Was war das Mutigste, das du je getan hast, als niemand hingeschaut hat?
Ich stoße mich etwas an der Formulierung der Frage: „..das du je getan hast“. Kann ich diese Frage eventuell erst am Ende meines Lebens beantworten? Bezieht die Frage nur die Vergangenheit mit ein oder auch die Zukunft? Oder tauschen wir das kleine Wörtchen „je“ gegen „bisher“ aus? Ich gehe jetzt mal von der Vergangenheit aus. Denn ich bin mir sicher, da werden noch viele Mutmomente kommen.(Willkommen in meinem autistischen Gehirn!)
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Ob etwas mutig ist, liegt vermutlich im Auge des Betrachters. Menschen, die beispielsweise große Schwierigkeiten haben, längere Autofahrten alleine anzutreten oder gar eine Autobahn zu befahren, könnten meine regelmäßigen Autofahrten über die Autobahn mit Kind auf der Rücksitzbank als mutig einstufen. Für Menschen, die in handwerklichen und technischen Arbeiten aufgehen, könnte die Arbeit am und mit Menschen besonders mutig empfunden werden. Nur als kleine Beispiele.
Doch ich kann mit Blick auf meine Vergangenheit sagen: Das Mutigste in unbeobachteten Momenten waren die stillen Entscheidungen, die ich für mich getroffen habe. Diese Entscheidungen fühlten sich wahnsinnig laut in mir an. Stürmisch. Bahnbrechend. Denn wenn so ein Ja-Sager und People-Pleaser, wie ich es oft war, ganz bewusst entschieden hat, an einer Stelle „Nein“ statt „Ja“ zu sagen – dann war das für mich eine ordentliche Mutprobe. Immerhin gab es mir stets ein Stück Sicherheit, mich anzupassen, den Bedürfnissen der Menschen um mich herum gerecht zu werden – weil vorhersehbare Reaktionen auf mich warteten.
Doch es gab zahlreiche Momente, in denen meine Bedürfnisse größer und lauter wurden – und ich spürte, wie sich innerlich Weite und Raum eröffnete, weil ich mir selbst treu blieb, obwohl alle um mich herum etwas anderes erwarteten. Nach einer mutigen Entscheidung ist immer etwas in mir gewachsen.
Ich könnte also sagen, dass die mutigste Handlung in meinem Leben jedes Mal dann stattfand, wenn ich auf mein Gefühl hörte und meinen Verstand für einen Moment an zweite Stelle setzte. Wenn alles in mir schrie: „Komm, scheiß‘ drauf.“
Sichtbar wurde mein Mut letztlich doch – denn die Entscheidungen, die ich aus meinem Mut heraus traf, veränderten einiges in meinem Leben. Nicht immer zur Freude der Menschen in meinem Umfeld – aber dafür im Einklang mit meiner Seele.
