Große und kleine Geburten

Ich schlage den Geburtstagskalender auf Mai um. Ein voller Monat, wie ich sehe. So viele Menschen, die uns in unterschiedlicher Weise nahe stehen, wurden in diesem Wonnemonat geboren. Unser Herzenskind wird diesen schönen Monat mit seinem Geburtstag abschließen.

Ich werde also einigen Menschen Glückwünsche zu ihrem neuen Lebensjahr übermitteln. Gemeinsam feiern und anerkennen, dass da Leben ist. Dass sie geboren wurden und die Welt mit ihrem Dasein bereichern.

Doch im Mai bin ich auch immer mal wieder ein bisschen ambivalent. Es erinnert mich daran, dass zwei kleine Seelen für eine kurze Reise zu Besuch kamen. Dass da eigentlich mindestens ein weiteres Kind in unserer Mitte gewesen wäre.

Eine kurze Reise ✨ war es vor vier Jahren. Unser Herzenskind war knapp elf Monate alt, als ich die zwei Linien auf dem Schwangerschaftstest sah. Völlig unerwartet. Ungeplant. Wir sprachen schon vor unserem Herzenskind darüber, wie viele Kinder wir uns vorstellen könnten – doch dass es so schnell gehen sollte, hatten wir nicht erwartet. Nach der ersten frühen Fehlgeburt vor unserem Kindchen hat sich bei uns die Einstellung manifestiert, dass wir der Natur ihren Lauf lassen und wir es nicht genau in der Hand haben, wann ich schwanger werden würde und ob die Schwangerschaft Bestand hat. Somit nahmen wir diesen kurzen Abstand zu unserem Herzenskind an und warteten einfach ab. Doch mit dem Wissen darum, dass mein Körper wieder ein neues Leben erschuf, wurde ich nervös. Ich spürte die Anspannung in mir. Ich war aufgeregt, vorfreudig, besorgt, dankbar – alles zusammen und gleichzeitig. Es war anders, denn nun konnte ich mich nicht mehr gänzlich auf die Schwangerschaft konzentrieren, weil mein Herzenskind viel von mir brauchte. Es war eine Zeit, in der wir noch viel stillten und der Schlaf noch weit entfernt war von „erholsam“. So richtig schwanger fühlte ich mich nicht und ich machte immer wieder einen Schwangerschaftstest, weil ich einfach nicht glauben konnte, dass sich da wirklich ein neues Leben entwickeln wollte. Der Arztbesuch in der rechnerisch achten Woche brachte das ernüchternde Ergebnis, dass das kleine Böhnchen in der Entwicklung offenbar nicht zeitgerecht war. Ich versuchte mich von der negativen Einstellung der Gynäkologin nicht einnehmen zu lassen, denn mein Zyklus war noch etwas unregelmäßig durch das Stillen und die schlaflosen Nächte. Doch sie prophezeite bereits über den Praxisflur zu ihren Mitarbeitern, dass der nächste Termin zur Kontrolle dienen sollte, ob es sich weiterentwickelt. Vierzehn Tage später entwickelte sich bereits alles zurück. Von dem kleinen Pünktchen mit Herzschlag war nichts mehr zu sehen. Ich entschied mich, trotz aller Sorge und Bedenken der Gynäkologin, dazu, diese Schwangerschaft selbst enden zu lassen und wartete auf die Blutung. Einige Tage nach dem Termin begann die kleine Geburt. Die regelmäßigen und vor allem nervigen Blutkontrollen im Nachgang nahm ich irgendwann nicht mehr wahr. Ich wusste, mein Körper wird das schon regeln.

Zu der Zeit war dieses Gefühl in mir noch groß, dass da auf jeden Fall noch Platz für ein weiteres Kindchen in unserer Mitte ist und wir irgendwann spüren, wann wir soweit sein würden.

Die Zeit verging. Unser Herzenskind wuchs heran und der Alltag mit diesem sensiblen Wunder erschöpfte mich ohne Unterlass. Immer mal wieder flackerte der Wunsch in mir auf, noch einmal schwanger werden zu wollen. Ich konnte dieses Gefühl in mir kaum beschreiben, dass mein Körper offenbar noch nicht fertig war mit dem Thema. Gleichzeitig habe ich die intensive Mutterschaft gesehen, in der ich steckte und konnte mir mit dem Verstand selbst die Contraliste setzen, was alles dagegen sprach.

Schließlich vergingen zwei Jahre. Mein Herzmensch war zu der Zeit wegen der Depression lange Zeit krankgeschrieben und hatte bereits zwei kurze Anläufe einer stationären Behandlung hinter sich. Am 16.Mai sollte er erneut aufgenommen werden und wir hofften, dass sein Klinikaufenthalt nicht wieder unterbrochen werden würde. Als er zur Aufnahme einen PCR-Test machen musste, wartete ich daheim bereits auf das Ergebnis meines Schwangerschaftstests. Ich hatte es noch nicht mit ihm besprochen, dass meine Periode noch nicht da war und die vielen Störche zu der Zeit nicht mehr zu ignorieren waren. Dann waren sie da, die zwei Striche. Ich war wieder mal fasziniert von meinem Körpergefühl, denn ich wusste, dass ich nicht mehr allein in meinem Körper war und der Test diente lediglich als Bestätigung und sichtbaren Beweis. Ich fühlte mich schwanger, wenn auch nicht so sehr, wie bei meinem Herzenskind. Doch mein Körper zeigte mir deutlich, dass er neues Leben erschuf und ich versuchte mich mit Kleinkind allein daheim immer wieder genügend auszuruhen, wenn ich es brauchte. Der dritte Geburtstag unseres Herzenskindes verging und Anfang Juni bekam ich plötzlich Schmierblutungen. Mein Geburtstag war kein wirklich freudiger Anlass, denn ich wusste nicht, ob dieses kleine Menschlein bleiben wollte. Nach knapp zwei Wochen Schmierblutungen gebar ich schließlich eine intakte Fruchtblase mit einem Embryo in der 10.Woche. Ich war zu der Zeit noch allein mit meinem Herzenskind und begrab mit ihm gemeinsam das kleine Menschlein unter einer Lavendelpflanze. Ich sparte mir einen Gynäkologentermin zur Nachkontrolle, denn ich war im Vertrauen in meinen Körper. Mein Zyklus regelte sich schnell und nach einer Periode wurde ich noch einmal schwanger. Ich hatte jedoch kein gutes Gefühl dabei und wusste, dass es nicht halten würde. Zu dieser Zeit war ich damit absolut fein, denn meine Erschöpfung durch die viele Alleinzuständigkeit fürs Herzenskind mit krankem Herzmenschen daneben war für mich eine ausgesprochen schlechte Ausgangslage für ein weiteres Kind in unserer Mitte.

Diese kleinen Geburten waren schmerzhaft und es war immer wieder traurig, wenn die kleinen Seelen sich verabschiedeten und ein Leben endete. Doch mittlerweile überwiegt Dankbarkeit und Erleichterung. Mein Körper hat es geregelt – zu unseren Gunsten. Denn jetzt, zwei Jahre nach den letzten beiden Fehlgeburten, sehe ich, dass es für unsere kleine Familie besser so ist. Dass ein weiteres Kind uns auf vielen Ebenen sehr viel gekostet hätte. Es gab zwischendurch immer wieder Momente, in denen ich glaubte, zu versagen oder nicht belastbar genug zu sein,weil ich mir kein weiteres Kind mehr vorstellen konnte. Doch immer mehr überwog die Dankbarkeit für dieses eine gesunde Kind und die Möglichkeit, mich  so gut um seine Bedürfnisse kümmern zu können. Mit meiner eigenen Autismus-ADHS-Diagnose kann ich nun noch mehr anerkennen, dass es für mein System bereits Höchstleistung ist, ein Kind durch’s Leben zu begleiten, das selbst diese Spezifikationen des Nervensystems trägt. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein weiteres Kind ebenfalls autistisch wird, ist hoch.

Und auch wenn unsere Herzen vielleicht manches Mal etwas schwer werden, weil wir es uns vor einigen Jahren noch anders vorgestellt und gewünscht haben, sind wir doch sehr fein damit, zu dritt zu sein und wahrscheinlich auch zu bleiben. Mit all den kleinen Seelen in Erinnerung, die uns kurz besucht und uns am Ende ganz viel Erkenntnis dagelassen haben.