Wärmekissen

Ich hab Bauchweh. Ich will mich aufs Sofa legen, mit einer Decke und Wärmekissen. Mein Herzenskind. Weiß schon genau, was ihm hilft.

Ich erwärme das Kissen und denke mir zuerst nichts dabei. Doch dann fällt es mir ein: Wie oft habe ich das damals gemacht? Jeden Abend. Immer mit Kindchen auf dem Arm, bevor es für uns ins Bett ging. Denn irgendwie gehörte es dazu, seit der riesige Tumor seinen Bauch einnahm. Ich kann mir kaum vorstellen, wie sich das für ihn angefühlt haben muss.

Auch für mich muss schon seit langer Zeit immer ein Wärmekissen im Haus sein, denn mit ständigen Nacken- und Kopfschmerzen war es für mich essentiell, mir damit Linderung zu verschaffen. Da mein sensibler Körper auch schnell mit Bauchschmerzen auf Stress reagiert, führt mich der erste Weg immer zum Wärmekissen. Es gibt mir ein wohliges Gefühl, Sicherheit und ich kann wunderbar entspannen. Da ist es schon beinahe so eine automatische Reaktion, wenn mir jemand von Bauchweh berichtet, dass ich das Wärmekissen anbiete – wie „Gesundheit“ bei einem Nieser. Und mein Herzenskind hat es bereits verinnerlicht und scheinbar für sich als gute Strategie begriffen, sich damit Abhilfe zu verschaffen.

Als ich das warme Kissen zu meinem Herzenskind bringe, wird mir bewusst, dass ich mit seinem Bauchweh doch recht entspannt umgehe. Da er gerade wieder körperlich zu wachsen scheint, bestehen seine Tage zum größten Teil aus Essen – und da kommt einiges zusammen. Dementsprechend liegt die erste Überlegung nahe, dass er eben deswegen Bauchweh bekommen hat. Für einen Moment schaue ich ihn genauer an: Ist er vielleicht doch etwas blasser, als sonst? Wie sieht sein Bauch eigentlich aus? Hat er Temperatur?

Nichts.

Oder doch?

Übersehe ich was?

So, wie damals?

Nein, ich habe es nicht übersehen. Damals bei meinem ersten Sohn. Denn wer glaubt denn schon, dass im Bauch eines so wonnigen Kleinkindes ein riesiger Tumor sitzt? Irgendwann entwickelte sich damals das Gefühl bei mir, dass es etwas ernstes ist. Doch da hatte er bereits einen Krankenhausaufenthalt und Antibiotika-Therapie hinter sich und alles sah zunächst wieder gut aus. Bis das Fieber wieder kam. Und sein Bauch unübersehbar groß geworden war. Das war eine Sache von knapp zwei Wochen.

Ich war so nah dran an meinem Kind und hatte das Gefühl, etwas übersehen zu haben. Doch auch die ersten behandelnden Ärzte haben es nicht richtig eingeordnet – wie sollte ich es dann können? Ich muss mir immer wieder sagen, dass ich alles getan habe, was mir möglich war. Ihm konnte geholfen werden, auch wenn die Krankheit am Ende stärker war. Ob es seine Prognose verbessert hätte, wäre der Tumor früher gefunden worden? Das ist Spekulation und bringt nichts mehr.

Und für einen Bruchteil geht mir das durch den Kopf, während mein Herzenskind da so mit seinen Bauchschmerzen liegt. Doch ich kann die Gedanken weiterziehen lassen – denn mein Gefühl sagt mir, dass es eine „einfache“ Erklärung für sein Bauchweh gibt. Ich schaue ihn an, wie unversehrt er ist. Dass er körperlich gesund ist und nicht lebensbedrohlich erkrankt, ist das größte Glück für mich. Sein empfindsames Nervensystem und die damit verbundenen Herausforderungen im Alltag sind nicht vergleichbar mit der schweren Erkrankung seines Bruders – doch ihm bleibt einiges erspart, was sein großer Bruder so aushalten musste.

Statt also in Angst oder Panik zu verfallen, sobald mein Herzenskind Bauchweh oder sonstige Schmerzen hat, kann ich tatsächlich besonnen bleiben und ihm erstmal Abhilfe verschaffen. Ich bin scheinbar im Vertrauen, dass ich es spüren werde, wenn ihn etwas ernsthaftes beschäftigt, wobei ich ihm allein nicht helfen kann. Ich bin mir bewusst, welche schweren Erkrankungen Kinder ereilen können – und sicher, manchmal habe ich sorgenvolle Momente, dass mein Herzenskind ebenfalls eine lebensbedrohliche Erkrankung bekommen kann. Doch es lähmt mich nicht – und das hatte ich bereits befürchtet, als er in meinem Bauch heranwuchs. In der Schwangerschaft mit dem Herzenskind mussten wir uns mit einem Ultraschallbefund auseinandersetzen, der eine Behinderung prophezeite. Da waren Softmarker im Gespräch und es folgten vier Wochen, in denen ich absolut an meinem Vertrauen und meiner Haltung arbeiten durfte. Denn die Worte „Da stimmt etwas nicht“ haben nach meinem ersten Sohn tiefe Spuren hinterlassen und alles was ich wollte, war ein gesundes Kind. Eine „Behinderung“ hätte die Liebe zu diesem Kindchen in meinem Bauch keinesfalls geschmälert. Was geblieben ist, ist die gespaltene Sicht auf Frühdiagnostik, denn es ist Fluch und Segen zugleich.

Wenn man ein schwerkrankes Kind gehen lassen musste, ist die Elternschaft bei einem weiteren Kind ganz schön ambivalent. Nicht sofort durchdrehen, aber auch nicht alles auf die leichte Schulter nehmen. Irgendwie was dazwischen. Ganz oft die eigene Motivation für Dinge hinterfragen und sich vielleicht doch immer mal wieder eingestehen, dass man eben ein bisschen geprägt wurde und milde mit sich sein darf. In diesem Fall bin ich einfach erstaunt über mich und froh, dass ich scheinbar eine „gesunde“ Haltung einnehmen kann. Für mich und mein Kind.

Einen Abend später klagte mein Kind wieder über Unwohlsein, Schmerzen im Rücken. Er zeigte mir wo und ich massierte ihn sanft. Vermutlich Wachstum. Oder vielleicht hat er es aufgegriffen von mir – denn ich hatte an diesem Tag auch Rückenschmerzen und erklärte ihm, warum ich nicht so gut herumtoben konnte.

Für einen Moment kam der Gedanke: Was wäre wenn…?

Was wäre, würde auch dieses Kind vor mir sterben?

Mein Herz schlug schneller. Eine leichte Panik stieg auf. Doch ich erkannte schnell: Wenn es so wäre, müsste ich auch damit leben lernen.

Mein Herzenskind lebt. Jetzt. Und ich genieße das – so lang, wie unser gemeinsamer Weg eben bestimmt ist. Ich tue mein Bestes, ihm ein gesundes und glückliches Leben zu ermöglichen. Egal, welche Herausforderungen in unserem Leben kommen – wir werden sie meistern. An jedem Schmerz werden wir wachsen. Wir lernen dabei immer, was uns helfen kann, uns wieder besser zu fühlen – und sei es ein Wärmekissen.

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