Tribut

Es donnert. Ein kräftiger Wind zieht auf und am Himmel schieben sich dunkle,graue Regenwolken vorbei. Der nächste starke Regenguss kündigt sich an. Hallo Herbst!

Ich liege auf dem Sofa und beobachte das Wetterschauspiel. Meine Augen sind schwer, mein Hals ist geschwollen und kratzt – ich fühle mich angeschlagen und kraftlos. Mein Körper fordert gerade seinen Tribut, denke ich so bei mir. Die letzten Wochen haben viel von mir abverlangt – zusätzlich zu den drei Jahren Schlafmangel. Mein Herzmensch hatte fast zwei Monate mit einem Nierenstein und den damit verbundenen Behandlungen und Schmerzen zu tun, fiel im Alltag größtenteils raus. Wichtig war, dass seine Wiedereingliederung nach einem dreiviertel Jahr Ausfall gut laufen kann. Nun liegt seine erste Woche in Vollzeit bereits hinter ihm und körperlich geht es glücklicherweise bergauf. Doch nun meldet sich mein Körper. Vieles habe ich versucht alleine unter einen Hut zu bringen und es gelang mir weitestgehend auch. Ich machte an vielen Tage Abstriche und verschob Prioritäten – dann war es wichtiger, gemeinsame Zeit mit dem Herzenskind an frischer Luft zu verbringen, statt die Wohnung zu saugen und Wäsche aufzuhängen. Vor einigen Tagen spürte ich bereits, wie sich allmählich immer mehr Erschöpfung bei mir zeigte. Ich wandere zwischen den Räumen hin und her, blicke von einem Chaos ins nächste und beginne zu seufzen und zu weinen. Wie soll das ein Mensch alleine nur alles schaffen? Das geht einfach nicht. Die letzten Ausflüge mit Fahrrad und Anhänger strengten mich körperlich enorm an. Immer mehr musste ich mich in den letzten Tagen zu vielem überwinden. Meinem Herzenskind signalisierte ich des öfteren, wo meine Grenze ist und es endete meistens in Tränen. Denn so ganz verstehen kann er das eben doch noch nicht – irgendwann wird sein Kopf so weit sein und die Perspektive wechseln können. Bis dahin braucht es viel Geduld – und die ist eben nicht immer so ganz da, wenn die eigenen Reserven beinahe aufgebraucht zu sein scheinen. Dass ich nun hier angeschlagen liege, resultierte aus meiner grundsätzlichen Erschöpfung, dem ‚Zu-viel-Aufhalsen‘ und dem Kontakt zu einem erkälteten Kindchen. Das gab meinem geschwächten System den Rest.

Und nun muss es eben klappen. Ohne mich – sonst in Vollzeit und für das meiste zuständig. Jetzt teilen wir auf. Ich ruhe mich mehr aus. Dabei merke ich wieder, wie wenig ich auf mich geachtet habe. Wie viel ich dachte leisten zu müssen, damit es meinen beiden Herzmenschen gut geht. Ich plante mir schon kleine Auszeiten in weiter Ferne, aber habe sie mir in letzter Zeit selbst kaum eingeräumt – weil ich das Gefühl hatte, es ginge nicht. Ich lerne noch. Ich darf nachsichtig mit mir sein, dass ich diese Kümmerei und das Gefühl von Überverantwortung nicht so schnell ablegen kann, wie ich gerne möchte.

Du hast es Dir doch so ausgesucht, könnte man jetzt argumentieren. Natürlich. Ich habe mir ausgesucht, so weit weg von unseren Familien zu wohnen. Ich habe es mir so ausgesucht, mein Kind Zuhause zu betreuen. Ich habe es mir so ausgesucht, dass mein Mann arbeitet und ich daheim bleibe. Rein faktisch ist das auch so.

Was ich mir nicht ausgesucht habe und womit ich nun leben lerne: Ein Kindchen, das so viel von mir und uns braucht und das nicht systemkonform in eine Betreuungseinrichtung passt. Es gibt derzeit noch keine passende Form der Betreuung in unserem Umfeld, mit dem wir uns alle wohlfühlen. Desweiteren habe ich mir nicht ausgesucht, dass mein Herzmensch noch so sehr mit einer Depression zu tun haben wird und dies unser Familienleben nochmal stark herausfordern wird. Ich hab mir nicht ausgesucht, dass mein erster Sohn nach schwerer Krankheit versterben wird und ich nun fortlaufend mit der Trauer konfrontiert sein werde. Und auch habe ich mir nicht ausgesucht,dass ich hochsensibel durch dieses Leben gehen werde. Zumindest habe ich das alles nicht bewusst. Auf einer anderen Ebene vielleicht schon. Doch auf’m Grabbeltisch im Angebot hätte ich mir all das freiwillig vielleicht auch nicht ausgesucht. Doch ich versuche jeden Tag das Beste daraus zu machen und einen friedvollen Weg damit zu finden. Es kostet Kraft, aber birgt wahnsinnig viel Wachstum und ich bin dankbar dafür.

Ich könnte es mir wohlmöglich noch leichter machen, bestimmt. Doch den Weg gehe ich nur allein. In meinem Tempo. Und jetzt zeigt mir mein Körper mal wieder, dass ich zu viel Gas gegeben habe und mal wieder anhalten sollte.

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