Ich weiß noch, als meine Hebamme vor fünf Jahren zur Schwangerschaftsvorsorge zu mir nach Hause kam und sie mich fragte, ob ich mein Kind stillen möchte. Ich antwortete: „Ja, auf jeden Fall! Wenn ich kann.“
Sie schaute mich an, lächelte und sagte: „Warum solltest Du nicht können?“
Daraufhin erzählte sie mir, dass sie meine Antwort bezüglich des Stillens sehr häufig hört und sie daran sieht, wie unsicher werdende Mütter oft noch sind in Bezug auf dieses Thema. Denn Vorbilder gab es eine Zeitlang wenige, da es geläufiger war, den Kindern recht schnell Muttermilchersatz zu geben, um die frischgebackenen Mütter zu entlasten – und um sie im bestem Fall schnell wieder in den Beruf zurückzubewegen. Ich weiß, die Gründe dafür sind vielfältiger.
Ich hatte meinen ersten Sohn bis kurz vor seinem ersten Geburtstag gestillt. Die ersten drei Monate liefen holprig, doch irgendwann lief es von einem Tag auf den anderen und es war eine besondere Zeit. Ich war total stolz, mit 23 Jahren damals in der Lage zu sein, mit meinem Körper nicht nur einen kleinen Menschen zu bauen, sondern auch zu nähren. Und wie genährt er war! Ich hatte keine sonderlich große Brust und niemand hätte erwartet, dass ich so viel Milch produzieren würde.
Darum ging ich erstmal in der Annahme auf die Geburt unseres Herzenskindes zu, dass die Milch schon laufen würde. Ich hatte mich in der Zeit viel belesen und fand besonders den Aspekt interessant, dass Babys unmittelbar nach der Geburt bereits die Kraft haben, zur Brust zu kriechen. Die Brustwarzen färben sich im Laufe der Schwangerschaft dunkel und ermöglichen somit dem Neuankömmling, die Nahrungsquelle erkennen zu können. Wir kommunizierten den Wunsch danach in der anthroposophischen Klinik, in der unser Kind geboren werden sollte.
Schließlich wurde unser Herzenskind spontan geboren und direkt auf meinen Bauch gelegt. Wir durften uns in Ruhe beschnuppern. Dieser kleine Mensch begann sich tatsächlich nach kurzer Zeit mit den Füßen abzustoßen und zielgerichtet auf meine Brust hinzusteuern. Schließlich erreichte er sein Ziel und durfte direkt auf beiden Seiten das wertvolle Kolostrum trinken.
Auf der Wöchnerinnen-Station förderten sie ebenfalls das Stillen, so war es zumindest ausgezeichnet. An jenem Wochenende nach der Geburt unseres Kindes war es ziemlich heiß und alle Anwesenden schwitzten um die Wette. Die frisch geborenen Babys sollten eigentlich immer gut eingepackt bleiben, doch auch bei unserem Kind spürte ich schnell, dass das nicht nötig war. Wir wollten viel Körperkontakt halten und spendeten ihm dadurch bereits genug Wärme. Die Sorge des Personals war, dass er bei der Wärme zu wenig trinken und zu viel schlafen würde. Ich legte ihn regelmäßig an und sie waren der Meinung, es wäre zu wenig – denn er wirkte sehr schlapp. Ich war übermüdet und unsicher, ließ mich sehr von der Hektik anstecken und wollte am Ende nur eins: Nach Hause! Unser Kindchen zeigte uns ebenfalls deutlich, was er von der Stimmung dort hielt und weinte viel.Ich ging mit einem Rezept für eine Milchpumpe und dem unsicheren Gefühl nach Hause, dass mein großes Kind eben viel Hunger hätte und ich ihn irgendwie satt bekommen muss.
Unsere Hebamme fing das Ganze super auf. Sie bestärkte mich darin, einfach immer wieder anzulegen und unterstützend abzupumpen, damit mein Herzmensch unserem Kind am Abend eine Portion Muttermilch geben könnte, während ich schon etwas für die Nacht vorschlafen könnte. Bei jedem Abpumpen floss mehr und mehr Milch und ich wurde innerhalb weniger Tage sicherer. Sie setzte uns das Ziel, am Ende der ersten Lebenswoche ohne Pumpe zu stillen. Und es klappte! Was war ich stolz. Unser Kind nahm gut zu und ich konnte spüren, wie stark die Milchproduktion lief. Am Ende der Nachbetreuung sagte meine Hebamme schließlich scherzhaft, das ich offenbar Sahne produziere, so gut wie unser Kind zunahm.

Es folgten Zeiten von Clusterfeeding, auf die mich meine Hebamme bereits gut vorbereitet hatte. Ich war in diesen Zeiten ausschließlich mit Stillen und dem Auffüllen meiner Reserven beschäftigt. Der kleine Mensch lebte auf mir und kleinste Unterbrechungen, wie ein Toilettengang oder eine dringend benötigte Dusche, wurden zum Drahtseilakt. Ich kam mir zwischendurch vor wie die reinste Melkmaschine und war in den ersten Monaten sehr übermüdet. Doch der Luxus, nachts einfach eben das Kind anzudocken und direkt weiterschlafen zu können, ließ mich weiterstillen. Ich sah immer wieder die Vorteile, so zehrend manche Zeiten auch waren.
Der ursprüngliche Gedanke war, dass ich in jedem Fall das erste Lebensjahr stillen wollte – alles darüber hinaus würde sich zeigen. Wenn es meinem Herzenskind und mir damit gut ging, wollte ich es nicht einfach so aufgeben. Ich hatte dieses tiefe Vertrauen, dass es sich uns schon zeigen würde, wann der richtige Zeitpunkt zum Abstillen da ist. Im Umfeld hatten sich viele Kinder bereits von alleine abgestillt und es lief offenbar problemlos. Ich hatte immer das Gefühl, dass mein Herzenskind noch nicht soweit war und es noch sehr brauchte, bei mir zur Ruhe zu kommen. Besonders für die Übergänge beim Einschlafen und Aufwachen diente uns das Stillen nun sehr lange. Wenn mein Herzenskind mal krank war, was sehr selten vorkam, wurde die Stillfrequenz wieder erhöht – ebenso bei Entwicklungs- oder Wachstumsschüben. Es gab mir immer viel Sicherheit, dass er in solchen Phasen das bekommt, was er zur Genesung braucht.

Als ich im letzten Jahr begann, mich zunehmend mit Neurodiversität und vor allem Autismus zu beschäftigen, wurde mir noch einmal sehr klar, warum mein Herzenskind verhältnismäßig lang stillen wollte: es war eine sehr gute Möglichkeit, um sich zu regulieren. Besonders bei den Übergängen. Ich hab das gerne gemacht und war froh darum, dass ich immer so einfach und schnell für die Regulation des aufgebrachten Nervensystems sorgen konnte. Ich habe außerdem häufig gelesen, dass einige neurodivergente Kinder deutlich länger stillen, als in unseren Breitengraden gerne gesehen wird.
Das ist nämlich ein nicht zu verachtender Punkt: Das Umfeld der Stillbeziehung. So manche Mütter erhalten abwertende Blicke oder Kommentare, wenn sie ihr Kleinkind stillen. Es verunsichert und führt oft dazu, dass sich stillende Mütter nicht mal mehr in Gesellschaft wagen. Ich habe auch noch oft gespürt, wie unangenehm es meinem Umfeld manchmal war, wenn wir jenseits des dritten und vierten Lebensjahres in Gesellschaft gestillt haben. Manchmal kam noch die Frage: „Kommt da denn noch was raus?“ und ich habe sogar mein Kindchen in letzter Zeit öfter mal danach gefragt, was er mir deutlich bejahte. Zum Schluss habe ich mich bereits öfter in einen Nebenraum zurückgezogen, wenn mein Herzenskind außerhalb der Reihe auch tagsüber zur Regulation stillen wollte. Da spürte ich bereits, dass sich in mir etwas veränderte und ich allmählich eine Veränderung für unsere Stillbeziehung wünschte.
In den letzten drei Wochen wuchs der Gedanke zunehmend in mir heran, dass ich das Stillen beenden möchte. Ich habe mich nicht mehr wohl dabei gefühlt, es tat mir auch immer mehr weh, obwohl mein Kindchen da sehr behutsam war. Und nun habe ich vor eine Woche kommuniziert, dass es mir wehtut und ich nicht mehr möchte, dass mein Herzenskind bei mir trinkt. Ich habe ihm angeboten, dass wir dafür ganz eng aneinander gekuschelt auch in den Schlaf finden können. Ziemlich schnell wurde das akzeptiert und mittlerweile fragt er im Halbschlaf mal danach, was sich mit Kuscheln wieder besänftigen lässt.
Eine große Veränderung für uns.
Ein Kapitel, ein Abschnitt ist nun beendet. Einen Monat vor dem fünften Geburtstag.
Und es fühlt sich gut an. Richtig. Es passt jetzt für uns beide und ich bin dankbar, es meinem Kind nun erklären zu können. Gleichzeitig passiert in diesem kleinen Menschen wieder kognitiv enorm viel und ich spüre, wie wir uns jeder für sich und auch gemeinsam noch einmal weiterentwickeln. Diese Stillbeziehung war wunderbar und ich bin voller Dankbarkeit, dass mein Körper so lange Zeit auf diese Weise noch zusätzlich für mein Kind gesorgt hat. Es ist nun aber auch schön, meinen Körper wieder mehr für mich zu haben – auch wenn die körperliche Nähe und Regulation weiterhin einen großen Anteil hat. Doch es ist schön, dabei nichts auspacken zu müssen. 🙂
