Mitlernen

In den vergangenen Jahren haben wir von unseren Eltern, aber auch von anderen älteren Generationen immer mal wieder einige Weisheiten hören dürfen, die in mir eine nachhaltige Wirkung auslösten. Dieser Automatismus, aus den Erfahrungen anderer zu lernen, war bereits in der Kindheit sehr schnell bei mir ausgeprägt. Ich konnte wohl noch nie gut die Anspannung und Streitsituationen daheim aushalten, die unweigerlich im Zusammenleben entstehen. Wenn der Grund für Reibung nicht bei mir lag, nahm ich dennoch etwas für mich mit – frei nach dem Motto: Bloß nicht machen, sonst gibt’s wegen mir auch Stress. Dieser Automatismus springt auch heute noch bei mir an, wenngleich ich Streit, Meinungsverschiedenheiten und angespannte Situationen schon besser aushalten kann.


Ich hätte weniger arbeiten sollen. Mehr Zeit mit der Familie verbringen.

Sobald die eigenen Kinder erwachsen sind, für sich sorgen können und der Alltag aufgabentechnisch deutlich entzerrt ist, fällt sicher auch die Lücke auf, die da ohne Kinder im Haus aufkommt. Nicht mehr täglich verantwortlich und zuständig zu sein. Wo man es einerseits genießt, wünscht man sich hin und wieder das volle Haus zurück.

Und ich versuche aus dieser Weisheit etwas für mein heutiges Familienleben zu adaptieren. Nun ist Herzmensch bei uns der Vollerwerbstätige und das Geld muss natürlich fließen. Hin und wieder überlege ich, wo wir etwas entzerren können, habe eine Aufteilung der Erwerbstätigkeit zwischen uns Eltern erwogen und wir haben auch schon mit Stundenreduzierung gelebt. Die Sache ist: Es gibt immer was zu tun – im Job und daheim. Das gut in Balance zu halten mit den Bedürfnissen der gesamten Familie, ist ein Drahtseilakt.


Ich würde heute viel öfter den Haushalt liegen lassen und Zeit mit den Kindern verbringen.

Diese Erkenntnis höre ich häufiger. Ein sauberes und ordentliches Zuhause scheint in der Rückschau weniger erstrebenswert zu sein, als qualitative Zeit mit der Familie. In meinem Umfeld gab es mal einen Menschen, der stets ein blitzblankes Zuhause hatte – später aber meistens alleine darin saß, weil die Beziehung zu den eigenen Kindern darunter gelitten hatte, denn das ordentliche, vorzeigbare Haus war leider wichtiger. So kann’s auch laufen. Den meisten Kindern ist es in der Regel ziemlich egal, wie sauber und ordentlich es Zuhause ist. Gleichzeitig sehen Eltern ihre Vorbildfunktion und auch das eigene Bedürfnis, das Zuhause ansprechend zu gestalten. Die Ausprägungen und Ausmaße sind da so unterschiedlich, wie die Familien selbst. Die Lösungen dafür ebenfalls.


Ich würde heute einiges anders machen, als damals.

Diesen Satz sage ich bereits mit meinen zarten 36 Jahren, wenn ich auf meine 20er zurückblicke. Schade, dass man die Erkenntnis oft erst später entwickelt. Und letztlich ist ja nichts verloren: Die Möglichkeit besteht ja weiterhin, es anders zu machen. Manches lässt sich vielleicht nicht mehr retten, aber ich schätze, es ist nie zu spät, nochmal neue Wege zu beschreiten.

Na klar. Die eigenen Kinder sind erwachsen. Raus aus dem Haus. Man sieht und spricht sich vielleicht nicht mehr täglich. Plötzlich ist da viel Zeit und Raum für das, was jahrelang im Familienalltag nicht so möglich war. Dann kommt Wehmut auf, der nostalgische, demütige Blick auf die Vergangenheit.

Ich höre das. Sehe meinen Alltag. Mein Familienleben. Jetzt.

Denke dann: Ihr hattet auch diesen täglichen Trubel. Wäscheberge. Schlaflose Nächte. Erschöpfung. Verantwortung für diese kleinen Menschen und Euch. Drölftausend Mal am Tag „Mamaaaaa“, „Guck maaaaaal“. Da waren aktuelle Wünsche bei allen – große und kleine. Vorstellungen. Ziele. Träume. Pflichten. Rechnungen und Kosten. Ihr habt es gerockt – auf eure ganz eigene Weise.

Familienleben ist komplex. Vieles beeinflusst den Alltag. Wenn man mitten drin ist, fühlt es sich wie endloses Rudern an. Sind die Kinder schließlich aus dem Haus, die Hauptverantwortung weg, fühlt es sich vermutlich wie eine ruhige Paddeltour an. Wo vorher Wellen geritten wurden, schippert das Boot nun oft  friedlich über den See.

Sie werden so schnell groß. Die Kinder. Aber auch die Sorgen. Die Abstände von Gebraucht-Werden. Gespräche werden seltener.

Ist doch schon verrückt, wie sich Wahrnehmung verändern kann. Sobald Anspannung nachlässt. Sobald Verantwortungen verschoben werden. Sobald Nervensysteme etwas Ruhe finden können.

Hast Du Gedanken dazu? Schreib doch gerne einen Kommentar.