aus der Gegenwart. Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit hat mich so viel Kraft gekostet, die ich lieber für mein Herzenskind in der Gegenwart haben möchte. Ich bin froh darüber, das endlich bewusster wahrzunehmen, um mich darum besser kümmern zu können. Um endlich mehr Frieden mit alten Themen zu finden. Für mich. Und für alle Menschen um mich herum.
