Abkühlung und Stille

Es grummelt. Dem Klang nach zu urteilen, verrückt jemand am Himmelzelt Möbel. Oder es zieht das nächste Gewitter auf.

In der Nacht erwachte ich zwei Mal: Einmal, um die Fenster gegen 1 Uhr zu öffnen und die etwas kühlere Luft hineinzulassen. Und rund eineinhalb Stunden später, um sie wieder zu schließen, da ein Gewitter aufzog. Viel Schlaf war das nicht.

Und so stehe ich an diesem Sonntagmorgen zur gewohnten Uhrzeit auf. Spüre, wie die warme Nacht an mir klebt und entschließe, diese zweite Haut aus Schweiß und Erschöpfung von mir abzuduschen. Die auf kuschelige 27Grad erwärmte Dachwohnung darf derweil mit weit geöffneten Fenstern den Dunst des vergangenen, heißen Tages auslüften. Für einen Moment sitze ich auf dem Sofa und blicke aus der weitgeöffneten Tür aufs Feld gegenüber. Spüre die frische Luft, die in den Raum zieht und mich richtig durchatmen lässt. Es ist ruhig draußen. Die Bäume rascheln im Wind, Vögel besingen den Morgen. In der Stille des Morgens, beginnt mein Geist mit Gedanken und Gefühlen zu erwachen.

Während ich anschließend so unter dem lauwarmen Strahl des Duschkopfes stehe, gehen mir – wie so oft – unzählige Gedanken in Sekundenschnelle durch den Kopf. Ich spüre, dass sich etwas zeigen will. Scham.

Ich schäme mich für die Gedanken, die da manchmal in mir aufkommen. Ich schäme mich dafür, dass ich oft nicht die Mutter bin, die ihr Kind (scheinbar) ausreichend fordert und fördert. Ich sehe die anderen Kinder und merke, dass das was mit mir macht. So kommen mir, im rauschenden Nass der Dusche, Worte in den Sinn:

Ich erwische mich oft dabei, wie ich mir insgeheim wünsche:

Ein Kind, das öfter mal „Ja“ sagt – statt immer nur das „Bockige“.

Nicht das glatte, feine Haar – sondern lieber das Lockige.

Manchmal will ich weg, ganz woanders hin – denn vielleicht finde ich ja da einen Sinn.

Ich führe oft diesen gedanklichen Tanz – und suche eigentlich nach radikaler Akzeptanz.

Immer wieder diese große Frage, ob ich auf ganzer Linie und komplett versage.

Möchte mich nicht ständig in Ausnahmen verlieren – sonst wird das alles doch nicht funktionieren.


Die Stille des Morgens lässt etwas in mir laut werden. Ich schaue hin. Will verstehen, was sich da zeigt. Statt es zu verdrängen, gebe ich dem Ganzen Raum. Das gehört auch zu mir. Diese versteckten Wünsche. Dieser innere Balanceakt mit der Akzeptanz dessen, was ist. Diese ständig aufkommende Unsicherheit, sobald Vergleiche möglich werden.

Doch gleichzeitig wird in jedem Hadern und innerlichen Wanken auch eine Kraft in mir frei, die mich aufrichtet: Ich sehe es. Das, was mittlerweile geht. Allein, dass ich an so einem Morgen einfach duschen gehen kann – es war jahrelang nicht möglich; zu sehr brauchte mich mein Herzenskind morgens und wachte oft unmittelbar nach meinem Aufstehen auf. Ich sehe es. Was im Alltag peu a peu geht, das in den ersten vier/fünf Jahren undenkbar war. Selbstständigkeit bei Herzenskind entwickelt sich auf einem anderen Weg. Immer wieder richtet mich diese nachsichtige und wohlwollende Stimme in mir auf, wie eine gute Freundin. Sie erinnert mich stets daran, dass wir hier ein ganz anderes Tempo haben – und daran nichts verkehrt ist.

Die vergangenen heißen Tage haben mich zwischen radikaler Nachsicht und Selbstzweifeln schwanken lassen. Wo ich an der einen Stelle ganz klar sagen konnte: Bei der Hitze dürfen wir gnädig mit uns sein und nicht zu viel verlangen. Da erinnerte mich mein funktioneller Anteil daran: Aber bitte nicht zu sehr gehen lassen und bloß nicht die Struktur aus den Augen verlieren. Ich fühlte mich wie ein Pendel zwischen heißen Fronten.

Drum genieße ich heute ganz bewusst die Abkühlung und das, was daraus alles entstehen kann.

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