Wenn du einen Trend aus der Geschichte löschen könntest – welcher wäre das?
Der erste Gedankenimpuls dazu: Schönheitsindustrie und die damit verbundenen Ideale. Allem voran die optische Idealisierung von weiblichen Körpern, mit der unzählige Firmen seither unfassbar viel Geld erwirtschaftet haben – es ist für mich ein Graus. Es erschreckt mich, wie gekonnt Unsicherheit über das eigene Aussehen in die Wahrnehmung der Menschen gepflanzt wird, um ihnen später das Geld aus der Tasche zu ziehen.
Mag vielleicht etwas drastisch klingen.
Doch die Auswirkungen von Mode-, Make-up – und Beautyindustrie sind so weitreichend. Da werden Probleme geschaffen, für die es schon eine Lösung zu kaufen gibt. Mal ganz abgesehen von den psychischen Konsequenzen, mit denen besonders das weibliche Geschlecht eine Zeit ihres Lebens zu kämpfen hat. Weil man sich nicht genug fühlt. Die eigene, individuell Schönheit nicht erkennen kann und sich an Idealen orientiert, die oft nur mit größtem Aufwand oder eben gar nicht erreicht werden können. Da wird allen verkauft, dass etwas für alle passend wäre und an eine gewisse Optik Ansehen, Bestätigung und Zugehörigkeit geknüpft sind.
Ich nehme das männliche Geschlecht davon nicht aus. Ja, Optik wird bei kleinen und großen Menschen idealisiert. Ach was, selbst bei Tieren – wenn ich die Schönheitswettbewerbe von Hunden und Katzen beispielhaft hinzuziehe.
Perfide werden mit optischen Idealvorstellungen Wettbewerb erzeugt und Unterschiede betont, die es im besten Fall zu begleichen gilt. Denke ich an die Make-up Industrie, habe ich meistens sofort das Bild einer Maurerkelle vor Augen, die gekonnt Unebenheiten glättet.
Ich habe mich seit meiner Jugend auch mit Kleidung und Schminke ausprobiert. Bin dabei aber selten mit Trends mitgegangen – einfach, weil ich sie nicht als solchen einordnen konnte und erst deutlich später damit in Berührung kam, als der nächste Trend bereits in den Startlöchern stand. Dahingehend war ich immer ein Spätzünder. Es gab Momente, in denen ich verzweifelte, weil ich gewisse Modetrends nicht tragen konnte – denn ich dachte, nur so würden mich Mitschüler akzeptieren. Die Gelassenheit und, ja nennen wir es Ruhe in mir, die ich seit einigen Jahren mit mir herumtrage – dass ich all das nicht brauche – hätte ich gerne bereits früher entwickelt.
Man muss sich mal vorstellen: Wir kommen auf diese Welt und sind mit uns ziemlich im Reinen. Finden uns erstmal grundsätzlich ziemlich knorke und probieren selbstbewusst allerlei Verkleidungen und Kombinationen aus, für die sich so ein kleiner Mensch ziemlich feiert. Da ist noch eine richtige Freiheit zu spüren. Erst im sozialen Kontext und mit gesellschaftlichen Idealen wird der Blick für Optik geformt. Und das so sehr, dass sich inzwischen schon in Kita und Kindergarten unter den kleinen Menschen gewisse Standards entwickeln, an die Ablehnung oder Anerkennung geknüpft sind.
Über die Jahre meines jungen Lebens hat sich mir gezeigt: Die optische, makellose Erscheinung war früher überwiegend dem weiblichen Geschlecht zugeordnet – aber ich sehe, dass auch das männliche Geschlecht an gewissen Stellen mit Idealen zu kämpfen hat. Allerdings hatte ich den Eindruck, dass sich die meisten männlichen Geschöpfe eher aus diesem Druck herausnehmen können. Allein Redewendungen wie, dass Frauen das schönere Geschlecht sind, können ungünstigerweise Vorstellungen und Ansprüche mit sich bringen, an denen immer noch unzählige Frauen weltweit innerlich zerbrechen.
Wie schön ist es da, wenn man den Punkt wieder erreicht, der einem von Geburt an innewohnte: Sich so zu mögen, wie man eben ist. Sich gut genug zu finden. Schön, in der eigenen, ganz individuellen Erscheinung. Kleidung zu wählen, in der man sich wohl fühlt und die man selbst wirklich mag – und nicht, weil eine Industrie und Gesellschaft vorgibt: „DAS hast du jetzt zu mögen!“ Wenn man Makeup oder Pflegeprodukte nutzt, um Akzente zu setzen – aber noch als der Mensch erkennbar bleibt, wie er morgens aus dem Bett aufsteht (sprich: bestenfalls ungeschminkt). Es macht mich traurig und fassungslos, dass so vielen Menschen dieser Blick für die natürliche Schönheit abtrainiert wird. Doch es ist nicht unmöglich, wieder zu erkennen, worin die Schönheit eines jeden Einzelnen liegt – und das ohne Make-up oder bestimmte Kleidung.

Eine Antwort zu “Trend löschen”
Danke, in diesem Text erkenne ich mich gut wieder. Ich mag das meiste an mir, außer meinem Speckbauch, trage so gut wie nie Makeup und jage keinen Modetrends hinterher.
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