Sonntagmorgen. Ich öffne die Fenster zum Lüften und blicke hinaus. Einen Moment bleibe ich stehen, atme die frische Luft ein und lausche dem Gezwitscher der Vögel. Sie begrüßen fröhlich den Tag, fliegen schnell von einem zum nächsten Baum. Viele kleine Meisen sind unterwegs. Ganz viel Leben und Freude verkörpern sie da gerade für mich. Die Luft ist kalt und nass. Nebel liegt auf dem Feld gegenüber. Alles wirkt gedämpft.

Der Blick nach draußen ähnelt meinem Blick nach innen. Ich fühle mich gedämpft, Nebel im Kopf. Ich kann kaum klar denken. Irgendwo in mir ist dieser Funke, der überspringen will. Gestern Abend erst ging ich in mich und habe mir selbst versprochen, heute wieder aktiver zu sein. Etwas Sinnvolles zu tun. Die letzten Wochen waren überwiegend träge, ruhig und nur selten hatte ich volles Programm. Und wenn ja, dann kam die Quittung des „Zuviel“ in Form von Migräne. Ein Teil in mir schreit nach Abwechslung und neuen Reizen, ein anderer Teil sehnt sich nach Ruhe und Ausgleich. Ganz normal, klar. Anspannung und Entspannung. Doch mir fällt es zur Zeit schwer, das ganze gut im Gleichgewicht zu halten. Ich will mich der Erschöpfung nicht hingeben und gleichzeitig weiß ich nicht, was mir gerade gut tun und mich nähren könnte. Ich möchte mich unterhalten und es wird mir auch schnell zu viel. Ich möchte mich bewegen und körperlichen Ausgleich und auch da wird es schnell zu viel.
Seit drei Tagen kränkelt mein Herzenskind. Ich bin dauerhaft verfügbar und kann nur wenige Pausen machen, denn mein Herzmensch hat genau jetzt seine ganzen Nachtdienste, die für mich letztlich Alleinzuständigkeit bedeuten. Wo es geht, nehme ich mir Zeit für mich – doch die Erschöpfung sitzt gerade wieder tief im Körper, da wirkt alles wie ein Tropfen auf dem heißen Stein. Ich denke an das Online-Programm, an all die guten Impulse und dass es doch irgendwie möglich sein muss, mich gut um mich zu kümmern. Bewegung, gutes Essen, viel Schlaf. Nicht alles davon kann ich gerade gut erfüllen.
Es ist nur eine Phase, sage ich mir. Die Energie kommt wieder. Was soll ich jetzt von mir erwarten, wo mein Kindchen mich wieder noch mehr Tag und Nacht braucht. Wo von Schlaf kaum die Rede sein kann.
ES IST JETZT GERADE EINFACH SO, wiederhole ich in meinem Kopf.
Akzeptanz.
Oder doch nicht? Doch lieber aufrappeln und mich überwinden?
Keine Ahnung. Und davon ganz schön viel.
Was erwarte ich nur immer von mir? Wer kann schon einen klaren Gedanken fassen, wenn da viel zu wenig Schlaf und Pausen sind? Ich sehe mein schwaches Herzenskind, mit erhöhter Temperatur, Übelkeit und Erbrechen, Schmerzen – und ich versuche gedanklich im Jetzt zu bleiben. Sage ihm und mir immer wieder, dass er gesund wird und sein Körper das ganz toll hinbekommt! Denn es zieht gedanklich Parallelen zu der Zeit mit meinem ersten Sohn. Der säuerliche Geruch von Erbrochenem, die heiße Haut, das blasse Gesicht, Bauchschmerzen – es machte eine Zeit meines Lebens aus. Es kommen Gedanken auf, wie harmlos sich schwere Erkrankungen zu Beginn zeigen können. Was alles möglich sein kann. Und das ist vieles! Er zeigt und sagt mir, wo er Schmerzen hat und ich denke: Knochen? Okay. Rotes Knochenmark. Abwehrzellen. Der Körper tut, was er soll. Super! Den Gedanken an Leukämie lasse ich vorüber- und nicht in meinem Kopf einziehen.
An einem Abend spüre ich die leichte Angst in mir aufflackern, dass mein Herzenskind auch schwer krank sein könnte. Dass er auch so früh sterben könnte. Allein der Gedanke daran, mit ihm so viel Zeit in Krankenhäusern verbringen zu müssen – seiner einfachen Kindheit beraubt.. es macht mich nervös.
Und dann besänftige ich mich, so gut ich kann. Versuche zu vertrauen. Will den schlimmen Gedanken nicht so viel Raum geben. Mein Herzenskind ist gesund und schafft diese kleine Krankphase, die ihn gerade heimsucht. Er wird stärker daraus hervorgehen. Und ich auch. Ich darf korrigierende Erfahrungen machen und mein Nervensystem wird daran wachsen.
…
Das kann wohl übrig bleiben, wenn man ein schwerkrankes Kind bis in den Tod begleitet hat. Demnächst ist es genau zehn Jahre her, seitdem mein erster Sohn die Diagnose Neuroblastom bekam. Diese Zeit hat sich in mein System eingebrannt. Die Brandwunden heilen immer weiter – doch sie bleiben empfindlich und haben ein Schmerzgedächtnis gebildet. Das darf ich mir zugestehen. Damit ich nachsichtig mit mir bin, wenn mein Herzenskind mal krank ist und ich diese inneren Dialoge führen muss. Es ist absolut sinnvoll, was ich gerade tue. Das sollte ich mir selbst noch viel häufiger sagen.
