„Seit Jahren höre ich mir ihre Probleme an. Wie unzufrieden sie oft ist. Aber wann geht es eigentlich mal um mich im Gespräch?“

Ich spreche mit zwei Personen, die gerade einen Konflikt haben. Höre mir beide Seiten an. Ich bin emotional darin verwoben, bin nah dran. Und dennoch schaffe ich es mittlerweile, etwas mehr Abstand dazu zu halten.
Ich bin verblüfft, dass mir beide, unabhängig voneinander, im Grunde die gleiche Einschätzung über die andere mitteilen:
Die andere sieht mich nicht. Immer nur gebe ich.
Was sehe ich? Verletzte Seelen, die sich nicht gesehen und angenommen fühlen. Beide wollen in ihrer Individualität und in ihren Lebensentscheidungen akzeptiert werden – ohne wiederkehrende Belehrungen des anderen. Sie erwarten, dass die andere doch einfach nur mal richtig zuhören soll – doch sie begegnen sich mittlerweile, durch die Erfahrungen der Jahre im Miteinander, oft nur noch abgestumpft und teilweise unterkühlt. Sie spiegeln sich gegenseitig das unerwünschte und verletzende Verhalten – doch keine kann mal so richtig hinschauen.
Es wirkt so, als wüsste die eine immer besser, was die andere in ihrem Leben machen müsste, damit das mit dem glücklichen und zufriedenen Leben klappen kann. Sie wollen sich Raum lassen für eigene Entscheidungen – und gleichzeitig können sie es eigentlich nicht ganz akzeptieren, was die andere da in ihrem Leben so macht (auch wenn sie es immer wieder betonen, dass das „ihr Leben ist und sie das selbst entscheiden soll“).
Jahrelang war eine von ihnen so ziemlich das schwarze Schaf der Familie. Ich hab das auch so gesehen, mit einer passenden abwehrenden Haltung dazu. Mittlerweile habe ich meine Einstellung dazu geändert. Ich hab vieles aufgearbeitet und sehe einiges nun aus einer anderen Perspektive. Ich kann beide Seiten verstehen – und das rückt mein inneres Erleben mehr und mehr Richtung inneren Frieden. Ich habe das Gefühl, nicht mehr parteiisch sein zu müssen. Ich darf in eine beobachtende und objektivere Position gehen und erkenne mit einmal Dynamiken bei jeder von ihnen, die sich zusammen ungünstig aufreiben.
Und im Grunde wollen beide das Gleiche: Gesehen werden. Raum gehalten bekommen, vor allem auch für schwierige Emotionen – ohne ein „Stell Dich nicht so an. Mach doch mal das“. Wahrhaftig Raum halten – ich darf es seit meiner jahrelangen Therapie und nun auch in einer Community erfahren, was das wirklich bedeutet. Sich die Sorgen, Nöte und Unsicherheiten eines anderen anzuhören, ohne direkt die innere Aufforderung zu spüren, die Gefühle des anderen gerade aktiv regulieren zu müssen. Einfach nur da zu sein und den anderen sein zu lassen. Es klingt so einfach und ist doch so enorm schwer.
Denn die meisten sind aufgewachsen in einer Liebe, die an Bedingungen geknüpft ist. „Sei so und so, dann passt mir das, dann hab ich dich lieb“. Blöderweise wird diese Dynamik über Generationen so weiter gegeben und führt oft dazu, dass sich am Ende Menschen gegenüber stehen, die nicht ihrer selbst Willen geliebt wurden. Da hat sich die Auffassung geformt, man müsste „irgendwie sein“, damit man Zuneigung und Anerkennung findet. Und irgendwann stehen sie da, spüren, dass das eigentlich nie sie selbst sind, den sie da verkörpern und haben sich unbewusst für die Gefühle des anderen verantwortlich gemacht.
Dabei ist niemand für die Gefühle des anderen verantwortlich.
Sicher, es gibt gewisse Ideen, wie das menschliche Miteinander gut funktionieren kann. Respekt, Rücksichtnahme, Akzeptanz und Ehrlichkeit sind Werte, die sich alle wünschen – und es scheint mir oft so, als würde es so vielen so schwer fallen, das auch zu leben. Denn offenbar ist nichts schwieriger, als der Umstand, jemanden anderen so sein zu lassen, wie er wirklich ist.
Warum das so schwer ist? Weil in der Gesellschaft Maßstäbe festgelegt wurden, wie ein Mensch zu sein hat und es wurden über Generationen die Stellschrauben so fest gezogen, dass kaum noch Raum für Individualität bleibt. Dann wird einem „Egoismus“ vorgeworfen, wenn man nur von sich spricht. Was passiert denn, wenn sich das alle gegenseitig unter die Nase reiben? Sie distanzieren sich voneinander. „Der denkt doch eh nur an sich und hört mir nicht richtig zu“ hagelt es dann an Vorwürfen und im schlimmsten Fall kann keiner mehr so richtig auf den anderen zugehen.
Ich sehe die beiden in ihren Verletzungen, in ihren Wünschen, in ihrem Sein. Ich sehe, wie das jahrelange Miteinander zu einer ungünstigen Dynamik zwischeneinander geführt hat – und ich hätte so gerne eine Lösung für beide, damit wieder mehr aufeinander zugegangen werden kann. Doch ich habe keine großartige Lösung – und muss ich auch nicht. Ich versuche den Raum zu halten, meine Sicht aus der Vogelperspektive mit ihnen zu teilen und damit vielleicht einen Gedankenanstoß zu geben. Doch was jede von ihnen daraus macht, liegt nicht in meiner Verantwortung. Es sind verletzte Seelen, die im Grunde erstmal ihre eigenen Wunden lecken müssten, statt vom anderen die Wundheilung zu erwarten.
Ich wünsche mir für die beiden, dass sie die Erwartungen aneinander überprüfen und sich selbst reflektieren können. Raus aus der Opferposition, die an den Mangel gebunden ist. In den Spiegel schauen, den die andere immer wieder vorhält. Sich zu begegnen, weil sie wollen und nicht müssen. Weil sie aus einer inneren Fülle heraus geben können. Und vielleicht darf sich da jede von ihnen erstmal in Ruhe drum kümmern, bis sie sich wieder begegnen. Um schließlich, im schönsten Fall, zueinander sagen zu können: „Toll, dass Du so gut für Dich sorgst und weißt, was Du brauchst. Ich finde das inspirierend.“
