Mitten aus dem Leben

Von jetzt auf gleich. Einfach vorbei.

Unbegreiflich.

Wieder.

Und da dachte ich, dass ich und all diejenigen, die vor zehn Jahren mit dem viel zu frühen Tod meines Himmelskindes konfrontiert wurden, diesen Verlust mittlerweile recht gut verarbeitet haben. Hatten wir. Irgendwie.

Dann kommt das Leben mit der nächsten harten Prüfung um die Ecke und wir dürfen alle spüren: Die Wunde ist wieder auf. Zu viele Parallelen. Zu viele Punkte, die Ähnlichkeiten aufweisen. Zu viel zu begreifen. Und zu fühlen.


Ach Kevin, es ging alles so schnell. Eben noch wart ihr zwei in diesem Traumurlaub, habt es Euch richtig gut gehen lassen. Und im nächsten Moment wirst Du von diesem aggressiven Krebs aus dem Leben gerissen. Ich frage mich, wieviel Du von Deinen letzten Tagen mitbekommen hast? Wieviel im künstlichen Koma zu Dir durchgedrungen war, wie es um Dich stand? Es ist alles so unfair. Du standest mitten im Leben mit meiner Schwester. Ihr hattet Träume. Wünsche. Perspektiven. Ihr hattet einander und das hat Euch über die Jahre durch alles getragen. Und nun ist das einfach so vorbei? Du tust mir so wahnsinnig Leid, welch schwere Bürde Du da tragen musstest. Es tut mir so wahnsinnig Leid, was das alles für meine Schwester bedeutet. Ich habe Euch so sehr gewünscht, dass ihr beide dieses Leben zusammen haben könnt, das ihr Euch gewünscht habt.


Nicht nur ich. Alle kommen nicht hinterher. Mit dem Fühlen. Mit dem Begreifen. Mit dem Verstehen. Jetzt, wo alles so frisch ist, wo der Tod gerade mal (gerade mal? – eher schon!) über eine Woche her ist – da ist es kaum vorstellbar, wie das jemals begreifbar und verständlich werden soll. Irgendwie lebt jeder weiter. Irgendwie. Irgendwann wird es sich in jedem Einzelnen setzen.

Für mich fühlt es sich an, als hätte das Leben wieder so richtig Tempo rausgenommen. Alles wirkt wie ‚in Zeitlupe‘ – ich schaue erstaunt auf das Datum und versuche zu verstehen, dass das Licht dieses jungen Lebens bereits seit 10 Tagen erloschen sein soll. Schon in der Zeit seiner kurzen, schweren Erkrankung verschärfte sich in mir der Blick auf das Leben, den ich seit dem Tod meines Kindes so verinnerlicht habe – aber im Alltagswusel doch auch mal aus den Augen verliere. Ich saß in der Schule meines Herzenskindes, versuchte der Fels in der Brandung zu sein – und wurde selbst von den Ereignissen überflutet. Vieles ging mir dabei durch den Kopf:

Es kann so schnell vorbei sein – warum also machen wir Menschen es uns gegenseitig oft so schwer? Was macht das alles für einen Sinn? Warum sind Toleranz und Respekt so abhanden gekommen? Warum hinterfragen viele Menschen ihr Verhalten nicht?

Es rattert seit Wochen. Und es frisst so viel Energie. Energie, die ich für die Begleitung meines Herzenskindes brauche, an dem dieser Verlust nicht spurlos vorbeigeht. Er trauert auf seine Weise – und das gestehe ich ihm zu. Auch mir gestehe ich zu, dass die Traurigkeit jetzt Platz haben darf und ich sie nicht weg drücke, damit alles seines Lauf geht.

Stark sein für andere, höre ich immer wieder, sobald wir mit dem Tod konfrontiert sind. In der Annahme, dass es immer jemandem schlechter ergeht, nehmen wir uns zurück. Halten aus, für die anderen. Lassen den eigenen Gefühlen in Gegenwart anderer trauernder Menschen keinen Raum. Hey – jeder so, wie es sich stimmig anfühlt. Doch es braucht auch etwas Berührbarkeit. Nahbarkeit. Sicht- und spürbares Mitgefühl. Gemeinsam trauern, weinen, schweigen. Es kann so heilsam sein – für alle, die da gerade in Trauer sind. Keine Trauer ist größer als die andere. Und letztlich empfinde ich es immer wieder so schön, ja traurig-schön, dass die Menschen damit zeigen, wie sehr sie den Verstorbenen lieben. Wie sehr er in ihren Herzen verankert ist und sie berührt hat. Da ist ein geliebter Mensch gestorben – und es macht mich eher stutzig, wenn da nach einer gewissen Zeit keine Resonanz entsteht.

Alles so auf einmal zu fühlen, gleicht einem emotionalen Marathonlauf. Trauern ist ein Kraftakt. Spürbar bis in jede kleinste Zelle des Körpers. Das gesamte Sein muss das verarbeiten. Und das dauert, so lange es dauert. Bei jedem unterschiedlich lang. Alles davon ist in Ordnung.