Probezeit

Es gab immer wieder Phasen in meinem Leben, wo ich (auf der Suche nach Dopamin) etwas Neues ausprobieren wollte. Ob neue Menschen kennenzulernen, ein Fernstudium zu beginnen, Fitnessstudio oder gar Musikunterricht – da war neben dem überschwänglichen Reiz auch eine rationale Erklärung, warum ich das genau zu diesem Zeitpunkt brauchte und es für mich Sinn machte.

Was die meisten Dinge davon gemeinsam haben: Ich war zu Beginn hochmotiviert, richtete meinen Fokus sehr auf das Neue, badete im Dopamin-Rausch und konnte beinahe nicht genug davon bekommen.

Sobald ich neue Menschen kennenlernte, hätte ich mich am liebsten ständig mit ihnen umgeben und alles über sie erfahren. Dabei spürte ich immer wieder, wieviel Hoffnung ich hineinlegte, denn da war der tiefe Wunsch, eine gute Verbindung aufzubauen – vor allem seitdem mein Herzenskind da ist und ich viel Zeit daheim allein mit Kind war. Immer wieder sah ich zwei oder mehr Mütter gemeinsam mit Kindern und offenbar harmonierte es zwischen allen Beteiligten. Es sah so einfach aus. Doch ich wurde stets eines Besseren belehrt. Und auf der Suche nach neuen Menschen habe ich oft die übersehen, die schon seit Jahren da sind und treu an meiner Seite stehen.

Als ich ein paar Einheiten im Fitnessstudio bezahlte, wäre ich am liebsten mehrere Male in der Woche hingegangen, weil mir die Bewegung so gut tat und ich ein besseres Körpergefühl hatte. Doch mit der Zeit war der anfängliche, positive Reiz verflogen und es drängten sich zunehmend die negativen Reize in den Vordergrund: Viele Menschen, viele Gerüche, Smalltalk und gelegentlich auch Musik aus dem Radio, die ich selbst mit Gehörschutz nicht ausblenden konnte. Die stupiden Wiederholungen langweilten mich irgendwann. Ich mag Bewegung und mein Körper braucht sie – doch im Fitnessstudio ist der Rahmen für mich nicht passend.

Als ich die Unterlagen für meine Fernstudiengänge erhielt, hätte ich am liebsten sofort alles in Windeseile durchgearbeitet. Nach dem Tod meines Sohnes begann ich ein Studium, das mir neun Monate in Persönlichkeitsentwicklung Wissen vermitteln sollte. Ich wollte meinen Kopf ein wenig herausfordern, um die Trauerphase sinnvoll zu füllen. Hab ich das beendet? Nein. Hab ich später das Fernstudium zur Heilpraktikerin beendet? Nein. Weil es zu dieser Zeit (und vielleicht generell) nicht mein Konzept zu sein scheint, mich selbstmotiviert daheim durch reine, trockene Theorie zu arbeiten. Wenn ich auf meine Ausbildung zurückblicke, habe ich das meiste in den Praxiseinsätzen gelernt, um die Theorie komplett zu begreifen. Sollte ich künftig noch einmal eine Weiterbildung ins Auge fassen, brauche ich in jedem Fall Praxisbezug.

Als ich vor eineinhalb Jahren noch einmal Schlagzeugunterricht nahm, war ich ebenfalls hochmotiviert. So lange war es mein Traum, auch so gut spielen zu können. Seit meiner Kindheit begleitet mich dieser Wunsch, doch Unterricht war finanziell nicht drin. Ich wollte zu der Zeit wieder etwas für mich tun und es war eine ganze Zeit lang schön. Darüber hinaus hatte ich einen sehr netten Lehrer, mit dem ich auch neben dem Unterricht tiefgründige Unterhaltungen führen konnte. Doch nach einigen Monaten schwand meine Konzentration und ich habe kaum noch etwas zustande bekommen beim Spielen. Es demotivierte mich immer mehr, jede Woche gefühlt wieder von vorne zu beginnen. Nach einem halben Jahr sprach ich mit meinem Lehrer und beendete vorerst den Unterricht, weil mein Kopf nicht mehr mitmachte. Ich habe dabei für mich herausgefunden, dass es zu dieser Zeit doch (noch) nicht passte. Falls ich irgendwann noch einmal die Muße habe, Schlagzeug oder ein anderes Instrument spielen zu lernen UND meine Konzentration es wirklich zulässt, kann ich erneut starten. Ich bin unheimlich fasziniert von Menschen, die selbst Musik produzieren, Instrumente spielen und singen können – und da ist auch ein tiefer Wunsch in mir, das auch zu können. Eine Band zu haben, mit der ich mich hin und wieder zum Jammen treffen kann, wäre toll. Welchen Part ich dabei erfüllen könnte, wird sich zeigen. Vielleicht wird es auch nur die Triangel oder ein Tambourine.🙂

Vor einem Jahr ließ ich mir zum zweiten Mal Dreadlocks erstellen – in der Hoffnung, dass eine neue Anordnung und Gestaltung einen einfachen Umgang im Mama-Alltag ermöglichen. Ich liebe diese Frisur und ich konnte mich auch mit den Mentalität dahinter identifizieren. Doch nach einem knappen Jahr wurde mir klar, dass die Schmerzen und der Aufwand bei der Dreadpflege immer noch zu viel von mir abverlangen. Ich dachte lange darüber nach, dass ich doch nicht einfach nach einem Jahr wieder alles herauskämmen kann – immerhin war es ja wieder eine große Investition. Meine Therapeutin besänftigte mich dabei und sagte: „Dann war es eben ein Jahr eine gute Erfahrung!“ Schließlich kämmte ich innerhalb einer Woche alle Dreadlocks aus und freute mich sehr auf den Friseurtermin, bei dem mir eine pflegeleichte und zu mir passende Frisur gezaubert wurde.

Alle Erfahrungen haben Geld gekostet. Und jedes Mal war das ein ausschlaggebender Punkt, weshalb ich mich schlecht fühlte, wenn ich Projekte und Vorhaben nicht beendete. Doch manche Erfahrungen sind eben teuer, das durfte ich im Gespräch mit meiner Therapeutin noch einmal lernen.


Nachdem ich nun erneut nach einem halben Jahr wieder etwas beendet habe, dass ich motiviert begann, erkannte ich das Muster. Zeitgleich belese ich mich über Autismus und ADHS. Insbesondere bei ADHS las ich häufig von Betroffenen, dass sie immer wieder Projekte beginnen und selten abschließen. Ich erkannte mich natürlich sofort darin und durfte begreifen, wie lange sich dieses Muster bereits durch mein Leben zieht. Ich war immer erstaunt von Menschen, die in vielen Angelegenheiten so beständig waren. Jedes Mal dachte ich: Kann doch nicht so schwer sein, das kann ich auch schaffen! Pustekuchen.

In den letzten Jahren wurden die Selbstzweifel dann immer größer, weil ich für wenige Dinge neben meinem Alltag noch Ausdauer aufbringen kann. Dann muss doch was mit mir verkehrt sein, wenn es doch alle anderen scheinbar so gut hinbekommen, dachte ich. Doch jetzt kann ich mir mitfühlend begegnen, denn ich weiß: Ich habe ADHS. Und das zu wissen, bringt auch Erklärungen mit, die mir helfen zu verstehen, warum mir manches so schwer fällt.

Die nachfolgende Ausführung fasst einfach und übersichtlich zusammen, was im Gehirn dazu führen kann, dass sich Merkmale von ADHS zeigen:

Man geht heute davon aus, dass ADHS durch ein Ungleichgewicht bestimmter Neurotransmitter im Gehirn verursacht wird. Neurotransmitter sind chemische Botenstoffe, die Signale zwischen den Nervenzellen (Neuronen) im Gehirn senden. In den frontalen Hirnabschnitten wird dadurch die Informationsverarbeitung gesteuert.

Sie spielen eine wichtige Rolle bei Stimmung, Gedächtnis, Schlaf und vielen anderen Gehirnfunktionen. Die neun Neurotransmitter lauten:

Serotonin
GABA
Dopamin
Noradrenalin
Adrenalin
Glutamat
Glutamin
Taurin
PEA
Es wird angenommen, dass bei Menschen mit ADHS entweder zu viel oder zu wenig von bestimmten Neurotransmittern vorhanden ist, die an der Regulierung von Aufmerksamkeit und Verhalten beteiligt sind. Störungen in bestimmten Gehirnbereichen wie dem Stirnhirn können also bei der Informationsverarbeitung Unruhe stiften. Infolgedessen haben Menschen mit ADHS oft Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren und impulsiv zu handeln, ohne die Konsequenzen zu bedenken.

https://adhs-kompakt.de/adhs-was-passiert-im-gehirn/

Neben den Erkennen von ADHS-Aspekten bei mir, bin ich gerade auch nochmal damit beschäftigt, herausfinden, was ich wirklich brauche, um zufrieden und ausgeglichen zu sein. Ich sehe an vielen Punkten in meinem Leben, dass ich jahrelang eine andere Wahrheit gelebt habe und glaubte, ich müsste gewisse Dinge des Lebens doch genauso hinbekommen, wie alle anderen. Dass das für mich sicher auch so passt, wie für andere: Ins Fitnessstudio gehen, Gruppenaktivitäten, Musikinstrument spielen, Studieren usw. Ich kann es nun mehr darunter verbuchen, dass ich vieles voller Hoffnung und Zuversicht ausprobiert habe, es letztlich dann doch nicht zu mir passte. Denn das, was zu mir passt, fühlt sich leicht an und braucht scheinbar nicht viel Anstrengung, damit es gut für mich ist. Vielleicht ist es gerade nur eine Phase, in der meine Kraft für das jahrelange Suchen und Anpassen aufgebraucht zu sein scheint. Ich spüre, dass ich gerade nicht mehr Suchen will, sondern einfach nur das anerkennen und schätzen möchte, was schon da ist und zu mir passt, weil es beständig ist, selbst in Zeiten der Veränderung.