Ich und ich

Wie viel Ich kann ich einem anderen lassen, bis mein Ich nicht mehr genug Raum bekommt? Es heißt doch in der Physik: Wo eine Masse ist, kann keine andere sein. Und wir Menschen dürfen uns ein Leben lang miteinander nebeneinander vereinbaren.

Wie viel kann sich ein Mensch zurücknehmen, damit auch andere Platz bekommen – ohne permanente Reibung? Und was ist, wenn es nicht alle so gut hinbekommen mit Rücksichtnahme – es also unweigerlich und ständig zu Reibung kommt? Vielleicht sehen wir im Außen keinen Abrieb, wie bei Holz oder Metall. Weil der Abrieb nicht sichtbar ist – denn er entsteht auf der Seele. Im Nervensystem. Was passiert also mit der Seele von denjenigen, die permanent der Reibung ausgesetzt sind? Würde man zum Schutz der abgeriebenen Seele dann nicht sagen, dass man sich der Reibung eine zeitlang entziehen oder sie gänzlich aussetzen sollte? Wie weit kann man Rücksichtnahme leben, bis sie zur Selbstaufgabe wird?

Energie lügt nicht, habe ich mal gelesen.

Manchmal spürt man, dass irgendetwas nicht passt. Vielleicht lässt es sich nicht erklären, auch wenn rational nach Gründen gesucht wird. Da ist einfach dieses Gefühl. Im Bauch – der sich jedes Mal zusammenzieht. Wie lange setzt man sich unangenehmen Energien, Begegnungen und Situationen aus, darauf hoffend und aufbauend, dass es doch noch leichter und erträglicher wird? Wann erkennt man, dass es für einen nicht passt?

Da heißt es: Hör auf dein Gefühl. Und doch redet man sich mit dem Verstand alles passend. Für einen faulen Frieden. Denn vielleicht passt es für andere – aber nicht für einen selbst.

Wann lässt man also die Erwartungen, die Hoffnungen und die Wünsche an andere los, um seinen eigenen Frieden zu finden? Weil man eben irgendwann spürt: Da ist nichts zu holen. Wir passen nicht nah aneinander. Vielleicht nur nebeneinander, mit viel Platz dazwischen. Weil jeder seinen Raum braucht und der nicht mit jedem Menschen vereinbar ist. So sehr man es sich auch wünscht.

Was nicht passt, wird passend gemacht – greift vielleicht nicht ganz für’s menschliche Miteinander.

5 Antworten zu “Ich und ich”

  1. In der NDR-Podcast-Serie „Die Paartherapie“ wird oft über die Frage gesprochen, wie man das Gleichgewicht zwischen Eigeninteresse und Rücksichtnahme in Beziehungen finden kann.

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      • Wir wünschen uns anstrengungslose Beziehungen. Die gibt es nicht. Es heißt ja so treffend: Beziehungsarbeit. Auf Arbeit wurden dafür die regelmäßigen sogenannten Blitzlichter eingeführt oder das (zwei-)wöchentliche Weekly. Private Beziehungen brauchen so etwas auch: Reden, reden, reden. Über Gefühle. Als Ich-Botschaft. Einander verstehen. Miteinander etwas verändern. Wir verändern uns ständig. Unsere Gegenüber auch. Wir müssen sie mitnehmen und sie uns.

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      • Das sehe ich auch so. Der Gedanke meines Beitrags war unter anderem jener, dass es auch Pausen braucht von dieser „Arbeit“. Und dass nicht jede Beziehung eine gute Arbeitsgrundlage ermöglicht – so sehr es gewünscht wird. Weil die Chemie dann eben doch nicht passt.

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      • Erholungspausen sind wichtig. Auf Arbeit und in Beziehungen. Und: aushandeln, was geht. Es dreht sich immer um: verändere die Situation, akzeptiere oder verlasse sie.

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