Ein Jahr ist es mittlerweile her, als wir zum letzten Mal Kontakt hatten. Über Nachrichten. Wir hatten vor, einen Termin zum Telefonieren zu finden, da sich ein Disput auf diese Weise besser besprechen lässt. Es war meine letzte Nachricht. Ich bat darum, dass sie mir Vorschläge macht, wann es für sie klappen könnte – denn sie ist in Schichten erwerbstätig mit Kind und Kegel.
Dabei ist es geblieben.
Es kam nichts mehr zurück. Keine Nachrichten mit Vorschlägen. Nichts. Stille.
Pause?
Keine Ahnung. Es fühlte sich letztes Jahr für mich so an, als wären unsere Wünsche und Erwartungen an unsere Freundschaft zu unterschiedlich geworden. Während ich mich mit der räumlichen Distanz und den etwas größeren Pausen zwischen den Unterhaltungen gut arrangieren konnte, hatte sie offenbar ihre Schwierigkeiten damit. Unser letztes Zusammentreffen endete in einer verfrühten Abreise von mir, weil ich mich nicht mehr wohl fühlte. Ich war zu dieser Zeit so verletzlich, so“offen“, weil ich wahnsinnig viel innere Arbeit machte, um diese ganzen alten Lasten endlich aufzulösen. Ich war anders, als sie mich sonst kannte – scheinbar hatte ich schon spürbare Veränderungen vollzogen.
Nach einer sehr kontaktarmen Zeit, spürte ich nach rund neun Monaten, dass etwas im Argen lag. Ihre Nachrichten waren bis dato sehr kurz angebunden und ich fand keinen Zugang zu ihr. Selbstschutz vermutete ich – immerhin wusste ich, wie sie mit solchen Konfliktsituationen umgeht. Es erstaunte mich dennoch, wie lange sie damit schwanger lief, ehe sie mit der Sprache herausrückte. Rückblickend habe ich vermutlich nicht die Worte getroffen, die sie sich gewünscht hätte. Ich hatte Verständnis für ihre Gedanken und Gefühle – und gleichzeitig traf es mich sehr, zu lesen, dass sie sich „mein altes Ich“ zurück wünschte. Am Ende hatte ich das Gefühl, wir redeten aneinander vorbei und trafen uns nicht so ganz in der Mitte. Ich wollte es klären und besprechen, blieb dran und suchte – nach immer wiederkehrenden Pausen- den Kontakt zu ihr. Ich vermute, sie fühlte sich nicht mehr von mir gesehen und verstanden. Hinter all den Worten versteckte sich das tiefe Bedürfnis bei ihr, diese Freundschaft aufrechtzuerhalten. Ihr fehlten die alten Zeiten, in denen wir noch näher beieinander wohnten, noch unabhängiger waren, mehr Freiheiten und Möglichkeiten hatten für gemeinsame Frauenabende. Und auch ich fand diese Zeit schön, hatte mich damit aber abgefunden, dass es nun nicht mehr so möglich ist, wie damals. Ich hatte den Eindruck, dass ich mit der Distanz besser zurecht komme und es tat mir Leid, dass es für sie so schwer zu sein schien. Nun ich hatte keine Idee, wie wir das lösen konnten – denn immerhin waren wir beide so sehr eingebunden in unseren Alltag und die Entfernung machte es nicht einfacher. Klar, wo eine Wille ein Weg und so. Doch mich beschlich zunehmend das Gefühl, dass wir uns nicht nur sprichwörtlich, sondern wahrhaftig auseinander gelebt hatten. Andere Lebensrealitäten, vielleicht doch nicht so viel Toleranz für die Andersartigkeit des anderen. Keine Ahnung.
Ich war innerlich hin- und hergerissen: Sollte ich mich weiterhin melden und um das klärende Gespräch bitten, damit wir es aus der Welt schaffen oder bedränge ich sie damit sogar zu sehr? Immerhin schrieb sie mir, dass die Nachrichten ihr zeigten, dass für sie so eine Klärung nicht funktioniert – und je mehr ich nachfragte, desto weniger kam. Hatte sie damit abgeschlossen? Ich weiß es nicht. Nach meiner letzten Nachricht im September, in der ich sie um ein paar Termine bat, wo es ihr mit Schichtdienst und Familie möglich wird für ein ruhiges Gespräch, erhielt ich keine Rückmeldung mehr.
Dieser Disput zwischen meiner Freundin und mir triggerte viele Punkte in mir, die mich an meine Vergangenheit erinnerten. Ich fragte mich, ob ich mich irgendwie anders verhalten sollte, damit ich diese Beziehung retten kann. Doch wenn alle Dispute meines Lebens, die diesem ähneln, eines gemeinsam hatten: Dann war es die Tatsache, dass ich mich veränderte. Dass ich nicht mehr so frei verfügbar war und auch sehr auf mein Wohl achtete. Dass ich meine Aufmerksamkeit teilen musste und somit weniger übrig blieb für diese Beziehungen. Wo ich einst viel Zeit und Muße in die Pflege dieser Beziehungen investierte, war plötzlich nicht mehr so viel übrig. Und das stieß sauer auf. Verständlich. Doch während ich jahrelang mit schlechtem Gewissen herumlief, weil ich mir die ganze Schuld am Scheitern von zwischenmenschlichen Beziehungen gab, habe ich im vergangenen Jahr innerlich einen Reifeprozess vollzogen, der mir mehr Frieden bringt.
Viele Freundschaften und zwischenmenschliche Beziehungen sind über die Jahre auseinander gegangen, weil sich jeder weiterentwickelte und es irgendwo nicht mehr passte. Es macht mich ab und an noch traurig, dass ich mich mit Menschen nicht mehr verbunden fühlte, obwohl wir einst eine doch recht gute Zeit zusammen hatten. Besonders jene, die mich durch die schwere Zeit während der Erkrankung und nach dem Tod meines Sohnes begleitet hatten, lösten in mir eine Art Bringschuld aus. Doch auf dieser Basis sollten die Freundschaften nicht stattfinden. Auch ich zog mich aus der einen oder anderen Freundschaft zurück und es verlief im Sande. Nach dem Tod meines Sohnes begann ich immer mehr auf meine Gefühle zu hören, in mich hinzuspüren, was mir wirklich noch gut tut – und siehe da: So vieles in meinem Leben hatte sich beinahe radikal verändert. Viele Menschen ließ ich zurück. Und mit der Geburt meines Herzenskindes wurde noch mehr ausgesiebt. Doch ich merke oft, dass ich emotional damit scheinbar noch nicht ganz durch bin. Ich kann nicht richtig abschließen.
Warum fällt mir das so schwer? Warum brauche ich so lange, etwas hinter mir lassen zu können? Die Tür zumachen, das Kapitel abschließen – ich schaffe es manchmal nicht und ich frage mich: muss ich das? Ich weiß es nicht. Immer wieder denke ich mir, dass man sich ja oft zweimal im Leben begegnet und wie würde ich mich dann verhalten? Gerade dann, wenn sich die zwischenmenschlichen Beziehungen so wortlos verloren haben. Es verunsichert mich.

Warum schreibe ich darüber? Nach einem Jahr ohne irgendein Wortwechsel zwischen meiner (ehemaligen?) Freundin und mir. Ist es wirklich vorbei? Ist es abgeschlossen? Keine Chance, gemeinsam daran zu wachsen? Ich kann nur für mich sprechen, bei mir bleiben. Betrachte ich alles nun mit mehr Abstand, bleibt dennoch der Kern ihrer Nachrichten: Ihr fehlte uns Freundschaft – aber offenbar nur so, wie sie früher war. Mein „neues Ich“ scheint nicht mehr zu passen. Also sei es drum. Da auch von ihr seit einem Jahr kein Lebenszeichen mehr kam, gebe ich auf. Lasse los. Ich lasse los, mich für eine Freundschaft zu verbiegen, damit es passt. Sollten sich unsere Wege nochmal kreuzen, bleibe ich offen für das was da kommt – oder auch nicht kommt. Es ist schon ein bisschen wie Abschiednehmen und ich stecke seit einem knappen Jahr in diesem Prozess. Ich nehme in Dankbarkeit Abschied von der Zeit mit meiner Freundin, die so in der Art nicht wiederkehren wird. Und so ähnlich habe ich es ihr im letzten Jahr geschrieben, denn mir war wichtig, dass sie weiß, wie dankbar ich ihr für die gemeinsame Zeit bin. Ich habe vieles von ihr und durch sie lernen dürfen, allem voran, dass ich meinen Werten treu bleibe und gut für mich sorgen darf. Und genau das tue ich nun.
