Unter Kinder.
An die frische Luft. Jeden Tag.
Gesund und ausgewogen essen. Am besten zuckerfrei!
Bücher lesen.
Viel Bewegung haben.
Zähne putzen. Körperpflege.
Grenzen erfahren.
Auf ihre Eltern hören.
Rücksicht auf andere nehmen.
Am besten keine Bildschirmmedien nutzen.
Malen.
Basteln.
In den Kindergarten.
In die Schule.
….
[Liste unendlich erweiterbar]
…
Immer wieder gehen mir alle möglichen „Müssen“ in Bezug auf Kinder durch den Kopf. Dann, wenn es so ganz anders bei uns läuft, als es die breite Masse wünscht und lebt. Selbstzweifel flackern häufig auf, seitdem mein Herzenskind geboren ist. Von allen Seiten, überall, lese und höre ich, wie es laufen sollte/könnte/müsste/hätte/wenn/aber…
Und dann kommt mein Kind.
In über vier Jahren Mutterschaft für mein Herzenskind bin ich enorm gewachsen. Doch diese krassen Selbstzweifel, diese alten Glaubenssätze sind manchmal noch raumfordernd in meinem Kopf. Mein Herz weiß, wo es hin will, wie ich mich verhalten möchte, was gut ist. Aber ich bin eben geprägt. Von Werten und Normen in dieser Gesellschaft. Von meiner eigenen Erziehung. Dann spüre ich natürlich auch, wo meine Bedürfnisse und Grenzen liegen – die sind manchmal nicht identisch mit denen meiner beiden Herzmenschen. Und während ich zur Zeit nach drei Tagen zuhause fast in eine Depression rutsche, weil ich wenigstens eine kleine Runde Bewegung an der frischen Luft brauche – sitzt mein Kindchen immer noch recht zufrieden in den heimischen vier Wänden.
Winter! – geht es mir so durch den Kopf. Mein Kind ist im Wintermodus. Schnee wäre noch ein Anreiz, vor die Tür zu gehen – aber nur in die pure Kälte, ab auf den Spielplatz? Wenn er die Wahl hat, sagt er ganz klar NEIN. Mit Engelszungen spreche ich mit ihm, überlege mir, wie ich in vor die Tür bekommen kann. Wenn ich allein mit ihm bin gibt es eben nur „Ja oder Nein“, denn ohne ihn kann ich dann nicht nach draußen. Und wenn er dann da sitzt, bitterlich weint und mir glaubwürdig erzählt: Wenn jemand etwas nicht will, dann müssen das die anderen verstehen!… Was soll ich da noch sagen? Ich möchte, dass er ein gutes Gespür für sich hat. Ob er zu sehr dabei in der Komfortzone verweilt und ich ihn herauslocken muss, ist manchmal gar nicht so leicht herauszufinden. Ich weiß, wenn er sich gut fühlt und der Anreiz groß genug ist, willigt er ein. Dopamin zieht! Und momentan scheint ein belangloser Ausflug zum Spielplatz in der Kälte nicht immer reizvoll zu sein.

Immerzu erkläre ich rechtfertige ich vor mir selbst, dass das doch eigentlich in Ordnung ist. Eigentlich. Denn dann kommen die inneren Kritiker um die Ecke und stellen mir ein Bein:
Du bist die Mutter, sei ein Vorbild! Lass Dir was besseres einfallen, um ihn zu beschäftigen. Warum hast Du ihm erst ein Tablet besorgt und ihn Bildschirmmedien konsumieren lassen – das hast Du jetzt davon! Du verdirbst Dein Kind! Er bewegt sich zu wenig! Er isst zu viel Süßigkeiten! Du beschäftigst Dich zu wenig mit Deinem Kind! Vielleicht sollte er doch in den Kindergarten, damit er besser ausgelastet ist!
Würde ich das einer guten Freundin in der Situation sagen? Nein. Warum spreche ich dann so mit mir? Weil diese ganzen Ansprüche, Erwartungen und Vorstellungen an Eltern und Kinder gnadenlos zu hoch angesiedelt sind. Je mehr ich mich davon gedanklich distanziere, desto besser geht es mir. Doch das erfordert eine gute innere Ausrichtung. Ich muss Gedankenkreisel aktiv stoppen und mich fokussieren. Auf das Wesentliche. Auf mein Kind. Auf uns. Und dann merke ich schnell, wie wenig unser Alltag mit der vermeintlichen Norm zu tun hat (oder vielleicht doch und es spricht nur niemand darüber?). Unser Familienalltag ist harmonischer, wenn ich auf Bedürfnisse eingehe, statt mich permanent an künstliche Regeln zu halten. Viel öfter mal ein Auge zudrücken, fünfe gerade und die Welt Welt sein lassen.
Irgendwie hatte der Spruch von Pippi Langstrumpf schon was. Ich mach mir die Welt, wiedewiedewie sie mir gefällt. Sich ein Stückchen Freiheit zu bewahren und den eigenen Weg durch diese Welt gehen – mit Verbindungen und bedingungsloser Liebe.
Und die Liebe gewinnt einfach immer hier. Ob ich mein Kind „verweichliche“? Ob ich ihm zu viel erlaube und zugestehe? Oh ja! Und das sogar gerne. Denn ich finde, die Welt braucht wieder mehr „weiche“ Menschen, die die Anbindung zu ihrer Seele hüten und aus vollem Herzen lieben und geben können. Mein Kind ist ein Mensch und hat meiner Meinung nach die gleichen Rechte, wie Erwachsene. Was (noch) nicht möglich ist, erklären wir uns gegenseitig. Und ich bin stolz auf diesen kleinen Menschen, dass er mir so gut sagen kann, wenn er etwas nicht möchte. Er spürt seine Grenzen und die respektiere ich.

Natürlich wünsche ich mir auch immer mal wieder diese naturverbundene Lebensweise. Sicher, ich kann als Vorbild vorangehen. Nicht nur ich, auch mein Herzmensch. Doch bei allem Vorbild bringt unser Kind auch was ganz Eigenes mit auf diese Welt. Und das berücksichtigen wir, wollen es verstehen und sehen alles als Angebote, aber nicht als etwas, das es unter Zwang zu entdecken gilt.

