Früher sah ich andere Mütter. Beobachtete sie manches Mal mit ihren Kindern. Und erkannte schnell die Überforderung. Fragte mich, was denn so schwer sein soll. Ging davon aus, dass in Müttern doch eigentlich von Natur aus ein besonders dicker Geduldsfaden angelegt ist.
Sie ist überfordert.
Diese Worte enthielten Wertung. Gepaart mit Unverständnis.
Dieses kleine Wort überfordert ist in den meisten Köpfen negativ konnotiert.
Und heute.
Da bin ich die überforderte Mutter.
Denn ich bin über meine persönlichen Möglichkeiten und Grenzen gefordert. Heraus-gefordert.
So dachte ich damals mit Blick auf die anderen Mütter nicht daran, wie wahnsinnig krass Mutterschaft sein kann. Was man alles gleichzeitig fühlen kann. Und dass man oft kaum die Möglichkeit hat, das alles mal so richtig zu betrachten und zu verarbeiten. Weil jeden Tag so viel passiert im Leben mit Kindern.
So war mir damals noch nicht bewusst, wie unterschiedlich Herausforderungen mit Kindern aussehen können und dass im Grunde jede Familie täglich über ihr eigenes Maß gefordert ist – weil so viele Bedürfnisse aufeinander treffen und miteinander in Einklang gebracht werden wollen.
So stehe ich also nach einigen Jahren intensiver Mutterschaft meiner damaligen Sicht kritisch und nachsichtig gegenüber.
Ich wusste es nicht. Besser.
Denn ich habe es selbst nicht erlebt.
Heute betrachte ich den Begriff überfordert weniger abwertend. Eher entwickelt sich Verständnis. Nachsicht. Mitgefühl.
Denn jeder Mensch erlebt Zeiten, die ihn über seine Möglichkeiten und Grenzen fordern. Jeder steht mal komplett verzweifelt im Badezimmer, starrt ins Leere und hat keine Ahnung, wie er den ganzen Anforderungen des Lebens Herr (oder Frau) werden soll. Wie er den bevorstehenden Tag schaffen soll, weil die Akkus doch schon so lange auf Minimum laufen. Ich bin mir sicher – jeder erlebt solche Phasen im Leben.

Und da frage ich mich ernsthaft: Sollten wir nicht eher Hilfe anbieten, Unterstützung ermöglichen – damit ein Mensch in seiner Phase von Überforderung etwas abgeben kann? Damit die ganze Last der Anforderung nicht komplett auf seinen Schultern liegt? Wäre es nicht für alle viel schöner, dieses Mitgefühl aufzubringen und so Verbindung zu schaffen – nach dem Motto: Geteiltes Leid ist halbes Leid? Könnte für alle eine korrigierende Erfahrung sein – in Sachen Vertrauen, Selbstwirksamkeit und Menschlichkeit.
Ich weiß.
Mitgefühl.
Große Sache.
Hach. Mir kommen mindestens drei potentielle Floskeln in den Sinn, die da unbedacht entgegnet werden, sobald jemand sein Leid klagt. Worte, die eine Kluft vergrößern, statt sie zu schmälern.
Aber gut.
Ich fange bei mir an.
Und vielleicht stecke ich damit ja andere an.

3 Antworten zu “Über-fordert”
Mir scheint es so, als würden diejenigen, die Hilfe anbieten, zurückschrecken, weil sie die Erfahrung gemacht haben, dass, wenn sie den kleinen Finger anbieten, die ganze Hand gefordert wird. Und immer mehr Menschen können, so mein Eindruck, keine Grenzen mehr setzen und immer mehr Menschen können keine Grenzen mehr akzeptieren.
LikeGefällt 1 Person
Das ist sicher ein Aspekt, der da mit hinein spielt. Und immer wieder kommt mir dazu der Gedanke:Wo fängt das ganze an, dass Grenzen übergangen werden und ein „Nein“ unberücksichtigt bleibt? Darum beginne ich bei mir. Und meinem Kind. Lebe es vor und ecke an. Wie ein Tropfen, der ins Wasser fällt und etwas in Bewegung setzt. „…take a look at yourself and make the change“.. :)
LikeGefällt 1 Person
[…] mit Anlauf in mein persönliches Fettnäpfchen. Und witzig, dass ich gestern erst im Beitrag Über-fordert darüber sinnierte, wie wichtig Mitgefühl und Aufeinanderzugehen sein kann. Mein Beitrag vor einem […]
LikeLike