Durchhalten

Ich will Autos spielen.

Ich will auf dem Tablet spielen.

Ich will Fernsehen gucken.

Ich will bei Dir trinken.

Ich will was runterladen.

Ich will Schokolade.

Ich will nicht raus.

Ich will nicht baden.

Ich will das nicht.

Ich will. Ich will. Ich will.

Manchmal liegen zwischen den Wünschen und Bedürfnissen meines Kindes nur wenige Minuten. In Phasen, wo kognitiv oder körperlich ein großer Sprung ansteht oder er mitten drin steckt, sind die Interessen sehr sprunghaft. Die Ausdauer ist in solchen Zeiten schwindend gering – bei ihm und bei mir. Denn auch die Nächte sind dann meistens wieder entsprechend unruhig für uns beide. In solchen Zeiten schleppen wir uns durch die Tage. Je länger diese Phase anhält, desto schräger wird die Stimmung. Irgendwann betrachte ich mein Kind, das auf der Suche nach dem nächsten Dopamin-Kick zwischen Aktivitäten hin- und herwechselt – und habe das Gefühl, ich verliere die Kontrolle.

Kontrolle? Wie weit muss ich das kontrollieren oder gar steuern? Mein Kindchen macht eine Entwicklung durch. Das fühlt sich für ihn scheinbar unangenehm und komisch an. Klar, seine Wahrnehmung von der Welt, wie sie bisher war, scheint nun etwas anders zu sein – denn mit einmal hat er neue Fähigkeiten und ein neues Verständnis. Seine bisherige Welt wird also auf den Kopf gestellt. Und dann will er unbewusst alles neu wahrnehmen und ausprobieren. Zumindest erkläre ich mir das so. Damit das Verständnis auf meiner Seite wächst und ich einfühlsam auf ihn zugehen kann. Nach dem Motto: Irgendwas ist immer – jedoch nicht negativ behaftet. Denn diese kleinen Menschen machen so viel durch in kurzer Zeit, verändern sich so rasant – da kann der verständnisvolle Rückhalt helfen und ein Raum, der ihnen die Möglichkeit bietet, so zu sein, wie sie eben (gerade) sind.

Gut. Das gelingt mir auch nicht immer. Meine Grundhaltung meinem Kind gegenüber ist vollkommen klar. Doch die stößt auf meine endlichen Ressourcen. In so einer Phase bin ich Ansprechperson und Anker Nummer eins. Mein Herzmensch ist dann zweitrangig für unser Kindchen. Fällt so eine intensive Zeit noch in die intensiven Arbeitswochen meines Herzmenschen, in denen er viel Lebensenergie auf seiner Arbeit lassen muss und wenig Zuhause ist, dann wird unser Familienalltag irgendwann ungemütlich. Denn wir beide als Eltern haben kaum Pausen – durch Erwerbs- oder Care-Arbeit. Unsere Zündschnur wird kürzer, denn eigene Bedürfnisse müssen immer wieder hinten angestellt werden und die Ruhe und Erholung, die unsere Nervensysteme bräuchten, können wir uns nur schwer ermöglichen. Wir haben unterschiedliche Bedürfnisse nach Aktivität und Ruhe, jeder findet in verschiedenen Dingen Ausgleich. Einer bleibt lieber daheim, der andere braucht auch mal Bewegung in der Natur.

Unser Kindchen braucht deutlich weniger Bewegung draußen, als andere in seinem Alter. Viele Artikel und Berichte lese ich immer wieder, wie wichtig sinnliche Erfahrungen und das Spiel in der Natur für Kinder sind. Um die Welt zu begreifen. Obst und Gemüse, jeden Tag einige Portionen. Kontakt mit anderen Kindern, um soziales Miteinander zu lernen. Soweit, so gut. Das macht auch sicher alles Sinn. Doch dann sehe ich mein Kindchen. Ich sehe uns. Jeder hat eigene Bedürfnisse und unterschiedliche Grenzen. Mein Herzenskind kommt mit all diesen Dingen, die für eine glückliche Kindheit wichtig sein sollen, in Kontakt. Und will sie meistens nicht. Wald? Während ich dort Kraft tanken kann, die Ruhe und die Eindrücke genieße, fühlt sich mein Herzenskind nach kurzer Zeit nicht mehr wohl. Ein paar Steine in einen Bach werfen, ein bisschen laufen – dann wieder ab in den Fahrradhänger. Rohes Gemüse? Fehlanzeige. Obst geht, aber auch nicht jeden Tag. Mit Kindern spielen? Nur wenn sie älter sind. Gleichaltrige oder jüngere Kinder möchte er nicht um sich haben und zeigt das deutlich. Und jetzt könnte man behaupten, ich müsste ihn doch einfach nur daran gewöhnen, da muss er durch. Dann sag ich: Nö. Ich setze ihn immer wieder diesen Reizen aus, biete ihm an, versuche Abwechslung zu gestalten. Ich erkenne, wo er sich entwickelt hat, was mittlerweile geht oder auch nicht mehr klappt, was vor einiger Zeit kein Problem für ihn war. Was bleibt mir anderes übrig als Akzeptanz? Bedingungslos Annehmen, wie mein Kindchen jetzt gerade ist. Wenn ich viele Erwachsene um mich herum sehe, die ständig an sich zweifeln und sich nicht richtig fühlen – dann ist das wohl das größte Geschenk, das ich meinem Kind machen kann.

In solch einer Phase, wie jetzt, will mein Kindchen kaum etwas, was ich ihm anbiete. Egal, womit ich auf ihn zukomme – er schmettert mir erstmal ein Nein entgegen. Ich muss es schon clever verpacken und Kreativität aufbringen, damit ich ihn für etwas gewinnen kann. Mittlerweile habe ich den Dreh gut raus, wie ich etwas formuliere und wie ich ihn zu etwas bewegen kann, das nach meiner Vorstellung läuft. Eine direkte Anforderung darf ich nicht stellen, es klappt selten. Vor einiger Zeit bin ich auf eine Form im autistischen Spektrum aufmerksam geworden, in der ich unser Kindchen ganz oft wiedererkenne. Gerade jetzt zeigt es sich wieder deutlich, wie genau es auf ihn zutrifft. Das Hintergrundwissen dazu hilft mir enorm, vieles entspannter und aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Allgemein die Auseinandersetzung mit Neurodiversität hat mir geholfen, uns als Familie anders zu betrachten. Mehr Verständnis für jeden Einzelnen zu entwickeln. Doch bei all dem Wissen, was mir in unserem Alltag hilft, reiht sich auch immer mal wieder Wut mit ein. Einerseits über das große Ganze, in dem Menschen, die aus dem Raster fallen, oft mit wenig Verständnis begegnet wird. Sie sollen Teilhabe an einem System haben, das für sie nicht passend ist. Und wenn’s nicht passt, sind sie das Problem. Andererseits ergibt sich daraus manchmal die Wut darüber, dass wir eine klassische Rollenverteilung leben, zwar nach unseren Stärken eingeteilt, aber nicht gleichwertig vom System gesehen werden. Mental Load hängt zum größten Teil bei mir und es braucht viel Geduld und Verständnis, bis mein Herzmensch noch mehr übernimmt. Denn irgendwo hat jeder seine gesunden Grenzen – und überschritten haben wir beide diese in unserem bisherigen Leben zuhauf. Was zur Erleichterung und Erholung des einen beiträgt, lastet dem anderen auf, während dieser ebenso auf dem Zahnfleisch geht. So ist das, wenn man ohne Dorf ein Kindchen begleitet: Wenn das Kindchen in kein klassisches Betreuungsmodell passt, weil der Schaden für diesen kleinen Menschen größer wäre, als der Nutzen für uns alle. Wenn der Herzmensch mit dem Pensum an Arbeit in Wechselschichten körperlich und mental schon so gefordert ist, dass für anderes kaum noch Kraft da ist. Ein Rollenwechsel ist dauerhaft nicht möglich. Das haben wir schon oft erwogen. Es geht hierbei nicht so sehr ums Nicht-Wollen, sondern ums Nicht-Können. Und auch wenn alle möglichen spirituellen oder empowernden Menschen Dinge sagen wie – „Die Gedanken sind nur in deinem Kopf, Du erschaffst Dir Dein eigenes Glück, Du kannst alles schaffen, wenn du nur willst, Da wo Deine Komfortzone endet, beginnt Wachstum. Ja, da ist sicher auch was Wahres dran. Doch reiht man all diese tollen Sprüche und Affirmationen nebeneinander, sieht man deutlich, dass alles gleichzeitig sein kann. Ich beschäftige mich in den letzten Jahren viel mit Persönlichkeitsentwicklung – in sämtlichen Richtungen schaue ich nach und nehme am Ende das für mich mit, was für mich stimmig ist. Wo ich mit resoniere. Mein Gefühl für Wohlbefinden, Glück und Fülle muss nicht mit dem Gefühl von Hildegard oder Hans-Peter übereinstimmen – auch wenn mir die Werbung etwas anderes suggerieren will.

Seine eigenen Bedürfnisse, seinen persönlichen Grenzen spüren zu lernen, ist wahnsinnig herausfordernd, wenn man sein bisheriges Leben eigentlich wenig Bezug dazu und sie meistens gut ignoriert hat. Weil man irgendwie an diesem Leben in der Gesellschaft teilhaben wollte. Doch dieser Standard und die wachsenden Anforderungen an jeden einzelnen Menschen sind für uns kaum zu halten. Und manchmal frage ich mich: Für wen eigentlich? Ohne dass der Mensch dabei zerbricht? Alle halten irgendwie nur durch, bis zu einem Punkt, wo sie sich wieder erholen können. Und selbst dann müssen viele Entspannung und Abschalten erst wieder lernen, weil alles auf Dauerstrom steht.

Am Ende bleibt uns in unserer kleinen Familienblase gerade auch nichts anderes übrig. Sag ich mir jeden Tag. Seit langer Zeit. Durchhalten. Wird schon wieder leichter. Das Leben ist ein Auf und Ab. So versuche ich auch herausfordernden Zeiten irgendwas Gutes abzugewinnen, auch wenn’s mich oft nervt und wütend macht. Mein Körper sendet mir seit einiger Zeit wieder deutliche Signale und irgendwie versuche ich mich gut um mich zu kümmern. Die größte Herausforderung für mich ist jedoch, all das Schwierige und Unangenehme auszuhalten. Ich hab’s auch gern harmonisch und leicht – wer nicht? Aber ich weiß auch, dass all das Schwierige zu meinem inneren Wachstum beiträgt. Irgendwas lerne ich aus jeder Herausforderung. Ich ertappe mich dabei, wie ich in Muster verfalle, die ich zum Teil auch mit übernommen habe. Weil sich gewisse Strukturen über Generationen weitergetragen haben. Ich darf noch mehr lernen, konstruktiv mit meiner Wut umzugehen. Durch und mit meinem Herzenskind wird es mir möglich, weil ich mich täglich hinterfragen darf. Und manchmal frage ich mich, was noch meine und was schon seine Wut ist. Wir sind so eng miteinander verbunden, dass wir uns oft gegenseitig hochschaukeln. Hat mein Herzmensch dann selbst keine Ressourcen, um zu übernehmen, beißen wir uns da irgendwie durch. Finden am Ende wieder friedlich zusammen. Liegen uns in den Armen und kuscheln uns heile. Dann fließen auch mal bei uns beiden Tränen, weil wir diese Wut einfach nicht gerne im Körper haben. Doch sie gehört eben dazu und hat ihren Sinn. Zur Zeit zeigt sie mir wieder deutlich, dass meine Ressourcen ziemlich verbraucht sind – und dass diese Elternschaft für mein Herzenskind im Gesamtkontext eine ganz schön krasse Nummer ist.

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