Was die Leute sagen oder denken (könnten)

Sie stillt so ein großes Kind? Na, sie kann wohl nicht loslassen. Das arme Kind.

Das Kind geht nicht in den Kindergarten? Na das wird aber Probleme später geben.

Die Mutter geht nicht arbeiten? Sie lässt sich wohl gerne von ihrem Mann aushalten.

Das Kind wird im Anhänger geschoben und spielt am Tablet? Kann das nicht selbst laufen? Immer fauler die Kinder heutzutage.

Na, das Kind ist aber ganz schön propper. Kein Wunder, wenn es ständig so viele Süßigkeiten von der Mutter bekommt.

Der Junge haut seine Mutter, weil er wütend ist? Das hätte es bei uns damals nicht gegeben. Die Eltern lassen ja alles mit sich machen.

[An dieser Stelle gedanklich weitere mögliche Aussagen einfügen.]


Ich habe mich in meinem bisherigen Leben sehr an den Reaktionen, Aussagen und Bewertungen anderer Menschen orientiert. Daheim befolgte ich die Werte und Regeln meiner Eltern und wollte sie keinesfalls brechen – denn ich sah, welche Konsequenzen es gab und diese wollte ich vermeiden. In der Schule ging es weiter: Gute Mitarbeit wurde mit ebensolchen Noten bewertet und wenn ich die Leistung brachte, die von mir erwartet wurde, hatte ich keine Schwierigkeiten mit den Lehrern. Ich kann das weiterspinnen, bis zu meiner Ausbildung und in meinen Berufsalltag.

Da ich kein Fan von Konflikten und Stress war, wollte ich lieber die Erwartungen der anderen erfüllen, um in Ruhe nebeneinander leben zu können. Aber etwas in mir schrie meistens auf, wenn es eigentlich nicht zu mir passte: Im Kern habe ich auch mal auf Regeln und Wertungen verzichten wollen, doch es gab mir Sicherheit, mich nach anderen zu richten. Da die menschlichen Reaktionen und zwischenmenschlichen Interaktionen für mich oft ein Rätsel waren, brauchte ich ein Stück Vorhersehbarkeit: Wenn ich mich also so verhielt, wie es andere zufrieden stimmte, konnte mir nichts Schlimmes passieren.

Das Schlimme, die Konsequenz – das kam erst viel später. Als ich älter wurde und gespürt habe, wie sehr ich an manchen Stellen gegen meine eigene Wahrheit gelebt habe. Wie sehr ich mich selbst verbogen hatte und beinahe nicht mehr ich selbst war. Dann kam die Frage: Wer bin ich eigentlich wirklich ohne diese ganzen auferlegten Schichten? Ich suche noch nach der Antwort.

Mit meinem Herzmenschen habe ich einen Mann an meiner Seite, von dem ich mir einige Scheiben abschneiden kann – vor allem in Hinblick auf das dicke Fell. Er denkt nicht darüber nach, was andere denken könnten, wenn er etwas tut oder nicht. Höchstens bei den Menschen, die ihm sehr nahe stehen, interessiert es ihn schon ein Stück. Dann ist da unser Herzenskind, das uns jeden Tag deutlich zeigt, was er von Regeln hält, denn bei vielen erschließt sich der Sinn für ihn einfach nicht. Zufall, dass diese beiden mein Leben bereichern? Wohl eher nicht. Denn mit ihnen erhalte ich die Chance, meine ständige Anpassung zu hinterfragen und Stück für Stück abzulegen. Das fängt schon im Familienalltag an und trägt sich bis ins Außen fort.

So manches Mal, wenn ich unter Menschen bin, rattert es in meinem Kopf. Was der wohl gerade von mir denkt? Und wenn nicht unmittelbar, dann oft nach den Begegnungen. Ich stelle mir vor, was da so für Gedanken und Wertungen durch ihre Hirnwindungen gewandert sein könnten. Was ich antworten könnte, falls mich jemand anspricht.

Kurz gesagt: Ich bin manchmal mehr in den Köpfen von anderen, als in meinem eigenen. Und warum? Weil es ein Programm ist, das sich in mir abgespeichert hat. Es hat mein Überleben in der Vergangenheit gesichert – so dachte ich zumindest. Heute ist es nur noch lästig. Mittlerweile kann ich mich immer besser aus diesen kräfteraubenden Gedankenschleifen herausholen, weil ich mehr auf mein Bauchgefühl höre, wenn es um die Gestaltung meines Lebens geht. Ich mache mich frei von möglichen (Ab-/Be-) Wertungen der Menschen, allem voran derer, die ich nicht mal kenne und die nur eine Momentaufnahme von mir erleben. Die wenigsten können sich ein umfassendes Bild und Urteil erlauben – also muss ich ihnen diese Energie nicht mal zur Verfügung stellen. Da ich mehr und mehr im Verständnis für mich selbst ankomme, mich „sein“ lasse, kann ich auch anderen ihr Sein lassen. Dadurch kann ich viel besser mit anderen nebeneinander sein, ohne einen Weg davon als richtig oder falsch zu bewerten.

Zur Zeit bin ich oft angespannt, da unser Herzenskind immer mehr auf dem Weg ins Außen ist. Es wird erwartet, dass er sich anpasst.

Es wird geguckt.

Es wird beurteilt.

Es wird sich ein Bild gemacht.

Das setzt mich enorm unter Druck.

„Aber was ist, wenn es schwierig läuft? Es fällt alles auf mich zurück und ich darf es dann erklären“, sage ich zu meinem Herzmenschen in Sorge, weil ich mit unserem Kind gewisse Strukturen immer wieder ausdiskutiere und ich sie aber einhalten möchte – denn er wird in eine Welt voller Regeln und Grenzen kommen und ich möchte mit ihm üben.

„Es kann Dir egal sein, was die Menschen darüber denken und sagen werden. Für andere sind es Momentaufnahmen und niemand sieht unseren Alltag in Gänze. Sie können sich kein Urteil erlauben„, versucht mein Herzmensch mir nahe zu bringen. Und ich spüre, wie diese Dynamik der Anpassung nebenbei in mir drückt. Aber ein Teil in mir weiß, dass er damit schon richtig liegt – nur muss ich den anderen Teil noch davon überzeugen. Mir wird nochmal sehr bewusst, wie unterschiedlich wir beide sozialisiert wurden und dass wir von unseren Sichtweisen gegenseitig profitieren können.

Doch bei all den Hinweisen, Bemerkungen und Wertungen von außen, sehe ich dann stets mein Kind. So, wie es gerade ist. Dass manches (noch) schwer fällt. Dass wir es uns an einigen Stellen einfach machen dürfen zum Schutz unserer Nervensysteme. Nebenwirkungen und Konsequenzen sehe ich: Ein sorgenvoller Anteil in mir hofft, dass die Begleiterscheinungen nicht von Dauer sein werden. Dass sich mit jeder weiteren Veränderung in meinem Kind so manches relativieren wird. Ich sehe, wozu mein Kind mit einmal und auch hin und wieder bereits in der Lage ist, was mein Vertrauen in sein Tempo bestärkt. Er wird einen anderen Weg gehen, als ich es in meiner Kindheit und Jugend getan habe. Ich wünsche ihm, dass er sich dabei selbst treu bleibt neben all den Masken und der Anpassung, die oft von ihm verlangt werden wird. Ich wünsche mir, dass seine Stimme in ihm lauter sein wird, als die von anderen. Er weiß, was er braucht. Was gut für ihn ist.

Kürzlich sagte man mir, ich müsse innerlich klar in meiner Haltung sein, damit es mit meinem Herzenskind runder läuft. Theoretisch gehe ich da total mit. Praktisch sehe ich mich. Meine Vorgeschichte. Mein Kind. Und kann immer nur wieder sagen: „Ich arbeite dran. Ich versuch’s“. Denn Veränderung braucht Zeit. Umprogrammieren braucht Zeit. Ich werde Stück für Stück meiner selbst bewusst und mein Kind begleitet diesen Prozess. Gerne wäre ich schon vor seiner Ankunft aufgeräumter gewesen. Nun ist es, wie es ist.