Da war er wieder. Ein Traum, den ich schon häufig hatte. In dem ich mich in der Klinik arbeiten sehe, in der ich meine Ausbildung abgeschlossen habe. Es sieht immer alles anders aus, als ich es kenne. Viel verwinkelter, unübersehbar und ich laufe oft orientierungslos herum. Ich habe immer meinen ersten Arbeitstag in diesen Träumen, nach sehr langer Zeit beruflicher Abstinenz. Ich bin unsicher und fühle mich wie an den ersten Tagen auf einer neuen Station damals in meiner Ausbildung. Wie Falschgeld, nicht zugehörig. Keine Ahnung, was ich dort eigentlich soll.
Als ich morgens aufwache, denke ich nochmal an diesen Traum und wie real er sich anfühlte. Ich denke an meine Ausbildung und sehe die vielen Gesichter aus meinem Kurs. Menschen, mit denen ich drei Jahre meines Lebens verbrachte. Manche von ihnen haben sich in mein System eingebrannt. Da war die Frau, die nach der Trennung meines langjährigen, ersten Freundes Kontakt zu mir aufnahm. Wir arbeiteten im ersten Jahr der Ausbildung auf der gleichen Station. Wir verstanden uns super, ich mochte sie sehr. Sie mich offenbar auch. Ich wusste bis dato nicht, dass sie homosexuell war – doch irgendwann fühlte ich mich zu ihr hingezogen und sehr wohl in ihrer Gegenwart. Wir kamen zusammen und es folgten drei aufregende Monate für mich, in denen ich für mich herausfinden durfte, wie schwer es mir fiel, mich in einer Beziehung zu einer Frau zu zeigen. Waren wir allein oder in unseren Familien, hatte ich keine Probleme. Doch in unserem Ausbildungskurs fiel es mir schwer – warum auch immer. Es tat mir so Leid. Irgendwo hatte ich eine Blockade. Es ging alles so schnell und ich war offenbar noch nicht soweit – obwohl ich mich so wohl mit ihr fühlte. Irgendwann änderte sich etwas. Es verletzte sie, dass in meinem Freundeskreis mein Exfreund dabei war und sie wollte nicht, dass ich ihn weiterhin sehe. Als sie einmal mit Migräne im Bett lag, ließ ich ihr lieber Ruhe und fuhr nach Hause – später warf sie mir vor, ich hätte sie allein gelassen. Es war schwierig für mich. Nach rund drei Monaten, in denen wir viel Zeit miteinander verbrachten, beendete sie unsere Beziehung per SMS und betitelte mich als Narzisstin. Am nächsten Tag hatten wir wieder gemeinsam Unterricht in der Krankenpflegeschule und ich hatte Bauchschmerzen, ihr zu begegnen. Ab diesem Tag behandelte sie mich, als wäre ich nichts wert. Nach und nach bekamen es die anderen im Kurs mit. Als unsere nächste Praxiseinheit begann und sie mit einer anderen Mitschülerin auf einer Station war, fanden sie zusammen und zeigten sich im nächsten Unterrichtsblock als verliebtes Pärchen. Ihre neue Liebe behandelte mich ebenfalls, als hätte ich das größte menschliche Verbrechen begangen. Immer mehr Mitschüler solidarisierten sich mit den beiden und ich fühlte mich zunehmend allein. Einige versuchten neutral zu bleiben, doch ich spürte, welche Energie von den beiden ausging und wieviel Respekt alle vor ihnen hatten. Generell fiel ich dadurch oft negativ auf, weil ich die Ausbildung und den Unterricht sehr ernst nahm. Ich wollte Medizin studieren und ich brannte für diese ganze Themen. Wie oft saß ich da und fand es so unhöflich, wenn meine Mitschüler den Unterricht störten und einfach Zeitung lasen. Sie nahmen es eben nicht so ernst. Im dritten Ausbildungsjahr spitzte es sich zeitweise sehr zu, sodass ich weinend nach Hause fuhr, weil ich diesen Unmut nicht mehr aushielt. Wir waren alle so ziemlich erwachsen, Anfang zwanzig – und einige verhielten sich wirklich komplett daneben. Ich weiß noch, wie wir während der Ernährungslehre die Klinikküche besichtigen durften und hinter mir die mittlerweile Ehefrau meiner Exfreundin stand und sich über mich lustig machte. Alle hinter mir lachten und ich hätte am liebsten geschrien. Kurz vor den Abschlussprüfungen saß ich bei meinem Schulleiter und war verzweifelt, denn ich hielt diese Stimmung mit meinem Kurs nicht mehr aus. Er machte mir Mut und bestärkte mich – dafür bin ich ihm heute noch dankbar. An der Abschlussfeier nahm ich nicht teil, denn ich konnte mit diesem Kurs nicht meine Freude über das Examen teilen. Die Vorstellung, dass einige von ihnen von da an in der Pflege arbeiteten und ebenso mit Patienten umgingen, machte mich traurig.
Erst später verstand ich so richtig, dass es wirklich Mobbing war. Hinzu kam eben, dass ich so viel wahrnahm aufgrund der Hochsensibilität und mich einiges immer wieder verunsicherte. Die Scheuklappen hatte ich damals noch nicht. Mich erschreckte jedes Mal wieder, wie sehr sich Menschen verändern konnten – anfänglich so nett und lustig, später dann so bösartig und gemein. Oder auch umgekehrt.

Mobbing begleitete mich meine gesamte Schulzeit. Von der Grundschule an. Ich war das gefundene Fressen: Großes Mädchen, gut in der Schule und irgendwie ein bisschen naiv, weil immer an das Gute in den Menschen glaubend. Von Bigfoot, Storch, Streber über Hexe waren eine Menge nerviger Spitznamen dabei, die mich teilweise durch den gesamten Schulalltag begleiteten. Immer fühlten sich die Kinder stärker in der Gruppe und fuhren richtig hoch mit gemeinen Sprüchen und lautem Gelächter. Traf ich sie alleine, kam kein Wort aus ihnen heraus. Ich wollte immer verstehen, warum sie das taten – fragte sogar, warum sie mich nicht einfach in Ruhe ließen, denn ich tat ihnen doch gar nichts. Doch erklären konnten sie es selbst nicht. Ich hatte schon immer einen eigenen Kleidungsstil, fiel damit im Mainstream auf und machte mich angreifbar. Gleichzeitig grenzte ich mich damit ab und schützte meine Seele hinter schwarzen Klamotten, Totenköpfen und Gothic-Musik. Irgendwann legte ich mir nach außen hin ein dickeres Fell zu, warf anderen nur noch böse Blicke zu und weinte letztlich Zuhause stundenlang, weil ich keine Lust hatte, den ganzen Mist am nächsten Tag wieder mitzumachen. Kopf-, Nacken- und auch Bauchschmerzen waren meine Dauerbegleiter während der Schulzeit. Immer wieder Fehltage, weil ich erschöpft davon war. Letztlich habe ich gute Noten in der Schule hinbekommen, worauf ich damals stolz war. Heute sehe ich nur, wie sehr ich mich anpassen konnte, obwohl alles in mir nach Abgrenzung schrie.
Ich erinnere mich noch an den Wechsel auf das Gymnasium nach der 10.Klasse, bei dem ich hoffte, dort endlich auf andere Menschen zu treffen. Denn immerhin wollten die ja Abitur machen und sind sicher ein bisschen vernünftiger. Pustekuchen. Schüler aus der 13.Klasse liefen nach Schulschluss hinter mir und lachten darüber, welche Kleidung ich trug. Es gab „Eliten“, die mir mit herabwürdigenden und ablehnenden Blicken begegneten. Und immer der Unmut, weil ich ehrgeizig war und ein gutes Abitur machen wollte, denn mein Ziel war ein Medizinstudium. Ich war am Ende in der Abizeitung die „Spaßbremse“ und der „Partymuffel“, gleichzeitig auch „Aus ihr wird richtig was“ und „Besonderer Kleidungsstil“.
Stempel ohne Ende. Das macht Schulzeit. Das alles nicht persönlich und ernst zu nehmen, ist schon eine Kunst und benötigt ein eigenes Unterrichtsfach. Es saugte mir so viel Energie aus, die ich in anderes hätte investieren können. Diese zwischenmenschlichen Begegnungen haben mich am meisten verunsichert, denn ich wusste oft nicht, woran ich bei den Menschen war. Ich wollte irgendwo dazugehören, wollte zeigen, dass ich nicht nur die strebsame Schülerin war, sondern man auch echt Spaß mit mir haben konnte. Einige wenige erkannten das und standen mir in der Schulzeit treu zu Seite. Dafür bin ich dankbar. Es half mir, meine Schulzeit zu beenden und das sogar recht gut.
Als ich dann meine Ausbildung begann, hatte ich Hoffnung, dort auf „erwachsenere“ Menschen zu treffen. Ich wurde eines Besseren belehrt. Denn egal ob Kind, Jugendlicher oder Erwachsener: Andere zu beschämen, in ein schlechtes Licht zu rücken und auf deren Kosten Spaß zu haben – das haben wohl alle Altersgruppen gemeinsam. Damals fragte ich mich immer, was mit mir nicht stimmt, was ich falsch machte, dass ich immer wieder die Angriffsfläche für Mobbing wurde. Meine Mutter sagte mir damals wieder und wieder, dass sie einfach nur neidisch auf mich waren. Sicher, das spielte auch mit hinein. Ich wollte das aber gar nicht, denn ich verstand nicht, wieso wir nicht einfach normal miteinander umgehen können und ich ihnen helfen kann, wenn sie in der Schule Probleme haben. Als ich älter wurde und besonders seitdem ich meine Therapie begonnen hatte, verstand ich immer mehr, warum sich die Kinder so verhielten: Sie waren ein Spiegel ihrer Bindungspersonen. Vermutlich wurden sie daheim ebenso behandelt , ständig nieder gemacht, gedemütigt und beleidigt. Sie kannten nichts anderes. Es war für sie völlig normal und richtig, mit anderen Menschen so umzugehen. Und wahrscheinlich wurde auch ihren Eltern so begegnet, denn es zieht sich oft durch Generationen.
Mir wurde deutlich, dass es wirklich mehr mit dem Menschen selbst zu tun hatte, wenn er andere schlecht behandelte. Besonders beeindruckend fand ich immer, wie sehr bei Mobbing der Gruppenzwang wirkte. Dass sich Menschen dieser Bewegung anschlossen, die so etwas niemals getan hätten – nur um selbst nicht ins Visier der Mobber zu geraten. Ich hab mich hingegen oft mit anderen solidarisiert, die ebenfalls gemobbt und ausgegrenzt wurden. Es gibt so viele Momente, die mir dabei im Gedächtnis geblieben sind. Sie erschüttern mich nicht mehr so sehr, aber alle zusammen hinterlassen den faden Beigeschmack meiner Schulzeit. Immer mal wieder träume ich von den Menschen aus meiner Schulzeit, aber es wird weniger. Auch haben mich noch lange Zeit die beiden Frauen aus meinem Ausbildungskurs in den Träumen heimgesucht. Nachdem ich Briefe schrieb und sie verbrannte, konnte ich mehr und mehr loslassen. Das zeigt, wie sehr das alles Spuren hinterlassen hat in meinem hochsensiblen System. „Nimm doch nicht alles so ernst“ oder „War doch nur Spaß“, halfen mir nicht und ich habe es zuhauf hören müssen. Für die anderen, die mich so behandelt haben, ist es sehr wahrscheinlich alles schon längst vergessen. Ich wünsche mir, dass ich das auch irgendwann kann. Nachsicht und Verständnis hilft dabei auch weiter. Als ich sieben Jahre nach meinem Realschulabschluss zwei ehemalige Klassenkameraden von mir auf einer Feier traf, konnte ich milde sein. Sie kamen reumütig auf mich zu und entschuldigten sich bei mir, dass sie mich in der Schulzeit so geärgert hatten. Sie machten das alles, weil ihr Anführer sie so beeinflusst hatte. Ich war ganz berührt davon, dass sie mir das sagten und sich so reflektierten. Und es zeigte mir, dass ich doch an das Gute in den Menschen glauben darf, so schwer es auch immer wieder war.
…
Nur ein Traum und es zieht so einen Rattenschwanz an Erinnerungen mit sich. Heute kann ich alles mit Abstand betrachten – vor allem emotional. Lange Zeit hat mich das Gefühl begleitet, ich bin falsch und muss irgendwie anders sein, um dazuzugehören und gemocht zu werden. Jetzt darf ich andere Erfahrungen machen. Menschen, die mich bedingungslos annehmen und mögen, wie ich eben bin, begleiten mich nun im Leben und lassen so manche Wunde von damals heilen. Immer wollte ich einfach nur ein friedvolles Zusammenleben mit anderen Menschen und war verunsichert, wie ich mich „richtig“ verhalten sollte. Ich hätte nicht erwartet, wie weitreichend die Nachwirkungen aus diesen Erlebnissen sein würden. Darüber immer und immer wieder zu sprechen und zu schreiben hilft mir, zu verarbeiten und loszulassen. Meinem Herzenskind wünsche ich mehr innere Stärke und Festigkeit, mit Ungerechtigkeiten umzugehen. Ich wünsche mir, dass es ihn nicht so erschüttern wird und er aus der tiefen Verbindung zu uns Kraft ziehen kann. Er wird auch auf solche Menschen stoßen, die ihn ungerecht behandeln und ihren seelischen Schmerz und unerfüllte Bedürfnisse darüber kompensieren. Ich habe wichtige Lehren aus meiner Vergangenheit gezogen, kann nun damit anders umgehen – und so hoffentlich eine gute Stütze für mein Kind sein.
