Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Entweder für später sparen oder etwas arbeiten, um in die Rente einzuzahlen. Sonst sieht’s mal ziemlich mau aus.
Bumm. Das sitzt. Der Blick auf meine Rente scheint meinem Finanzmenschen Sorge zu bereiten. Er spricht von Altersarmut. Unter einer Brücke leben, weil ich keine Wohnung bezahlen kann. Er spricht davon, dass mein Kind mich sicher später nicht auffangen kann, sondern das viele andere Kinder machen müssen. Solidarisch. Ich bin abhängig von meinem Mann. So kann’s nicht weitergehen – in seinen Augen.
Und er sagt das in einer Art und Weise, als wäre ich mir der Sache nicht bewusst. Er driftet in unser Privatleben und zeigt mir deutlich, welchen Blick er auf uns wirft. Wie er uns beurteilt, einschätzt und nachhaltig in Schubladen steckt. Schon häufig wurden unsere Gespräche länger und persönlicher, obwohl ich nur eine fachliche Frage hatte. Er hat wirklich Ahnung von Finanzen und Themen, die mich kaum interessieren. Ich habe seine Hilfe in Anspruch genommen, weil ich mich beim Thema Versicherungen und Sparen entlasten möchte. Vor unserem Herzenskind habe ich mich selbst darum gekümmert. Auch die Steuererklärung war für mich kein Problem. Doch irgendwann fehlte mir einfach die Kraft und Konzentration dazu. Deadlines für den Anbieterwechsel habe ich vergessen und somit wohl einiges an Geld verschenkt. Ich hatte zwar einen Überblick über alle Versicherungen, doch empfand ich es als zu viel – wir hatten ja mal zwei Leben zusammengelegt. Er verschaffte sich einen Überblick und ordnete das Ganze zu unserem Besten. Ich bin ihm dafür sehr dankbar und durfte dadurch nochmal viel mehr für mich annehmen, dass ich mir zeitweise Unterstützung für etwas holen darf, wenn ich für etwas keine Ressourcen mehr habe.

Und genau das ist ein entscheidender Punkt: Meine Ressourcen. Die sind begrenzt. Und das musste und muss ich mir eingestehen. Immerhin bin ich viele Jahre deutlich über meine Kapazitäten gegangen, hab mich ordentlich runter gewirtschaftet. Für andere. Sicher, als Mutter und Hausfrau mache ich nichts anderes. Doch ich mache es gerne, denn diese Menschen sind das Wichtigste in meinem Leben und für diese bin ich eben nicht so schnell zu ersetzen, wie für einen Arbeitgeber. Das Blöde ist nur: Care-Arbeit wird nicht gesehen. Es wird nicht anerkannt und entlohnt. Und in solchen Gesprächen, wie mit meinem Finanzmenschen, sehe ich wieder deutlich, wem das Problem zugeschoben wird. Ich soll mich doch bitte auch noch um Erwerbsarbeit kümmern, damit ich meinem Mann nicht auf der Tasche liege, finanziell unabhängiger bin und später eine ordentliche Rente bekomme. Und als wäre mir das nicht alles bewusst, frage ich mich ständig: Wo zum Teufel soll ich noch die Kraft dafür herholen? Da sitzt mir jemand gegenüber, denkt für mich 40 Jahre voraus – ist aber nicht in der Lage wahrhaft meine jetzige Situation zu betrachten ich versuche zu erklären, warum und wie die Dinge bei uns laufen. Immer wieder sehe ich, wie die Aufmerksamkeit schwindet und plötzlich fällt eine Anekdote aus dem eigenen Leben. Immer wieder. Meine Geschichte findet kaum Platz. Ich habe großen Respekt vor allen Menschen, die bedeutend mehr Lebenserfahrung als ich haben. Und ich weiß auch, dass es für manche Menschen aufbauend und motivierend sein kann, die Lebensgeschichte eines anderen zu hören. Guck mal, so bin ich mit den Widrigkeiten meines Lebens umgegangen und ich hab’s auch geschafft. Das sehe ich und freut mich für Dich. Und dennoch bist Du ein anderer Mensch, hattest andere Voraussetzungen und Lebensumstände – es ist nicht vollends miteinander vergleichbar. Und da sträuben sich mir mittlerweile die Haare, wenn alles über einen Kamm geschert und mit einer gewissen Norm oder einem Standard argumentiert wird. Wenn ich das Gefühl habe, mein Gegenüber hört mir im Grunde gar nicht richtig zu und versucht zumindest im Ansatz zu verstehen, warum mein Leben gerade so läuft – fällt es mir schwer, gut gemeinte Ratschläge anzunehmen. Ich bin immer offen für neue Perspektiven und Wege. Doch spüre ich schnell im Gespräch, wem das jetzt gerade eigentlich helfen soll. Hinzu kommt, dass ich wenig auf die Meinung von Menschen gebe möchte, die mich kaum kennen – denn sie sehen nur einen Bruchteil von mir. Und dennoch erlauben wir Menschen uns oft ein Urteil über andere, obwohl wir nur winzige Ausschnitte von ihnen sehen. Ich nehme mich da nicht heraus, denn es ist menschlich, sich in dieser schnelllebigen und überbevölkerten Welt das Denken einfach machen zu wollen.
Das kann doch auf Dauer nicht gut für beide sein, wenn Mutter und Kind so viel Zeit miteinander verbringen.
Das Gespräch hat mich nachhaltig bewegt. Noch lange dachte ich darüber nach und rekapitulierte bestimmte Sätze, die gefallen sind. Immer wieder kam mir der Gedanke: Hätte ich da mal das gesagt. Hätte ich da mal eher eine Grenze gezogen. Doch ich nehme diese Erkenntnis in die nächste Situation, in der ich das Gefühl habe, jemand wird übergriffig. Ich nehme die Erkenntnis und die Stärke mit, mich nicht ständig rechtfertigen zu müssen – was mir mit meinem Gerechtigkeitssinn oft noch schwer fällt. Auch wenn ich es als ungerecht empfinde, wie Menschen unser Leben betrachten – es ist nur das Bild in ihrem Kopf. Es entspricht nicht unserer Realität – denn die kennen nur wir. Jeder betrachtet das Leben durch seinen eigenen Filter und wenn jemand nicht bereit ist, einmal am Filter vorbeizuschauen, sind weitere Erklärungen verschwendete Müh.
Mit Schlagzeugspielen wird man jetzt auch nicht groß Geld verdienen können.
Wer mich gut kennt, der weiß, wie selbstreflektiert ich bin. Dass ich stets auf der Suche nach Lösungen bin, wenn es mal irgendwo hakt. Dass ich bereit bin, Neues auszuprobieren und mir wahrlich nicht immer den einfachsten Weg aussuche. Doch ich laste mir nicht mehr auf, wenn ich es nicht stemmen kann. Und diese realistische Einschätzung meiner Ressourcen und Kapazitäten hilft mir, ein gesünderes Leben zu führen. Care-Arbeit zu leisten ist schon genug für viele und bedarf viel mehr Anerkennung und Wertschätzung. Nicht die Care-Arbeitenden sind das Problem, es ist unser System. Und wenn ständig nur mit Angst und schlechtem Gewissen gearbeitet wird, können die Menschen in meinen Augen nur krank werden. Es hilft mir nicht, mir immer wieder meine Rente vor Augen zu führen, die nach jetzigem Stand eine Katastrophe sein wird. Es hilft mir nicht, über etwas nachdenken, was in vierzig Jahren ist – denn wer weiß, was bis dahin alles passiert. Das bedeutet nicht, dass ich völlig naiv durchs Leben gehe. Es hilft mir, wenn mich jemand im Jetzt sieht. Wirklich sieht. Und wer weiß, wievielen Menschen das auch helfen würde.
Wenn ich jeden Tag aufstehe und denke, die Welt ist furchtbar, dann kann das ja auch nicht klappen mit dem glücklichen Leben.
Und vielleicht sind genau solche unempathischen Aussagen ein Beweggrund von vielen, warum wir es anders machen. Auf unsere Weise. Warum wir das Augenmerk auf körperliche und seelische Gesundheit legen und unserem Kind damit vorleben, wie wichtig es ist, gut auf sich zu achten. Wir leben vor, dass Worte machtvoll sein können. Wir leben Empathie vor. Und im besten Fall investieren wir damit bereits in unsere Zukunft, denn unser Kind schafft sich mit diesen Wurzeln hoffentlichein gesünderes Leben, wenn er den Spagat zwischen Selbstbestimmung und sozialem Miteinander besser hinbekommt, als die Generationen vor ihm. Und wenn mir nochmal jemand mit dem Argument begegnet „Da mussten wir auch durch“ oder „Das hat uns auch nicht geschadet“ , erkläre ich das Gespräch für beendet – denn noch offensichtlicher können die Schäden gar nicht sein.
Ich bin viel zu müde, um so weit in die Zukunft zu blicken und zu planen. Weil das Jetzt schon genug von mir fordert. Weil meine ganze Energie jetzt benötigt wird. Und solche Gespräche, die für meinen Geschmack viel zu oberflächlich und auf gewissen Ebenen zu kurz gedacht sind, rauben zusätzlich Energie. Mir sind andere Aspekte im Leben wichtiger als finanzieller und materieller Reichtum.
