
Kürzlich holte ich die Flasche hervor, die sich nun schon seit über zehn Jahren in meinem Inventar befindet. Damals suchte ich nach einer Glasflasche, die langlebig und robust ist. Und siehe da: Sie ist noch da. Nahezu unversehrt, von leichten Gebrauchsspuren mal abgesehen.
Diese Flasche hat uns durch Deine Therapiezeit begleitet. Als irgendwann die Magensonde kam und ich Dich darüber immer wieder mit Flüssigkeit, Medikamenten und in ganz schwierigen Zeiten mit Sondennahrung versorgen musste, war diese Flasche stets mit abgekochten Wasser befüllt.
Sie ist noch da.
Du nicht.
Es gibt noch einige Gegenstände hier, die einst Dir gehörten. Entweder in Deiner Schatzkiste verwahrt oder noch im täglichen Gebrauch. Es sind die greifbaren Reste aus einer Zeit, die immer weiter in den Hintergrund rückt. Zehn Jahre ist Deine Diagnose in diesem Jahr her. Neun Jahre Dein Tod.
In diesem Jahr habe ich mich gefragt, was ich wohl zu Deinem Todestag schreiben könnte. Denn irgendwie habe ich doch schon alles dazu gesagt, oder? Da ist ganz viel Gleichzeitigkeit, wenn ich an Dich denke: Dankbarkeit für unsere gemeinsame Zeit, Vermissen der fehlenden Zukunft, Erleichterung über das Ende Deines Leidensweges. Es sagen immer alle, man solle sich an die schönen Zeiten erinnern. Aber ist es nicht so, dass eben einfach alles sein darf? Wenn ich Fotos von Dir ansehe und in Deine Augen blicke, dann schwingt da auch mal ein Stückchen Bauchweh mit. Weil nicht alles einfach war – während Deiner Therapie, mit Deinem Papa, nach Deinem Tod. Da kommt immer mal wieder der Knautsch in meinem Kopf, was wohl alles jetzt da wäre, wärst Du noch am Leben. Doch das führt zu nix.
Vor neun Jahren endete Dein kurzes Leben auf der Erde. Was Deine Seele wohl so macht? Hat sie nochmal eine Aufgabe hier? Das frage ich mich mittlerweile öfter. Seit Deinem Tod habe ich mich mit vielen Themen beschäftigt – um Erklärungen zu finden, um das Nach-dem-Tod für mich verständlicher zu machen. Denn so ganz konnte ich mich nicht damit zufrieden geben, dass Dein Leben einfach vorbei sein soll und alles mit Deinem Körper begraben wurde. Du bist noch da. Irgendwie. Das weiß ich. Zeichen bekomme ich weiterhin, hin und wieder. Mag für manche verrückt klingen. Mag für manche den Anschein erwecken, als könnte ich Dich nicht loslassen. Oh doch, losgelassen habe ich Dich, doch das Band zwischen liebenden Menschen besteht nunmal auch nach dem Tod. Irgendwas bleibt. Zwischen uns. Das fühle ich.
Der Sommer, in dem Du gestorben bist, war sehr heiß. Sobald sich heute der Asphalt aufheizt und die Sonne auf der Haut brennt, kommen nochmal vereinzelt Erinnerungen auf. Wie wir in Deinen letzten Wochen in die Tage hineinlebten, abends auf den Spielplatz gingen. Wie wir Shaun das Schaf und Elvis bis zum Umfallen schauten. Wie Dein Körper sich immer mehr vom Leben verabschiedete. Und irgendetwas in mir ging mit – ein kleines Stückchen Leichtigkeit und Lebensfreude.
Mein Kind, ich bin ehrlich. Es bleibt im Alltag nicht mehr viel Raum, um viel an Dich zu denken. Und mir geht’s damit gut. Wo ich einst sowas wie ein schlechtes Gewissen Dir gegenüber verspürte, weil mein Kopf voller Jetzt und Bald ist – kann ich nun mit ruhigem Gewissen sagen: So ist das Leben. Ein Kommen und Gehen. Dass Du gehen musstest und Dein Bruder kam; ihr nicht beide an meiner Seite sein könnt – das ist schon unfair. Doch Deine Seele hatte ihre Aufgabe, ihren Plan.
Ich möchte nicht mehr in den Gefühlen hängen bleiben, mit denen es mir schlecht geht, wenn ich an Dich denke. Dankbarkeit und Stolz über unseren gemeinsamen Weg überwiegen. Ich fühle mich immer geehrt, Deine Mama sein zu dürfen. Und bei all den Sorgen, die ich an Deiner Seite ausgestanden habe, während Du leiden musstest, bin ich nun froh, dass wir beide nicht mehr kämpfen müssen.
Mein liebes Kind. Ich vermisse Dich und das, was wir waren. Schick mir Doch mal wieder öfter ein Zeichen, darüber freue ich mich immer so sehr.

