Sicht auf die Welt

Welches Medium (Buch, Film, Song) hat verändert, wie du die Welt siehst?

Ich gebe zu: In meiner Kindheit und Jugend habe ich anders auf die Welt geblickt. Habe Songtexte nicht richtig gehört. Habe Filme nicht richtig gesehen. Zumindest denke ich das. Denn den tieferen Sinn, die Aussage hinter Kunst zu erkennen – das verändert sich mit der Lebenszeit und den Erfahrungen, die gesammelt werden.

In meiner Kindheit lieh ich mir häufig ein bestimmtes Buch in der Stadtbücherei aus, dessen Geschichte mit meiner kindlichen Wahrnehmung und den damals aktuellen Themen in Resonanz ging: Kleine Prinzessin Sarah. Im Kern traf mich sehr die Ungerechtigkeit, die in dieser Geschichte auftauchte und dass Geld sowie der soziale Status die Haltung der Menschen einem gegenüber offenbar beeinflusst. So erlebte ich es in meiner Schulzeit auch oft, denn ich hatte den Eindruck, dass die gut situierten Kinder von manchen Lehrern automatisch mehr Symphatie erhielten und ihnen somit  häufiger gute Bewertungen zuteil wurden, für die andere hart arbeiten mussten. Diese Ungerechtigkeit empfinde ich auch als herangewachsener Mensch noch.


Nach dem Tod meines Kindes wurde ich auf eine Sängerin aufmerksam, die recht konträr zu meinem damaligen Musikgeschmack angesiedelt war. Nicht immer mochte ich deutschsprachige Musik. Doch diese Frau hat mich mit ihrem Lied gepackt – und auch mit anderen ihrer Werke. Sie traf zu der Zeit meine Gedanken und Wahrnehmung über das Leben.

https://youtu.be/pBLJNe8hsKE?is=_tUfCfJyGtcoN4-W

Sarah Lesch spricht da eine ungeschönte Wahrheit aus, die mich immer und immer wieder zu Tränen rührt. Weil sie mit meinen eigenen, kindlichen Anteil resoniert. Und seitdem Herzenskind auf der Welt ist – noch viel mehr.


Die Thematik und Problematik ist schon lange Zeit in Kunstformen ausgedrückt worden. Ein eindrucksvolles Lied und Musikvideo hat Pink Floyd damals gewagt.

https://youtu.be/qs35t2xFqdU?is=9iD-soIOd3xZdepS

Was die Menschen miteinander anstellen, vor allem mit Kindern, lässt großen Schmerz in mir entstehen. Gleichzeitig erwacht daneben eine Energie und ein Antrieb, in winzigen Schritten eine Veränderung zu bewirken. Denn ich bin davon überzeugt, dass viele Probleme der Welt bereits in der Kindheit beginnen. Das weiter auszuführen, sprengt heute den Rahmen.


Und einen Visionär möchte ich heute ebenfalls erwähnen. Seine Musik bestimmte meine Kindheit, denn er lief rauf und runter in unseren Radios und CD-Playern. Die tiefe Bedeutung seiner Songs habe ich erst viel später verstanden.

https://youtu.be/PivWY9wn5ps?is=a82tghO0KWHc6Eys

Und besonders Michael Jacksons „Man in the mirror“ spricht uns alle an. Wir dürfen immer erst bei uns selbst beginnen. Uns hinterfragen. Unser Verhalten reflektieren – und da ist sicher kein Mensch vor Fehlern gefeit. Wir machen sie alle. Doch wir haben jeden Tag, jeden Moment die Chance, etwas Gutes zu tun. Anderen zu helfen. Denn auch wir profitieren davon, weil es in uns Glücksgefühle hervorruft, andere glücklich zu sehen. Michael hat in seinem Video die großen, menschlichen Katastrophen gezeigt, die vermutlich jedem unter die Haut gehen. Mit der Erinnerung am Ende: Wir leben alle auf diesem Planeten. Haben so vieles gemeinsam – mehr, als uns voneinander trennt. Den Blick immer wieder auf die Gemeinsamkeiten, auf die wahren, menschlichen Werte richten. Michael hat uns mit seiner Musik stets daran erinnert, die Liebe zu leben – die wahrhaftige, bedingungslose Liebe, die alles erhellt und heilt. Und dass diese gute Seele von so vielen Menschen zerstört wurde, lässt mich seine Musik heute mit einem ganz anderen Bewusstsein hören.


Ein Film, der mich sehr bewegte, war Interstellar. Er erschien, als mein erster Sohn noch lebte. Gesehen habe ich den Film erst, nachdem mein Kind gestorben war. Und genau deshalb hat der Film bei mir einen ganz entscheidenden und sehr bleibenden Eindruck hinterlassen. Diesen Film habe ich immer und immer wieder geschaut. Mit jedem Jahr mehr, in dem ich einen Weg mit meiner Trauer ging, sah ich den Film anders und sah mehr. Doch besonders diese eine Szene und dieser eine Satz am Ende des Films hat mich jedes Mal gepackt und zu Tränen gerührt. (Hier mag ich jetzt nichts vorwegnehmen, für jene, die ihn noch nicht gesehen haben). Die fantastische Musik von Hans Zimmer macht diesen Film zu einem Meisterwerk und ruft bei mir unausweichlich eine Palette von Gefühlen hervor. Ich sollte ihn mal wieder schauen.


Ein weiterer Film, der mich nachhaltig beschäftigte: Das Schicksal ist ein mieser Verräter. Und wie auch bei Interstellar, sah ich den Film erst nach dem Tod meines Sohnes. Wie sehr ich bei diesem Film geweint habe, muss ich nicht erklären. Für mich eine Erinnerung daran, wie ungerecht das Leben oft sein kann. Wie unverhofft das Schicksal (?) um die Ecke kommt und jene trifft, von denen wir es am wenigsten erwarten würden. Aber dass in der nahen Endlichkeit des eigenen Lebens so viel Tiefe und Liebe für das Leben frei werden kann, die andere mit ansteckt.

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