
„Mir reicht es! Immer wieder klappt es nicht mit euch beiden. Keiner hat Geduld mit dem anderen!“
Huch. War ich das gerade? Wo kam das denn her?
Ich bin aufgebracht. Wütend. Genervt.
Warum?
Weil zu viele aufwühlende Momente aufeinander getroffen sind. Herzenskind und ich hatten mal wieder einen quirligen Tag, springen beinahe wie Flummis durch die Wohnung und hatten einen Kopf voller Ideen und Wünsche, die aus uns heraussprudelten, sobald jemand vor uns stand. In diesem Fall mein Herzmensch. Und der kann da manchmal nicht so gut mit um – verständlicherweise. Da wollen zwei Menschen auf einmal was erzählen, ohne sich vorher abzusprechen, und reden durcheinander. Ich schaffe es natürlich schon, eben zu warten, während unser Herzenskind das Timing noch nicht so gut beherrscht. Sobald ich die Überforderung bei meinem Herzmensch spüre, wende ich mich ab und lege mein Anliegen erstmal zur Seite.
In diesem Fall war mein Anliegen, zu dritt in die Stadt zu fahren und eine Kleinigkeit für einen anstehenden Geburtstag zu besorgen. Nach einem ausgelassenen Vormittag und einem heiteren Mittagessen hatte ich das Gefühl, dass wir an diesem Tag alle in guter Verfassung dafür wären.
Als meine beiden Herzmenschen schließlich auf dem Sofa saßen, einer an der Konsole, der andere vor dem Tablet, kam es zum Gefühlsausbruch: Mein Herzmensch begann gerade ein neues Spiel auf der Konsole und direkt kam unser Kindchen auf ihn zu, fragte ihn mehrere Male ganz zart und freundlich: „Papa, kann ich auch mal spielen“. Dann war es um die Geduld meines Herzmenschen geschehen, er stand genervt auf und verließ den Raum. Zu viele Anforderungen an diesem Tag.
Ich ließ mich von der Energie anstecken, machte meiner Wut lautstark Raum und baute in Windeseile die Konsole ab, damit ich sie wieder in den Raum bringen konnte, wo sie zuvor stand: Der Raum, der ein Rückzugsort für meinen Herzmenschen darstellen soll, wenn er dringend Zeit für sich zur Regulation braucht. Unser Kindchen weinte bitterlich, fand das alles unfair. Sagte mir, dass er nie spielen dürfe und immer nur sein Papa. Ich konnte es leider nicht so gut begleiten, wie ich gerne hätte. Ich war aufgebracht, denn ich hatte mir den Nachmittag anders vorgestellt. Und ich war in einer Energie drin, die ich noch sehr aus meiner Kindheit kenne. Da wurde oft kurzer Prozess gemacht, ohne Diskussion, ohne eine Erklärung. Aus der Grenze meiner Eltern, manche Konflikte und Meinungsverschiedenheiten konstruktiv zu lösen, wurde am Ende meine Unsicherheit und die innere Wahrheit: Ich darf meine Eltern nicht verärgern. Ich habe damit meinen Frieden bezüglich meiner Eltern geschlossen, denn sie gaben ihr Bestes zu dieser Zeit. Doch es hat sich einprogrammiert und lasst mich oft immer noch angespannt durch mein Leben laufen, denn ich möchte um Himmels Willen am liebsten mit niemandem im Klinsch liegen. Dass das unmöglich ist, ist mir klar. Und offenbar ist ja überall von einer gesunden Streitkultur die Rede. Kürzlich las ich noch die wunderbare Aussage, dass jemand nur mit Menschen streitet, die er liebt – denn mit ihnen möchte er eine gemeinsame Lösung finden, mit der alle gut leben können. Die Energie wendet man ja nicht bei jedem Menschen auf. Das fand ich sehr interessant.
Nach ein paar Minuten konnte ich mich wieder auf mein Kind einlassen. Ich entschuldigte mich dafür, dass ich so laut war und vieles, von dem was ich sagte, war nicht nett. Ich erklärte ihm, warum sein Papa rausging. Warum es manchmal schwierig für uns ist, geduldig zu bleiben. Ich sagte ihm, dass es in diesem Moment für seinen Papa zu viel war. Und auch für mich. Dass wir uns manchmal von der Stimmung des anderen anstecken lassen, obwohl wir das gar nicht wollen. Ich habe ihm erklärt, warum die Konsole wieder im anderen Raum ist und dass er gerne darauf spielen kann, wenn sein Papa gerade nicht damit spielt. Denn manchmal reicht schon die kleinste, freundlichste Frage, um das Fass zum Überlaufen zu bringen. Das Gespür dafür habe ich entwickelt – aber ich verlange es nicht von meinem Kind. Denn wenn ich mir eines für mein Kind wünsche, dann ist es wohl die Fähigkeit, sich von den Worten und Gefühlen anderer gut abgrenzen zu können. Sie nicht zu seiner Wahrheit werden zu lassen. Nur, weil man jemand anderen verärgert, hat man nicht grundsätzlich etwas verkehrt gemacht. Wir können nicht wissen, wie es in dem anderen Menschen immer so aussieht- wie gestresst, wütend, traurig oder was auch immer er ist. Es besteht immer die Möglichkeit, jemand anderen auf dem falschen Fuß zu erwischen und Reibung zu erzeugen.
Eine Weile noch lag mir mein Kind im Arm und ich konnte deutlich spüren, wie allmählich die Anspannung und Aufregung aus unseren Körpern wich. Das Spiel, dass er gerne auf der Konsole spielen wollte, installierte ich ihm kurzerhand auf seinem Tablet. Wir konnten wieder gut miteinander sein. Schließlich ging ich zu meinem Herzmenschen, umarmte ihn und sagte ihm, dass mit ihm nichts verkehrt sei und es verständlich für mich war, dass er so reagierte. Ich spiegelte ihm, dass unser Kindchen und ich an diesem Tag wieder sehr überschäumende Energie hatten und ich darum weiß, dass es für ihn manchmal schwer zu händeln sei. Ich entlastete uns alle und warf mein Vorhaben für den Nachmittag über den Haufen, denn ich spürte, dass es uns zu viel kosten würde. Ich fragte ihn, was er an diesem Nachmittag bräuchte – in der Annahme, dass es Rückzug und Zeit für sich sein würde. Er sagte mir, dass er sich gerne etwas zurückziehen würde und somit verbrachten wir den Nachmittag getrennt.
Es gibt noch häufig Tage, die für mein Empfinden etwas unstrukturiert laufen. Wir haben einen Wochenplan für uns und fürs Kind, doch reicht meine eigene Konzentration an manchen Tagen nicht aus, um diese haargenau einzuhalten. Ich weiß, dass ich damit schon immer ein wenig Probleme hatte, wenn nicht von außen gezielte Punkte den Tag durchstrukturierten. Für meine Herzmenschen ist es ebenfalls eine Herausforderung. Ich spüre, wie angespannt ich oft bin, weil wir eine Vorbildfunktion für unser Kind haben und nun wir ihm diese Struktur vorleben und einhalten können. Doch von uns beiden bin ich diejenige, die noch am besten einen Überblick behalten und die Zeit managen kann – denn mein Herzmensch hat da sehr oft große Schwierigkeiten. Zu wissen, dass das zur autistischen Wahrnehmung dazugehört, hilft mir natürlich wieder enorm, für uns alle Verständnis aufzubringen, wenn so mancher Tag etwas chaotisch verläuft. Doch ich übe mich jeden Tag mehr darin, die Tagesstruktur für uns alle aufrechtzuerhalten, damit wir auch mit unseren Energien besser haushalten können.
Solche Momente, wie dieser. Wo Gefühle überschäumen und alles aus uns herausplatzt, fühlen sich immer noch oft mies an. Ich kenne das noch sehr aus meiner Kindheit, denn ich konnte damit noch nie gut umgehen, wenn es Streit gab. Es macht sich bei mir körperlich sehr bemerkbar. Doch mittlerweile finde ich immer öfter einen guten Weg aus diesen Situationen und kann erkennen, was da gerade so unrund lief, um es hinterher für uns alle in Worte zu fassen. Denn ich möchte es klären, damit die trübe Suppe aus Gefühlen und Gedanken nicht ewig in uns herumköchelt. Ich möchte meinem Kind eine gesunde Streitkultur vorleben. Und in jeder Situation übe ich weiter.
