Ich sehe Kinder mit Fahrrädern vorbeidüsen und denke: Wow, sind die schnell unterwegs. Und so selbstsicher.
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Auf dem Spielplatz sehe ich, wie Kinder schnell und zielgerichtet auf Spielgeräte und Bäume klettern. Ganz allein. Und ich denke mir: Wow, sie sind so sicher in ihren Bewegungen und scheinbar angstfrei.
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Ich sehe Grundschüler alleine zur Schule und wieder nach Hause gehen. Sie wissen scheinbar, worauf sie achten müssen. Und ich denke mir: Wow, wie gut sie sich alleine durch die Welt bewegen.
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Die Nachbarskinder helfen dem Vater bei der Gartenarbeit und wirken entschlossen mit. Und ich denke mir: Wow, wie schön, dass sie scheinbar freiwillig mithelfen.
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Ich sehe viele Momentaufnahmen anderer Kinder und Familien. Jeden Tag. Und sehr häufig spüre ich eine Art Bewunderung für diese kleinen Menschen, die sich so selbstständig und ihrer selbst bewusst durch die Welt bewegen. Manchmal frage ich mich auch, ob sie müssen, weil es von ihnen gefordert wird und nicht anders geht, und eigentlich doch lieber etwas anderes wollen. Aber in der Zusammenfassung sehe ich: Sie können das. Sie nutzen Potentiale – ob nun selbst gewollt oder von anderen motiviert.
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Das sind andere Lebensrealitäten. Jede Familie, jeder Mensch hat eine eigene Realität. Jeder bringt etwas Eigenes mit in diese Welt. Das Umfeld wirkt auf den Menschen ein und formt die Entwicklung mit.
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Dann sehe ich unsere Lebensrealität. Sehe mein Herzenskind, das sich bisher im eigenen Tempo entwickeln durfte und uns immer wieder so überrascht. Denn es ist auch ein spannende Reise, da nicht immer gezielt einzuwirken. Anregungen und Impulse sind da, reichlich. Zu sehen, was dieser kleine Mensch daraus macht, fesselt mich immer wieder. Aber gleichzeitig spüre ich auch, welcher Anspruch im Raum liegt, sobald das Thema Schule gegenwärtig wird. Was ein kleiner Mensch alles so können sollte, damit Schule nach herkömmlicher Sicht möglich wird. Damit er selbstständiger seinen Weg gehen kann. Ich habe Erklärungen über kindliche Entwicklung im Hinterkopf, die einen Richtwert, eine Orientierung vorgeben. Mir wurde in den vergangenen Monaten noch einmal mehr klar, dass es scheinbar magische Grenzen gibt, wo kindliche Entwicklung auf Knopfdruck in gewisse Richtungen verlaufen soll.
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Und ich sehe mein Herzenskind, das noch nicht unter meinem Flügel hervorkriechen möchte. Wo Ängste und Unsicherheiten präsent werden, sobald das Haus verlassen und sich unter Menschen bewegt wird. Wo zeitweise eher eine Vermeidung und Ablehnung für neue Erfahrungen spürbar wird, weil die Anforderung zu groß erscheint. Die dunkle Jahreszeit beginnt und all das, was im Frühjahr und Sommer meistens problemlos möglich war, braucht nun wieder viel Zuspruch und Motivation von außen. Und eigentlich will ich das nicht pathologisieren – denn ich finde dieses Rückzugsverhalten auch ein Stück weit natürlich, doch leider ist dies in unserer Gesellschaft mehr abhanden gekommen. Damit ich nicht gänzlich in Sorgen verfalle und mein elterliches Versagen für das Verhalten meines Kindes verantwortlich mache, belese ich mich viel über das Autismus-Spektrum – allem voran Erfahrungsberichte anderer Menschen im Spektrum. Und siehe da: Den allermeisten neurodivergenten Menschen ergeht es so – und die Jahreszeit erlaubt den Rückzug ohne großartige Rechtfertigung, wie beispielsweise in den Sommermonaten, wo man schon auf Unverständnis trifft, wenn man das gute Wetter nicht ausnutzt. Schon verrückt, wie sehr man sich für seine eigene Realität erklären soll.
Es bleibt wohl nicht aus, sich mit anderen zu vergleichen. Es hilft, sich selbst einzuordnen und wahrzunehmen in dieser komplexen Welt. Doch es bleibt ein schmaler Grat: Denn zum einen kann es helfen, zu sehen, was noch so alles möglich wäre. Zum anderen kann es auch falsche Signale senden, die dazu führen können, dass sich ein kleiner (und großer) Mensch nicht gesehen, nicht verstanden, nicht akzeptiert fühlt. Überall höre und lese ich, dass am Besten so früh wie möglich mit Förderung bei Kindern begonnen werden sollte – und klar, es ist gut, einen Blick dafür zu entwickeln, wo es (noch) nicht so richtig weitergeht. Aber ich empfinde es ungünstig, Kinder wie Gefäße zu betrachten, die mit allen möglichen Düngern und Optimierungsmöglichkeiten zum Erblühen gebracht werden sollen. Viel hilft nicht immer viel. Manchmal ist weniger mehr. Und wie alles in der Natur hat wohl auch die menschliche Entwicklung ein individuelles Tempo für Entfaltung und Regeneration. Kein Mensch gleicht dem anderen, auch wenn Gemeinsamkeiten vorliegen. Und wenn ich eines von meinem Kindchen lernen durfte: Jeder braucht eine passende Umgebung, um sich gut zu entfalten.
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Wenn mein Herzenskind sich jeden Abend und am Morgen im Bett an mich kuschelt und mir sagt, dass es ihm gut geht und er mich liebt – dann gibt es für mich keine bessere Bestätigung, keine größere Sicherheit dafür, dass ich im Vertrauen zu diesem kleinen Menschen bleiben darf. Wir gehen unseren Weg und werden uns sicher immer mal wieder neu ausrichten. Dabei werden wir stets einen Abgleich mit unserer Umgebung machen und für uns prüfen, ob es zu uns passt. Aber die Grundhaltung bleibt. Und die nährt sich von Liebe und Verständnis.
