Bauchgefühl gefolgt

Wann bist du deinem Bauchgefühl gefolgt – und es lag genau richtig?

Als ich ging. Vor zehn Jahren. Im Juli 2016.

Irre. So lange ist es her, als ich diese schwere Entscheidung getroffen hatte, den Vater meines verstorbenes Kindes zu verlassen. Nach monatelangem Wechseln zwischen Gefühl wahrnehmen, dass irgendwas nicht passt und dem rationalen Denken, dass ich nur abwarten muss, bis sich das Gefühl wieder legt.

Ich habe mir immer erstmal alles lange Zeit mit dem Verstand zerdacht und dabei das Bauchgefühl zu ignorieren versucht. Doch diese Bauchstimme wurde lauter. Und nach dem Tod meines Kindes begann ich mehr hinzuhören. Denn sie sprach eigentlich deutlich: Fühlte ich mich mit etwas unwohl, zog sich mein Magen zusammen. Der Bauch krampfte. Ich bekam kaum Luft. Mein damaliger Partner und Vater meines verstorbenen Kindes löste mit seiner Anwesenheit zunehmend unangenehme Reaktionen in meinem Körper hervor. Und so sehr ich versuchte, mit dem Verstand zu argumentieren – meine Gefühle und die damit verbundenen körperlichen Äußerungen nahmen deutlich mehr Raum ein. Sie waren nicht mehr zu ignorieren.

Es war buchstäblich Zerrissenheit. Ein Teil in mir wollte weg. Mein Körper zeigte mir, ich musste weg. Etwas passte dort nicht für mich. Der andere Teil blieb. Weil ich meinem Partner nicht noch einen Verlust zumuten wollte – denn ich hatte Sorge, was das mit ihm machen würde. Wir gingen ins Gespräch, suchten nach Lösungen und Perspektiven, wie wir diese schwierige Zeit lösen könnten.

Aber mein Körper log nicht. Immer weniger konnte ich essen. Immer schlechter wurde mein Schlaf. Und sobald ich alleine war und mich gedanklich dort sah, wo ich hin wollte – ging es mir gut. War mein Partner in meiner Nähe und ich hörte ihn sprechen, erschien nicht nur mein verstorbenes Kind während der letzten Atemzüge vor meinem geistigen Auge – sondern auch sämtliche Situationen der vergangenen Jahre, in denen ich mich für meinen Partner verbog und oft „Ja“ sagte, obwohl ich „Nein“ wollte. Mir wurde zunehmend klarer: Ich hatte mich angepasst und einen Teil von mir weit nach hinten gedrängt. Weil ich dachte, so macht man das in einer Beziehung. Ich fühlte mich irgendwann wahnsinnig unter Druck.

Trotz aller Ideen und Versuche, diese leidliche Phase unserer jungen Ehe zu kitten, folgte ich meinem Bauchgefühl. Ich ging. Für mich. Denn mir war bewusst geworden, dass ich mich in dieser Beziehung verloren hatte und konnte es dennoch rational voneinander trennen, dass meine Trauerreaktion nicht irgendetwas verschleierte – sondern da etwas laut in mir wurde, dem ich lange Zeit keine Stimme gab.

Und letztlich wurde ich in meinem Bauchgefühl bestätigt.

Ich konnte atmen. Spürte Antrieb und mehr Leichtigkeit. Das Leben wurde spürbarer. Perspektiven wurden klarer. Und das ein Jahr nach dem Tod meines Kindes. Oft haderte ich mit mir, ob ich denn schon wieder so leicht sein dürfte. Doch ich folgte von da an mehr meinem Gefühl. Nahm den Verstand natürlich mit ins Boot – zur Absicherung. Aber mit der Energie, die damals in mir frei wurde, erkannte ich, dass mein Bauchgefühl schon ein sehr guter Kopf ist.

Eine Antwort zu “Bauchgefühl gefolgt”

  1. In deinen Gefühlen und Gedanken erkenne ich meine Situation von vor fast genau zwölf Jahren wieder. Auch meine Trennung war der Weisheit letzter Schluss. Unter weniger dramatischen „Rahmenbedingungen”.

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