Mein Wecker klingelt. 6:45 Uhr. Wie jeden Morgen. Vor einiger Zeit habe ich mir diese Uhrzeit eingestellt, um ansatzweise zur gleichen Zeit morgens aufzustehen. Denn so habe ich die Chance, halbwegs in Ruhe im Tag anzukommen, während mein Herzenskind noch schläft. Mein Nervensystem braucht das. Damit ich für das Nervensystem meines Kindes bereit bin. Stehen wir beide gemeinsam auf, wird’s chaotischer.
Heute Morgen stelle ich das Klingeln des Weckers aus und bleibe liegen. Meine Augen schwer, ich bin müde. Ich kuschele mich noch einmal richtig in die warme Decke ein und lausche dem leisen Atmen meines Herzenskindes neben mir. Es war wieder spät gestern Abend – zur Zeit schläft unser Kindchen erst gegen 23 Uhr ein, manchmal auch später. Absolut nicht meine Zeit! Ich schlafe gerne spätestens bis 22 Uhr ein, damit geht’s mir am nächsten Tag gut. Nun gut, sämtliche Überlegungen, wie wir das ändern könnten, damit ich nicht so in die Erschöpfung gerate, sind nicht möglich. Also arrangiere ich mich damit, bleibe morgens ein bisschen länger liegen und baue im Tagesverlauf mehr Pausen ein, damit ich durchhalte.
Ich spüre, wie sehr mir der gestrige Tag in den Knochen sitzt. Wir waren einkaufen, alle zusammen. Wir starteten mit einem kleinen Besuch im Bäckerei-Café, um nicht hungrig über den Markt und durch den Einkaufsladen zu wandern. Herzmensch vom Nachtdienst noch etwas platt, Herzenskind ganz doll aufgeregt und ich irgendwie auch. Einkaufen ist Stress für mich. Selbst mit Einkaufszettel verliere ich den Überblick und befürchte jedes Mal, essentielle Dinge zu vergessen. Wir verhungern nicht! Und dennoch ist es immer wieder abenteuerlich für mich, Essbares für mein Herzenskind zu besorgen. Sämtliche Ansichten von gesund, nachhaltig, regional etc.pp. habe ich bereits relativiert – denn sein Geschmack verändert sich und natürlich muss ganz viel Süßes dabei sein. Immer wieder zu überlegen, was wir essen könnten, alles dafür zu besorgen und am Ende zu hoffen, dass es auch gegessen wird – es ist eines der Abenteuer von Elternschaft. Und manchmal kommen die Ideen beim Einkauf. Dann lasse ich mich berieseln vom Angebot.
Doch…
…mit Herzenskind zusammen einzukaufen, lässt diese Inspiration aus dem Einkaufsregal nicht zu. Mein Kindchen läuft freudig aufgeregt durch Regalreihen, möchte zu gerne zwanzig Dinge in den Einkaufskorb packen und unterhält dabei den gesamten Laden. Ich bin stets in Sorge, dass er mit jemandem zusammenkracht, irgendwo etwas herunterwirft und am Ende Beschwerden auf mich einhageln. Denn sind wir mal ehrlich: Dass ein Kind laut und lebhaft ist, wird geduldet – aber nicht so gerne im Einkaufsladen gesehen. Oder im Restaurant. Oder oder. Ganz so kinderfreundlich ist es in unserem Land leider nicht immer.
Ich bin meistens völlig überfordert mit der Auswahl in Einkaufsläden. Seit einigen Jahren wähle ich bewusst kleinere Läden aus, kaufe überwiegend auf dem Wochenmarkt ein. Die ganzen Eindrücke überreizen mich – und wenn ich dann noch auf mein lebhaftes Kindchen achten muss, gehe ich schweißgebadet und mit Nackenschmerzen nach Hause. Auch mein Herzenskind ist mit der großen Auswahl jedes Mal überfordert. Sich zwischen all den vielen tollen Dingen zu entscheiden, ist schwer und mündet bei ihm jedes Mal im langanhaltenden Tränenmeer.
So auch gestern. Die Erwartung unseres Kindchens wurde nicht erfüllt und er musste einige Enttäuschungen verkraften. Über zwanzig Minuten liefen die Tränen, es wurde lautstark auf den Laden geschimpft. Die Geduld meines Herzmenschen ließ nach. Ich übergab das Bezahlen an meinen Mann und verschwand mit Kindchen aus dem Laden. Durchatmen, weg von den Reizen. Irgendwann Heimfahrt. Kindchen erschöpft vom langen Weinen. Herzmensch legt sich hin für den Nachtdienst. Ich bin ebenfalls platt von den Eindrücken. Der Tag endet für Kindchen und mich nach 23Uhr.

Und da ich gestern nicht alles bekommen hatte, was ich brauchte, war der Plan, heute noch den Rest einzukaufen. Allein. Mit Herzenskind. Doch als unser Tag beginnt, wird mir schnell klar: Das wird heute nix! Gestern hat mir wieder deutlich gezeigt, dass es Phasen gibt, in denen ein gemeinsamer Einkauf mit Kindchen absolut keine gute Idee ist! Das ist okay und wir sind dann eben in der Verantwortung, es entsprechend zu planen. Schont alle Nerven (und am Ende auch ein wenig den Geldbeutel). Ich erspare uns das heute also und wir starten in einem gemächlichen Tempo in diesen Tag. Herzenskind mag noch ein wenig im Bett bleiben und so schlage ich ein Frühstück im Bett vor. Während ich meinen Kaffee genieße, schaue ich immer wieder zu meinem Kind, das mich so wahnsinnig viel fühlen lässt. Die komplette Bandbreite der Gefühle löst er in mir aus, denke ich so bei mir und erkenne mal wieder, wie sehr er mich dadurch das Leben spüren lässt. Dass ich ein Mensch bin, mit allem, was dazu gehört. Und bevor ich nur ansatzweise innerlich mit mir ins Gericht gehe, weil ich es heute nicht schaffe, mit meinem Kind einfach mal eben einkaufen zu fahren – da springt er schon auf und möchte mit mir spielen. Will Verbindung. Gemeinsame Zeit. Und das ist am Ende viel wichtiger, als noch eben das Gemüse vom Markt zu besorgen.
