Glauben als Kind und heute

Was hast du als Kind geglaubt, das dir heute total absurd vorkommt?

Unweigerlich kommt mir dabei der Begriff „kindliche Naivität“ in den Sinn. Eine schöne, wertende Aussage von herangewachsenen Menschen, denen zwar schon mehr Weitsicht zuteil wurde – die sich aber oft leider schon von ihrem inneren Kompass entfernt haben.

Und so ging auch ich als Kind durch die Welt, dass sicher alle Menschen gewillt sind, gut miteinander auszukommen. Natürlich hatte ich in meinem Elternhaus mit einer älteren Schwester bereits Erfahrungen sammeln dürfen, dass das Leben nicht immer heiter Sonnenschein war.

Ich dachte aber: Wenn ich nett zu anderen bin, sind sie es sicher auch zu mir.

Muss ich nicht weiter ausführen. In der Schulzeit wurde ich eines Besseren belehrt. Und ich habe viele Jahre des Scheiterns getragen – denn etwas in mir gab die Hoffnung nicht auf, dass Freundlichkeit ein guter Kompass im menschlichen Miteinander sein könnte. In der Pubertät, mit den aufkommenden hormonellen Veränderungen, wendete sich das Blatt in mir. Nach jahrelangem Mobbing in der Schule hatte meine Seele Kratzer davon getragen und ich entwickelte eine Schutzreaktion nach außen. Grenzte mich zumindest optisch ab und wollte mich nicht mehr angreifbar machen. Aber ich nahm weiterhin so viel wahr, was zwischen den Menschen passierte und verwendete viele Gedanken darauf, verstehen zu wollen, warum man sich oft gegenseitig absichtlich Schaden zufügt. Auch heute kann ich’s noch nicht ganz verstehen – erkenne aber andere Zusammenhänge.


Als Kind dachte ich auch: Wenn ich einen guten Schulabschluss bekomme, werde ich einen richtig guten Job haben, gutes Geld verdienen und mir ein tolles Leben aufbauen können. Nach etlichen gedanklichen Wechseln zwischen möglichen Berufen, war am Ende der Realschulzeit klar: Es soll ein Medizinstudium werden. Ich machte Abitur und durfte im 13.Schuljahr schmerzlich erkennen, dass kognitive und körperliche Energie endlich ist:  Denn nicht nur Lernstoff verinnerlichen, sondern etliche Umzüge wuppen, zwischenmenschliche Konflikte verarbeiten, finanzielle Nöte mit mehreren Minijobs ausfüllen – das frisst unwahrscheinlich viel Kraft und Kapazitäten im Kopf. Ein Tag hatte auch da eben nur 24 Stunden und reichte nicht, um all die Anforderungen bravourös zu erfüllen. Wie oft ich mit Migräne, Spannungskopfschmerzen und Erschöpfung rang, wurde mir erst viele Jahre später bewusst und dass es eigentlich nicht normal sein sollte, mit Schmerzmitteln im Schulrucksack loszuziehen. Ich hatte damals kein Gefühl für rechzeitige Pausen, funktionierte ohne Unterlass und sah die Hilferufe meines Körpers als lästige Begleiterscheinungen an. Damals dachte ich: So machen das wohl alle. Scheint normal zu sein. Heute weiß: Leider ist es normal, dass Menschen ihre Gesundheit für Leistungsfähigkeit aufs Spiel setzen – doch ich bin aus diesem Kreislauf schon mehr ausgebrochen und versuche einen gesünderen Weg mit meinen Ressourcen zu finden. Ich dachte sehr lange Zeit, dass ich jeden Tag das gleiche Pensum an Energie und Aufmerksamkeit aufbringen kann/muss/soll – und war am Boden zerstört, wenn ich mal nicht dauerhaft leistungsfähig war. Heute weiß ich: Ich bin ein zyklisches Wesen. Unterliege nicht nur im Tagesverlauf natürlichen, sondern auch aus meiner Weiblichkeit heraus den monatlichen, hormonellen Schwankungen. Aktivitäten daran anzupassen, finde ich jetzt heraus – damals habe ich versucht, mit Schmerzmitteln und Antibabypille meinen Körper funktionsfähig zu halten. Ach ja..


Da ich als junges Mädchen schon diese innere Gewissheit hatte, dass ich einmal Mutter werden möchte, war ich in der Annahme: Irgendwann so zwischen 20 und 30 werde ich schwanger, bringe ein Kind zur Welt und bekomme das sicher alles richtig gut hin. Auch die Vorstellung einen Partner zu finden, mit dem das alles möglich wird, war als Wunsch in mir verankert. Ich erinnere mich noch an den Satz meines Vaters, als ich begann regelmäßig für meine Familie Kuchen zu backen: „Deinem Mann wird es später mal gut bei dir gehen.“ Mit 14 hatte ich meinen ersten Freund. Sechs Jahre später meinen zweiten. Ich machte alles mögliche, um meine Partner zufrieden zu stellen und ging dabei über einige Grenzen, die ich permanent ignorierte. Dann war ich im letzten Jahr meiner Krankenpflegeausbildung, kurz vorm Examen, und erfuhr, dass zwei Frauen in meinem Kurs schwanger waren. Mit einmal wurde mir klar: Ich bin jetzt in einem Alter, in dem ich jederzeit Mutter werden könnte. Etwas, das ich in meiner Jugend und ersten Beziehung panisch betrachtete, sobald die Periode einmal später kam, ließ mit einmal ein ganz anderes Gefühl in mir entstehen: Akzeptanz. Dass ich direkt nach meinem Examen ungeplant schwanger wurde, empfinde ich rückblickend beinahe ironisch. Wie der Weg mit meinen erst Kind verlief, hebelte wohl sämtliche Vorstellungen meiner Kindheit über Mutterschaft und Familie aus der Verankerung. Als ich nach dem Tod meines Sohnes irgendwann wieder schwanger wurde, ging ich mit der Erwartung heran, die sicher auch eine kindliche Naivität in sich trug: Ich werde schwanger und ich bringe ein Kind zur Welt – hatte ja bei meinem ersten Kind geklappt.  Als ich mich gerade mit dieser überraschenden  Nachricht anfreundete, verabschiedete sich die kleine Seele wieder und ich erlebte mit meiner ersten Fehlgeburt eine korriegende Erfahrung mit nachhaltiger Wirkung.

Ich könnte diese Impulsfrage wohl mit noch mehreren Beispielen füttern. Doch diese Erkenntnisse haben mich letztlich am nachhaltigsten geprägt.

Hast Du Gedanken dazu? Schreib doch gerne einen Kommentar.