Wie ist das für Dich?

Wie mag das für Dich sein?

Wenn da ein Mensch ist, der Dir am Herzen liegt – und leidet? Du willst helfen und weißt nicht wie. Du hörst zu, immer wieder. Dir gehen so viele Gedanken durch den Kopf. Hast Ideen, wie Du Deinem Gegenüber helfen könntest. Du möchtest, dass es diesem Menschen besser geht, denn irgendwie hängst Du da ja auch dran.

Und es könnte so einfach sein, denkst Du Dir. Der Mensch müsste doch einfach nur mal eines der Dinge machen, die Du ihm ans Herz gelegt hast. Doch der Mensch macht das einfach nicht.

Du siehst, dass dieser Dir wichtige Mensch weiterhin leidet. An seine Grenzen geht und darüber hinaus. Sich fast verliert in diesem Leben. Warum macht er denn nicht mal eine Sache von den Dingen, die Du geraten hast?

Es geht immer so weiter. Eine lange Zeit vergeht und irgendwann hast Du den Eindruck, von diesem Menschen ist fast nichts mehr übrig. Er hat sich beinahe verloren. Du spürst in Dir Unbehagen. Wut. Denn Du hattest doch so viele gute Ideen, um diesem Menschen zu helfen. Und jetzt ist es fast zu spät. Das Leiden dieses Menschen ist so groß geworden. Irgendwie willst Du helfen, aber irgendwo ist auch Unverständnis da – denn Du hast es kommen sehen und wolltest es doch vermeiden. Warum hat das dieser Mensch denn nicht gesehen?

Wozu noch weiter was sagen, wenn es doch eh nicht bei dem anderen ankommt? Verschwendete Müh. Du ziehst Dich zurück, schützt Dich und willst Dir das Elend eigentlich nicht mehr mit ansehen. Soll der Mensch doch weiter in sein Verderben laufen, denkst Du Dir. Ich hab’s doch gesagt, aber er wollte ja nicht hören.

Es macht was mit Dir, jemanden leiden zu sehen. Du willst helfen – und das ist wundervoll. Du willst, dass es diesem Menschen endlich besser geht – so sagst Du. Und vermutlich spielt das in Deine Motivation auch mit hinein. Doch ein wesentlicher, nicht zu vernachlässigender Anteil Deiner Motivation, bist Du selbst. Du und Dein Befinden. Was macht das mit Dir, jemanden leiden zu sehen? Wie gut kannst Du es aushalten, dass da jemand vor Dir sitzt, sein Leid klagt und scheinbar hilflos ist? Du mobilisierst sofort alle möglichen Ideen, wie Du jemandem aus seinem Leid heraushelfen kannst – aber es kommt einfach nicht an bei Deinem Gegenüber.

Denn vielleicht braucht er was ganz anderes. Wahrhaftiges Verständnis. Zuhören. Halten. Ich sehe Dich. Und wie macht man das? Keine Ahnung! Denn irgendwie hast Du es selbst nicht erfahren. Immer hatte jemand eine Lösung für Dich und Du musstest doch einfach nur etwas davon machen – dann bleibst Du vom Leid verschont. Aber von wem kommt denn eigentlich die Erkenntnis? Von irgendjemanden, der die Erfahrung mal gesammelt hat. Doch diese Erfahrung war nur ähnlich, wie Deine – aber nicht genau gleich. So viele Faktoren spielen eine Rolle und keine Erfahrung wird haargenau dieselbe sein.

Und vielleicht weiß das Dein Gegenüber tief in sich drin bereits. Denn seine Situation gab es so in seinem Umfeld noch gar nicht. Vielleicht hat es jemand in weiter Ferne so ähnlich erlebt- aber eben nicht auf genau dieselbe Weise. Vielleicht will Dein Gegenüber seine eigene Erfahrung sammeln und daraus lernen. Vielleicht hat er ganz andere Grenzen als Du – mit Sicherheit sogar. Und das ist gut so! Vielleicht hatte Dein Gegenüber immer die Hoffnung, dass seine Situation wieder leichter wird, wenn sich was verändert. Denn immerhin sind Veränderungen eine verlässliche Konstante im Leben. Vielleicht hat Dein Gegenüber auch sein bisheriges Leben sämtliche Vorschläge ausprobiert und ging den Weg von anderen, hat sich angepasst – und spürt jetzt, dass es nicht zu ihm passt.

Es könnte so einfach sein, denkst Du Dir. Doch das ist es nicht immer. Menschen brauchen Fehler, brauche leidvolle und schmerzhafte Phasen in ihrem Leben, um zu lernen. Um daraus wieder gestärkt und erfahrener herauszugehen. Sie lernen es auf ihre Weise – nicht auf Deine oder die eines anderen.

Du betrachtest das Leben eines anderen durch Deinen Filter, der sich durch Dein Leben, Deine Erfahrungen, Deine Gefühle und Deine Wahrnehmung formt. Für Dich macht das alles total Sinn, was Du da denkst. Für jemanden anders vielleicht nicht. Die Kunst liegt darin, das nebeneinander existieren zu lassen. Halten. Aushalten. Für so viele ist das ganz schön schwierig. Für Dich wirkt es so, als würden es sich die anderen nur unnötig schwer machen – doch für die anderen ist Dein Weg vielleicht genau der Schwere.

Vielleicht gibt es eben genauso viele Möglichkeiten und Wege mit dem Leben umzugehen, wie es Menschen gibt. Doch genau dafür ist oft kein Platz auf der Welt – denn es leben zu viele Menschen darin. Irgendjemand hat immer wieder eine Idee, wie man Menschen in misslichen Lagen helfen kann. Entweder sie probieren es aus oder eben nicht – dafür muss es sich für denjenigen stimmig anfühlen. Doch nur weil viele etwas machen, muss es nicht richtig sein – und nur weil wenige etwas machen, muss es nicht falsch sein. So leicht gesagt, der Verstand kann es irgendwie greifen – aber es zu fühlen, ist oft (noch) schwierig.

… und so siehst Du also diesen Menschen, der Dir am Herzen liegt. Wie er leidet und sich in eine Situation gebracht hat, die Du hast kommen sehen. Du fühlst Dich hilflos, ratlos – denn auch wenn Du es hast kommen sehen, weißt Du noch nicht, was jetzt zu tun ist. Doch Du siehst, dass sich Dein Gegenüber um Hilfe bemüht. Andere Wege in Betracht zieht und sie beschreitet. Denn er hat irgendwie für sich herausgefunden, was ihm helfen kann. Er hat selbst Verantwortung für sich übernommen und aus eigener Kraft um Unterstützung gebeten – denn er durfte hineinspüren, tief in sich hinein und erkennen, was seine eigene Wahrheit ist.

Wie ist das für Dich?

Fühlt sich komisch an, oder? Denn irgendwie hat sich da bei Dir etwas nicht bestätigt. Vielleicht das Gefühl gebraucht zu werden? Ärgert Dich etwas dabei? Schau mal hin, ob’s vielleicht eine Wunde bei Dir ist. Durftest Du Deine eigenen Erfahrungen sammeln oder bist Du mehr den Weg der anderen gegangen? Ruckelt ganz schön im eigenen System, wenn man mit sowas konfrontiert wird. Eine ganz schöne Zumutung. Aber weißt Du was? Das ist ein großes Geschenk des Lebens an Dich. Eine Chance auf Wachstum, Deine Perspektive zu erweitern und zu lernen. Nimm es an. Bleib bei Dir, lenk Dich nicht mit dem Leben und Problemen anderer ab – denn vielleicht ist da bei Dir noch genug zu tun. Wohlmöglich sogar genau so viel, wie bei Deinem Gegenüber?

Hast Du Gedanken dazu? Schreib doch gerne einen Kommentar.