Zwischen den Stühlen

Wann erkennt man, dass es reicht? Dass es genug ist?

Wann entscheidet man, ob es noch Sinn macht, fortzufahren?

Bis hier hin und nicht weiter, heißt es so oft.

Es ist so wichtig, die eigenen Grenzen zu spüren und sie zu wahren.

…und dann..

Oft liegt außerhalb der Komfortzone Wachstum verborgen.

Mut bedeutet, über die eigenen Unsicherheiten und Ängste hinauszuwachsen.

So oder so ähnlich.

Ganz ehrlich? Ich war schon lange nicht mehr so verwirrt, wie in den vergangenen sechs Jahren. Und gerade spüre ich wieder deutlich, warum. Denn Herzenskind lädt mich mit seinem Sein stets dazu ein, den Platz zwischen den Stühlen auszufüllen.  Hin- und hergerissen zwischen dem Willen meines Kindes und dem Wollen einer Gesellschaft. Dabei möchte ich mich gerne auf einen Stuhl setzen – auf meinen. Genau wissen und klar sagen, was wichtig ist, wo es lang geht. Blöd ist, wenn man alles Mögliche spürt, das nicht zu einem gehört und sich davon gut abzugrenzen. Und so stehe ich mit Beginn der vierten Schulwoche vor meinem Kind, das noch große Schwierigkeiten hat, das alles dort für sich anzunehmen und ich das Gefühl bekomme, das Verständnis und die Geduld der Menschen zu strapazieren. Die anfängliche Vorfreude und Euphorie der ersten beiden Schultage ist bereits am dritten Tag verflogen.

Irgendwie bin ich der Profi für mein Kind. Ich habe mich für diese Schule entschieden, weil die Rahmenbedingungen für das Nervensystem meines Kindes besser zu passen scheinen. Und heute frage ich mich, ob das meine Wunschvorstellung war und meine Bedürfnisse dabei ausschlagend waren und ob ich dabei wirklich mein Kind gut im Blick hatte.

Hallo Selbstzweifel, da seid ihr ja wieder.🙄

Ich spüre, dass da Vorstellungen, Erwartungen, Wünsche, Regeln und Bedürfnisse vieler Menschen irgendwie miteinander in Einklang gebracht werden müssen. Und ja, wo viele Menschen zusammen finden, braucht es Regeln und Struktur. Vorhersehbarkeit. Und dann kommt mein Kind, der den Sinn von Regeln verstehen will, aber da noch viel Unterstützung braucht. Wie oft habe ich daheim Regeln aufgestellt, die irgendwann wieder in große Kämpfe uferten, weil ihm der Sinn dahinter nicht klar wurde. Ich blieb standfest, klar. Erklärte. Ging über den Widerstand des kleinen Menschen hinweg und saß das mit aus. Doch immer wieder: Wenn ich Druck erzeugte, entstand Gegendruck. Ich weiß, niemand hat gesagt, dass Elternschaft einfach ist. Dass man da ganz schön an seine Grenzen kommt. Ich kann das für mich schon ausmachen, wo sich Raum für inneres Wachstum auftut, indem ich anders reagiere, als mein Impuls das eigentlich gerade will. Nur wenn die kleinsten Anforderungen des Alltags bereits in Kämpfe ausarten, beginnt man irgendwann, seine Kämpfe weise zu wählen – hauptsache wir kommen gemeinsam ans Ziel.

Ich weiß um die inneren Hürden und Unsicherheiten meines Herzenskindes. Ich bestärke, motiviere, überlege mir kreative Wege und suche Verstärker, die den nötigen Anstoß geben, um aus dem Schneckenhaus heraus zu kommen. Und mir war bewusst, dass dieser Schulstart nochmal einen großen Energieaufwand mit sich bringt und wo ich noch mehr Überzeugungsarbeit leisten darf. Aber bei dem, was sich zeitgleich noch so zugetragen hat, geht mir gerade die Puste aus. Ein plötzlicher Todesfall in der Familie und dann wieder über eine Woche Erkältung bei Herzenskind und mir hat den Schwung des Schulbeginns gänzlich ausgebremst. Und ich stehe unter Druck, weil ich Sorge habe, dass mein Kind den Anschluss zu seiner Klasse verpasst und mit den häufigen ‚Sonderwünschen‘ die Geduld und das Verständnis der Schule aufzubrauchen.

Wir sehen, dass er schulreif ist.

Ja, auf eine gewisse Weise schon. Er will Neues kennenlernen, aber die Rahmenbedingungen zapfen zu viel Energie seines Nervensystems ab. In der vermeintlich kleinen Schulklasse sind für sein Empfinden trotzdem noch zu viele Kinder und Erwachsene auf engem Raum. So viele Eindrücke. So viele Reize. Zur Zeit ist Herzenskind bereits kochgar, wenn wir morgens an der Schule angekommen sind.

Hurra, endlich Schulkind. Ja. Seufz.

Ich schleppte mein Kind und mich gestern zur Schule – beide irgendwie noch erkältet, noch längst nicht fit. Aber ich dachte: Wir müssen dran bleiben. Schulpflicht und so. Nicht zu schnell aufgeben. Später in einem Gespräch mit meiner Therapeutin, bei dem sie bereits zu Beginn der Videostunde auf dem Bildschirm sah, dass meine Energie gerade unterirdisch ist, bekam ich die liebevolle Anweisung, unseren Körpern noch die Ruhe zur Genesung einzuräumen. Selbst so ein kleiner Schnupfen (und ein Wackelzahn, und Wachstum auf allen Ebenen, und Trauer..) kann so viel Raum in Herzenskind einnehmen, dass keine Energie mehr übrig bleibt, sich auf etwas Neues einzustellen. Diese Erinnerung brauchte ich noch einmal, auch wenn ich das irgendwo auf dem Schirm hatte.

Ich darf uns erlauben: Das ist gerade alles echt viel. Zu all dem, was geplant war, kam noch sehr viel Unvorhergesehenes hinzu, das zusätzlich an den Kräften und Emotionen kratzt. Herzenskind sagte mir gestern wieder deutlich: Ich bin noch krank, ich brauche noch Pause daheim. All die Motivation und positive Bestärkung hat nicht gefruchtet – da saß ein kleiner Mensch niedergeschlagen auf der Treppe in der Schule vor mir und konnte nach einer knappen Stunde keinen Fuß mehr in den Klassenraum setzen, weil alles zu viel war. Der Widerstand war friedlich nicht aufzulösen und nach weiteren 45 Minuten Gespräch mit Kindchen brach ich das Ganze ab – zum Wohle aller Beteiligten, aber vor allem für unsere Nervensysteme.

Mein Körper reagiert seit drei Wochen auf diese Zwickmühle und all die Dinge, die zeitgleich Aufmerksamkeit erfordern. Es wundert mich nicht, dass erst Kindchen und dann ich krank wurde. Und statt es nun zu verschleppen, weil ich uns Stress wegen der Schule mache, gebe ich uns die Ruhe. Statt einfach so weiterzumachen nach dem plötzlichen und schmerzlichen Tod in der Familie, erlaube ich uns Raum, zu trauern und zu begreifen. Erkläre mich vor allen, die eine Erklärung brauchen. Und hoffe, dass wir auf lange Sicht eine Lösung finden werden. Aber jetzt gerade geht’s einfach nicht. Und das liegt nicht am Wollen, sondern am Können.