Kalter Kaffee

In einem Beitrag schrieb ich darüber, dass ich bei uns oft ein Nicht-Können bei einem gleichzeitigen So-gerne-Wollen beobachte.

Heute Morgen fielen mir wieder einige Sprichworte und Redewendungen ein, die ein Außenstehender und auch der innere Kritiker in mir sagen könnten, um das zu entkräften:

Kann ich nicht, gibt’s nicht!

Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg.

Du musst nur mal über Deinen Schatten springen.

Raus aus der Komfortzone!

Und sicher ist an diesen Worten auch was dran. Sie können motivieren, anspornen und Menschen in ihre Kraft kommen lassen.

Sie können.

Doch der bittere Beigeschmack ist für mich: Druck. Es fehlt mir dabei tatsächlich die wichtige Portion Empathie und Verständnis für die Situation des anderen. Diese Worte implizieren meiner Meinung nach, dass es eine ziemlich leichte Rechnung ist – und ich empfinde das Leben nicht immer nur als 1+1=2.

Sicher, mein Herzmensch könnte mit unserem Kind nach einem 12 Stunden Dienst spielen. Aber es kostet ihn was, wenn er es macht, obwohl er eigentlich eine Pause bräuchte. Er will im Herzen gerne Zeit mit seinem Kind verbringen, doch die Ressourcen dafür sind erschöpft.

Sicher, ich könnte mein Kind mit durch den Supermarkt schleifen, obwohl er mir mehrere Male sagte, dass er Zuhause bleiben und nicht raus möchte. Er muss halt einfach nur mal aus seiner Komfortzone raus und am Ende wird’s doch gehen. Klar, es wird auch gehen. Irgendwie. Doch es wird ihn was kosten. Und mich auch. Vermutlich will er schon gerne irgendwo tief in sich drin mitkommen, kann aber aus Gründen offenbar nicht. Meine Aufgabe ist es, hinzuspüren und mit ihm herauszufinden, warum er nicht kann und ob es vielleicht doch klappen könnte.

Ja, aber wenn er muss, dann geht’s doch auch!

Richtig. Wenn er muss. Doch wenn wir eine Wahl haben, eine Möglichkeit – wozu ständig über die eigenen Grenzen gehen, wenn doch die Option besteht auch mal in der Komfortzone zur Ruhe und Kraft zu finden? Was kann einem in dieser kapitalistischen Leistungsgesellschaft besseres passieren, als verständnisvolle Menschen um sich herum, die einem den Raum halten, auch mal etwas Nicht-Können zu dürfen?

Jahrelang bin ich massiv über meine Grenzen gegangen. Ich habe meine körperlichen Symptome mit Schmerzmitteln betäubt, um weitermachen zu können. Und in den letzten Jahren mit unserem Herzenskind bin ich ganz sicher oft über meine Grenzen gegangen, wo ich gerne einfach eine Pause gemacht hätte. Oft kommen auch da die Einwände von außen, dass ich mir selbst mehr wert sein muss, mich nicht vergessen darf – und immer das Beispiel der Sauerstoffmaske im Flugzeug.

Ist richtig. Sicher stand ich mir in manchen Momenten auch selbst im Weg. Hatte das Gefühl, wegen der ganzen Verantwortung nicht zu können, obwohl ich gerne wollte. Von außen sieht es immer leicht aus, eine Lösung zu finden. Doch Familiensysteme sind so individuell und es gibt nicht eine Lösung für alle – sowohl für Kinder, als auch für die Eltern. Wo andere Mütter in meinem Umfeld nach dem ersten Geburtstag ihrer Kinder wieder arbeiten gingen und ihre Kinder anderweitig betreuen ließen, war es hier einfach nicht denk- und umsetzbar. Wo andere Eltern recht schnell und regelmäßig wieder  Paarzeit am Abend hatten, wenn das Kind oder die Kinder pünktlich schliefen, waren wir froh, wenn unser Kind eine Stunde am Stück schlief.

Ich hatte sehr lange ein Bauchgefühl, was nicht nur unser Kind, sondern auch uns betraf. Diese Reizoffenheit, die Sensibilität – sie war immer da. Es war eine einfache Erklärung für mich, warum wir oft nicht konnten, obwohl wir wollten.

Nun wissen wir: Autismus und ADHS sind die Erklärung. Damit können wir arbeiten.

Und besonders in solchen Momenten, wo ich spüre, wie das Nervensystem eines Einzelnen bei uns daheim überladen ist, kann ich nachsichtiger sein. Milder. Verständnisvoller.

Wenn der Kaffee mal wieder kalt wird, weil zu viele Reize vom Trinken abhalten.

Wenn wir völlig erschöpft vom Wocheneinkauf nach Hause kommen und nicht mehr viel geht.

Wenn wir kaum Energie haben, gemeinsam zu spielen und sich jeder vor seinem Tablet selbst reguliert.

Es ist ein Nicht-Können, obwohl wir so gerne wollen. Doch irgendwann braucht das Nervensystem eben mal Pause. Und bei uns geht’s vielleicht ein bisschen schneller.