Herzenskind und ich spielen ein Rollenspiel. Ich erhalte genaue Regieanweisungen meines kleinen Menschleins, wie ich meine Rolle spielen soll. Da bin ich ganz dankbar für, denn häufig fällt es mir schwer, mich da vollends mit ganzer Fantasie hinein zu bewegen. Meistens dann, wenn die Erschöpfung größer ist oder noch einige ToDos im Kopf so viel Raum einnehmen, dass ich nicht im Moment sein und loslassen kann. Meine beiden Herzmenschen sind da irgendwie freier und es ist zu schön, wenn sie hin und wieder darin aufgehen und die Wohnung vor Fantasie übersprudelt. In unserer autistischen Dreierkombo lässt sich schön erkennen, wie breit das Spektrum sein kann: Rollenspiele sollen, laut Diagnosekriterien, für Menschen im Autismus-Spektrum schwieriger sein. Bei uns bin tatsächlich nur ich diejenige, die da so ihre Probleme mit hat. Ich habe mich lange gefragt, warum ich mich da nicht mehr so reinfühlen und einstimmen kann – nun kann ich da etwas milder mit mir sein.
Bei unserem Rollenspiel hatte mein Herzenskind einen Unfall und ich sollte es ins Krankenhaus bringen und versorgen. Diese Rolle fällt mir natürlich leichter, als einen Bösewicht oder einen Dieb zu spielen – denn beruflich als auch in meiner ersten Mutterschaft sind mir die Szenen eines Krankenhauses wohl bekannt.
Und wie mein Kindchen da so im Bett liegt und spielt, dass es verletzt ist und Schmerzen hat.
Wie es sagt, dass es in ein paar Tagen wieder gesund ist und nach Hause kann.
Ja, da kommen sie wieder. Die Bilder von damals. Für einen kurzen Moment sehe ich mein Herzenskind in einem Krankenhausbett liegen, voller Kabel und Schläuche. Ich stelle mir vor, dass es wirklich passieren könnte. Dass ich wieder viel Zeit an einem Krankenhausbett verbringe und mein Herzenskind durch eine schwere Zeit begleite.
Dann fällt mir auf: Das war mal meine Normalität. Das war mal wirklich meine Rolle.
Mein Herzenskind spielt diese Rolle so gut. Und ich schaue diesen kleinen Menschen an, der nun schon viel größer als sein Bruder geworden ist und denke mir: Wie dankbar ich für Deine Gesundheit bin. Wie gut, dass das nicht Deine Normalität ist.
Wie gut, dass ich eine andere Normalität leben darf.
Die Sorgen um mein Kind heute sind andere, als um mein Kind damals. Vor zehn Jahren war die Sorge um das Überleben meines Kindes absolut vordergründig. Heute sorge ich mich darum, dass mein Herzenskind ein Leben führen kann, dass auf ihn zugeschnitten ist. Bei meinem krebskranken Kind wusste ich manchmal nicht, ob er am nächsten Morgen noch lebt. Heute gehe ich mit der stillen Gewissheit abends neben meinem Kind schlafen, dass er gesund ist und am nächsten Morgen den Tag mit Kuscheln beginnen wird.
Ich vergleiche nicht permanent und alles. Doch es gibt diese Momente, wie jene während unseres Rollenspiels, die mich kurz innehalten lassen und mir noch einmal deutlich vor Augen führen, dass beide Mutterschaften eh schon jenseits der „Norm“ laufen, sie sich aber auch voneinander in ihrer Intensität ein Stück unterscheiden. Dank meiner ersten Mutterschaft für mein Himmelskind weiß ich heute vieles unwahrscheinlich zu schätzen: Ein gesundes Kind begleiten zu dürfen. Eine Kindheit daheim und nicht in den Räumlichkeiten von Krankenhäusern verbringen zu dürfen. Es geht dennoch vieles nicht „einfach so“ mit einem Kind im Autismus-Spektrum – doch am Ende fühlt sich diese Normalität ein Stück unbeschwerter an, als die Normalität mit einem krebskranken Kind.
Und während ich das so schreibe, fühle ich mich merkwürdig. Sollte ich das überhaupt vergleichen? Darf ich das vergleichen? Wie bei allen Eltern, die mehrere Kinder haben, gibt es auch bei mir diese kurzen Bestandsaufnahmen, in denen abgeglichen wird, was jedes Kind so mitbringt und wo sie sich voneinander unterscheiden. Denn jedes Kind verdient ein individuelles Eingehen auf die eigenen Bedürfnisse. Der Vergleich meiner Mutterschaften soll nicht wertend ausfallen – denn ich schaue letztlich, was für mich dabei anders ist und nicht welches meiner Kinder „besser oder schlechter“ ist. Es ist eine andere Intensität, eine andere Normalität. Beide Mutterschaften waren und sind scheinbar für mich gemacht. Ich bin in diese Rollen hineingewachsen und über mich hinausgewachsen. Vielleicht fällt es mir deshalb auch manches Mal so schwer, mich in weitere Rollen einzuspielen – denn diese Mutterrolle nimmt bereits so viel Raum in mir ein.
Meine Normalität von damals trägt in meiner heutigen Normalität dazu bei, dass ich, trotz der intensiven Rolle als Mutter, erfüllt bin von Dankbarkeit und Demut. Bei all den Herausforderungen, die Mutterschaft so mit sich bringt, ist es für mich das allergrößte Geschenk, ein gesundes Kind begleiten zu dürfen. Dieser kleine Mensch ist voller Leben und lässt mich daran wieder teilhaben.

