Stimming

Seitdem ich im vergangenen Jahr begonnen habe, mich intensiver mit Autismus zu beschäftigen, konnte ich einiges in unserem Alltag besser einordnen. Unser Herzenskind wurde beispielsweise auffallend lauter und machte Geräusche, sobald wieder eine weitere Person den Raum betrat. Den gesamten Tag über werden Action-Geräusche gemacht – vor allem im gemeinsamen Spiel oder am Tablet. Als würde dieser kleine Mensch seine eigene Hintergrundmusik komponieren. Es ähnelt sehr dem Beat-Boxen und ich bin tatsächlich immer wieder sehr verblüfft, wie rhythmisch und vielfältig sich seine Musik so anhört.

Wenn etwas Aufregendes und Spannendes passiert, erkennen wir das bei unserem Kindchen daran, dass er mit den Händen wedelt.

Mein Herzmensch spielt bei jeder kleinsten Gelegenheit und sobald eine Hand frei ist, in seinem Bart herum.

Das war bis dato für mich normal und gehörte einfach zu den beiden dazu. Irgendwann erkannte ich dann das Muster hinter jeder Handlung und begriff: Das ist Stimming! Wie clever.

Doch was ist Stimming eigentlich?

Ich zitiere eine sehr gut verständliche Zusammenfassung von AutismusSpektrum.info:

Stimming sind sich wiederholende und gleichbleibend wirkende Handlungen mit dem Ziel, eine vermehrte Anspannung abzubauen. Die starke Erregung wurde entweder durch einen belastenden Sinnesreiz ausgelöst oder durch die Kombination verschiedener Impulse. Zum Beispiel einem besonders unangenehmen Geräusch, bzw. einem Geruch oder durch komplexe, unstrukturierte Aufgaben und Situationen, bei denen die entsprechenden Reize nicht ausreichend selektiert sowie zu einem Gesamtbild verbunden werden können.

https://www.autismusspektrum.info/post/stimming-was-das-ist-und-wie-es-autisten-helfen-kann

Zu wissen, dass diese Handlungen einen Sinn für autistische Menschen haben, lässt sie in einem anderen Licht erscheinen. Denn nicht alle Handlungen sind für das unmittelbare Umfeld immer so einfach auszuhalten. Einige Geräusche oder Bewegungen können raumfordernd sein und die eigenen Sinne auf Dauer strapazieren. Nicht immer passen sie in die starren Strukturen und Vorstellungen von Gemeinschaft. Doch ich bin der Ansicht, dass dahingehend das Umfeld der autistischen Menschen gefragt ist, eine geeignete und passende Lösung für alle Beteiligten zu finden.

So weit die Theorie.

Unsere Diagnosen sind ja noch recht frisch. Ich habe mir im vergangenen Jahr schon vieles angelesen, um unseren Alltag Autismus-freundlicher zu gestalten. Dazu zählt beispielsweise, dass ich mir Gehörschutz einsetze, um das Stimming meines Kindes nicht dauerhaft unterbinden zu müssen. Es gibt Tage, da überreizen mich das wiederkehrende Beat-Boxen und die sich immer wiederholenden Melodien meines Kindes sehr und ich freue mich, wenn am Abend Ruhe einkehren kann.

Mein Herzmensch und ich haben uns über die Jahre unauffällige Stimming-Handlungen angewöhnt. Ich drehe beispielweise oft an meinen Ohrsteckern oder reibe mir dezent das Kinn, wenn ich jemandem intensiv zuhöre. Das mache ich bereits seit meiner Schulzeit, genauso wie das Pulen an der Nagelhaut meiner Daumen, wodurch sie oft sehr ramponiert aussehen. Mit meinen Fingern trommele ich oft rhythmisch auf Oberflächen herum. Das gehört schon sehr lange zu mir und erst durch meine beiden Herzmenschen und die Diagnostik habe ich verstanden, dass es immer Stimming war, um meine innere Anspannung abzubauen.

Wir haben das Glück, dass unser Herzenskind zur Zeit noch überwiegend in einem verständnisvollen Umfeld sein kann, wo alle Beteiligten recht gut mit dem Stimming umgehen können. Wenn es mal zu laut wird, dann bitten wir ihn, ein bisschen leiser zu sein, aber wir unterbinden seine Geräusche nicht. Oft helfen auch schon Anti-Stress-Spielzeuge, um die innere Anspannung zu regulieren. Ich wünsche mir, dass wir auf lange Sicht Methoden mit ihm entwickeln können, damit er gut in anderen Gemeinschaften sein kann, ohne sich groß einschränken zu müssen und in der Gefahr läuft, zu stark dafür kritisiert werden oder gar Verbote erfahren zu müssen. Widerstände werden kommen, da bin ich mir sicher, denn die Gesellschaft lernt gerade erst immer mehr, was Autismus bedeutet und wie Menschen mit dieser besonderen Wahrnehmung gut integriert werden können.

Ich bin sehr gespannt auf die hilfreichen Informationen im Umgang mit Autismus, die in Zukunft noch an uns herangetragen werden. Denn mein Herzmensch und ich haben unser Leben bisher versucht neurotypisch zu leben, was uns viel Anpassung und Kraft gekostet hat. Für unser Herzenskind wünsche ich mir einfach von Beginn an ein passendes Umfeld und individuelle Ideen, um ihm die Teilhabe an Gemeinschaft zu ermöglichen. Das darf ich jetzt alles nochmal neu lernen.