Immer mal wieder begegnen mir Bilder, auf denen Kinder zu sehen sind, die ausgelassen in der Natur spielen. Oft sind diese Bilder mit Sprüchen versehen, wie „So sah meine Kindheit ohne Handy aus“ oder ähnliches. Videos kursieren im Internet, die Ausschnitte der Vergangenheit zeigen – meistens der O-Ton „Früher war alles besser“. Es geht um wahre Begegnungen, dass Menschen mit viel weniger auch glücklich waren und allem voran mehr Zeit in der Natur verbracht haben. Die Welt wurde und wird immer technischer, die Menschen verlieren dabei oft die Verbindung zu sich selbst und der Natur.
Da gehe ich vollkommen mit.
Jedes Mal, wenn ich diese Bilder und Videos sah, schwank dabei Wehmut mit. Denn ja, auch ich wünsche mir manches davon wieder. Ich sehe, wie sich die Welt mit ihren Menschen entwickelt – und es macht mir manchmal Angst, es macht mich traurig. Dann versuche ich selbst als Vorbild voran zu gehen – vor allem als Mutter. Frei nach dem Motto „Sei die Veränderung, die Du in der Welt sehen willst“. Und man sollte doch meinen, dass es ein leichtes Unterfangen sein wird, einem Kindchen dahingehend ein gutes Vorbild zu sein: Viel raus in die Natur, wenig Bildschirmmedien, gesunde Ernährung. Einfach vorleben, dann wird das Kind schon genau das alles nachmachen in den ersten Lebensjahren. Schöne Theorie.
Und dann kommt die Realität.
Ich habe mich in den letzten vier Jahren einem gnadenlosen Selbstanspruch ausgesetzt. Gepaart mit meiner generalisierten Angst war das nicht immer eine gute Mischung. Bei all der Selbstreflexion, die ich im Schlaf beherrsche, habe ich mich letztlich verausgabt. Ich habe Wünsche und Vorstellungen für mein Kind: Habe gehofft, so lange wie möglich diesen kleinen Körper mit gesunder und ausgewogener Ernährung aufzubauen. Wenig Bildschirmmedien, viel Zeit draußen und in der Natur, um diese Verbindung nicht zu verlieren. Gute Werte vermitteln. Wir haben Einfluss als Eltern. Und ich habe mich tatsächlich stets bemüht, bewusst mit allem umzugehen. Bildschirmzeiten zu regulieren – bei mir, beim Kind. Habe meinem Herzmenschen zugesprochen, auch seine Bildschirmzeit bewusster wahrzunehmen. Mein Kopf ratterte unaufhörlich. Ich hab gerudert und gerudert, um mein Boot aus idealen Vorstellungen über Wasser zu halten.
Und nun?
Ich bin erschöpft, meine Arme sind lahm vom Rudern. Während ich immer irgendwie versuchte, mich im Fluss meines Kindes treiben zu lassen und gehofft hatte, wir werden unsere drei Lebensflüsse gut ineinander fließen lassen – habe ich innerlich eigentlich einen Damm aufrechterhalten. Der Damm aus Wünschen, Vorstellungen und antrainierten Idealen: Wie eine Mutter zu sein hat, was sie alles schaffen soll. Was gesund, gut und wichtig für die kindliche Entwicklung ist. Die Angst, dass dem eigenen Kind etwas Schlimmes passieren könnte, ist sicher allen Eltern irgendwo gleich – natürlich, durch das Erlebte mit meinem ersten Sohn vielleicht an manchen Stellen verstärkt, wenn auch nicht mit solch einer gravierenden Auswirkung auf mein tägliches Leben. Ich bin von klein auf ein ängstlicher Typ und nun erkenne ich das in meinem Herzenskind besonders wieder. Wenn ich seine Ängste ernst nehme und gut begleiten kann, heilt auch etwas in mir. Ich will mein Kind annehmen und begleiten, wie es auf diese Welt gekommen ist. Sein Programm verstehen lernen, dass er abspielt. Doch ich durfte feststellen, dass das gar nicht so einfach ist. Denn ich wurde auf eine gewisse Art groß. Mein Herzmensch ebenso. Anpassung, Einfügen. Ein bisschen kann man so sein, wie man will, aber bitte nicht zu viel – muss eben auch mit anderen Menschen irgendwie kompatibel sein. Die goldene Mitte. Puh.
Dann ist da dieser kleine Mensch, der unaufhörlich zeigt, dass wir Menschen ganz schön viele komische Regeln haben – und will sie auch bei bester Erklärung (noch) nicht verstehen, geschweige denn umsetzen. Für manches braucht es vielleicht noch Zeit, bis Perspektiven im Köpfchen möglich sind. Doch bei vielen Ansichten und Regeln hinterfrage ich eben auch schon länger und immer wieder, ob das alles so Sinn macht. Am Ende will ich vor allem authentisch sein, denn mein Kind erkennt sowieso, wenn ich ihm Regeln vor die Nase halte, die ich selbst überflüssig finde und an die ich mich nicht halte. Letztlich sind viele natürlich im Zusammenleben mit so vielen anderen Menschen sinnvoll – aber bei Weitem nicht mehr alles davon.
Seitdem unser Herzenskind in unserer Mitte ist, wurden wir auf einen anderen Weg der Elternschaft geführt. So sensibel, so reizoffen, so eine ganz eigene körperliche und geistige Entwicklung – im Vergleich zu vielen anderen Kindern um uns herum – ließ uns viele Vorstellungen von einem Leben mit Kind über Bord werfen. Während wir im ersten Lebensjahr noch von „Highneed-Baby“ sprachen, dachten, es „verwächst“ sich vielleicht – konnten wir mit jedem weiteren Lebensjahr sehen, dass es sich nur anders verteilt. Und nun, seit ungefähr einem halben Jahr kristallisiert sich immer mehr eine Neurodivergenz heraus. Darüber hinaus erkennen wir uns selbst auch immer mehr im Spektrum, lernen uns besser verstehen – und vieles im Alltag sieht aus dieser Perspektive plötzlich anders aus. Denn es macht Sinn.
Ein Kind, das alleine schläft, durchschläft, alleine spielt, gerne mit anderen Kindern spielt und in den Kindergarten geht, immer gerne rausgeht? Soll es ja geben – doch unser Kind ist zur Zeit nicht dazu bereit. Das glauben die wenigsten Menschen einfach so, denn es liegt ja nahe, dass wir als Eltern ganz bestimmt was verkehrt machen, wenn unser Kind nur bei uns ist. Wir sind schlechte Vorbilder, eine Mutter mit der Vorgeschichte ist prädestiniert zu Klammern, wir sind einfach nicht konsequent genug, es braucht mehr Grenzen. Ganz klar.
Nun sind wir ja nicht ganz auf den Kopf gefallen oder gar von einem anderen Stern (auch wenn wir uns mit manchen Ansichten sehr außerirdisch fühlen). Wir fragen uns ja auch seit Beginn dieser Familienreise, warum so vieles mit unserem Kindchen so läuft, wie es eben läuft. Wir wollen verstehen und suchen nach Antworten auf unsere Fragen. Und tatsächlich hat das Thema Neurodiversität alles am besten erklärt! Wenn man plötzlich für so vieles sinnvolle Erklärungen findet – dann entlastet das innerlich enorm. Ein Themengebiet, das uns nicht gänzlich unbekannt ist, aber dennoch erfordert es nun einiges an Recherche. Seit vielen Monaten belese ich mich nun also darüber, finde Erklärungen und entwickele mehr und mehr Verständnis – für unser Kind, für meinen Herzmenschen und auch für mich. Jetzt entlarven sich immer mehr meine Ansprüche an mich, meine Vorstellungen und Ideale, die in einer neurodiversen Familie nicht immer passend sind. Diese ganz eigene kleine Welt in die große weite Welt einzufügen, ist herausfordernd. Es entsteht Reibung, Unsicherheit, Unverständnis – aber auch ganz viel Mut. Mut, zu sich selbst zu stehen und unserem Kind einen Weg zu ermöglichen, der ihn nicht zu völliger Anpassung zwingt, aber dennoch genügend Teilhabe zulässt.
Was machen die meisten „für gewöhnlich“ im Sommer? Schwimmen im Freibad, Eisessen gehen, draußen spielen mit Freunden – viel Zeit draußen und mit anderen Menschen. Für neurotypische Menschen stellt das keinerlei oder nur wenig Herausforderung dar, es versetzt sie mehr in Freude und erfüllt sie. Doch für neurodivergente Menschen ist das meistens anders. Ein so empfindsames Nervensystem ist bereits mit den Temperaturen, der hellen und heißen Sonne herausgefordert, mit den körperlichen Reaktionen darauf. Die Vorstellung an ein Freibad voller Menschen, die sich dort herumbewegen und Geräusche produzieren – gedanklich bereits kaum zu halten. Man findet andere Wege, um irgendwie am Leben draußen teilzunehmen – aber letztlich braucht es danach immer wieder individuelle Regenerationszeit.
Tja, und nun sehe ich uns alle hier. Irgendwo im Spektrum der Neurodiversität. Bin dankbar, durch unser Herzenskind ganz viel darüber lernen zu dürfen – um auch mich besser zu verstehen. Es macht mich demütig, weil das schon wieder scheinbar alles so sein soll. Es macht mich auch ein wenig traurig, denn ich sehe, welche Spuren bei meinem Herzmensch und mir unter der Anpassung zurückgeblieben sind. Aber nun haben wir die Chance, ein Leben für unsere Familie zu gestalten, dass für uns alle gesünder und zufriedener verläuft. Ich verstehe immer mehr, dass so vieles nicht zu uns passt, was für die meisten völlig normal ist. Aber ich möchte mich deswegen nicht mehr schlecht fühlen. Ich möchte diese Vorstellungen, diese Ideale und meinen hohen Anspruch an mich selbst in Frieden loslösen – denn es ist mir nicht mehr dienlich. Der Damm darf brechen, damit es endlich einfach nur fließen darf. Denn dann wird es mir endlich möglich, meine Herzmenschen so anzunehmen, wie sie wirklich sind. Und mich dann wohl auch.
