
Als wir vor über fünf Jahren unsere Wohnung auf dem Land bezogen haben, freute ich mich über mehrere Gegebenheiten: Wir lebten fortan in einem Zweifamilienhaus und hatten die oben liegende Wohnung – also niemand mehr, der „auf unseren Köpfen“ herum läuft. Das war ein Punkt, der mich in unserer vorherigen Wohnung sehr herausforderte. Desweiteren gehörten zur Wohnung ein Stellplatz, sodass keine ewige Parkplatzsuche mehr nötig war, und eine Terrasse in Südlage. „Immerhin etwas Möglichkeit, nach draußen zu gehen“, dachte ich damals.
Diese Terrasse erschien aber vor allem in einem Ton: Grau in Grau. Na gut, der Zaun „erstrahlt“ eher in einem lebendigen Anthrazit. (Ironie aus) … Unsere Vermieter wollten es pflegeleicht haben, denn neben der Erwerbstätigkeit blieb nicht mehr viel Zeit sich um einen grünen Vorgarten zu kümmern. Bei all der Dankbarkeit, eine kleine Möglichkeit zu haben, mal eben an der frischen Luft zu sitzen können, schlich sich bei mir doch ziemlich schnell die Entrüstung darüber ein, dass diese Terrasse alles andere als „natürlich“ aussieht. Nach und nach besorgten wir Pflanztöpfe und brachten Stück für Stück Farbe auf die trostlose Terrasse. Ich probierte mich mit der Zeit aus: Wildblumen, Gemüse, Erdbeeren.. manchmal ganz rudimentär in Bauwannen – aber, mit Erfolg. Ich musste dann doch auch schmerzhaft feststellen, dass nicht alle Pflanzen für die Südterrasse geeignet sind, denn im Hochsommer kann es schnell über 40 Grad Celsius vorm Haus werden – da haben hitzeempfindliche Pflanzen kaum eine Chance. Mittlerweile habe ich den Dreh raus und wir können uns über die Pflanzen freuen, die nicht nur die Hitze im Sommer gut vertragen, sondern auch winterhart immerhin etwas Grün behalten.

Im vergangenen Jahr habe ich mich an den Steinwall gewagt, der Stellplatz und Terrasse optisch voneinander abgrenzt. Bislang war es einfach nur ein kleiner Wall aus Findlingen und irgendwann sah ich in der Umgebung in einem Vorgarten eine bepflanzte Natursteinmauer. Also füllte ich Erde auf und setzte fröhlich und frei alles mögliche hinein, dass sich zwischen Steinen wohlfühlen könnte. Und siehe da: In den vergangenen Wochen erblüht wieder alles, das den Winter überlebt hat. Diese triste Ansammlung von Steinen lädt nun wieder Bienen und andere Insekten zum Verweilen ein, denn zwischen den Findlingen erstrecken sich Thymian, Braunelle, Lavendel und Wiesen-Margerite. Die Sukkulenten füllen die schmalen Zwischenräume und werden im Sommer auch wieder Blütenstände entwickeln. Ich kann’s kaum erwarten.
In diesem Frühling habe ich mich schließlich an die Steinflächen direkt am Haus gewagt. Schon seit vergangenem Jahr liebäugelte ich mit Bodendeckern, die winterhart und immergrün sind. Denn: Ich bin kein großer Fan von saisonalen Pflanzen, die ich immer wieder ein-und auspflanzen muss. So schön bunt viele Frühlingsblumen auch daher kommen – wenn ich sie allerdings nur für wenige Wochen einpflanzen kann, ist es mir zu aufwändig und auch irgendwie nicht nachhaltig. So habe ich etwas geforscht und bin schließlich auf die vielen verschiedenen Arten von Thymian aufmerksam geworden. Kurzerhand besorgte ich im Frühjahr eine bunte Mischung Thymian und noch Blaukissen dazu.

Seitdem ich diese kleinen Pflänzchen zwischen die Steine gesetzt habe, werden sie gehegt und gepflegt. Jeden Abend freue ich mich darauf, all die Pflanzen auf und um der Terrasse zu gießen, denn inzwischen kann ich täglich dabei zusehen, wie alles wächst. Jedes Pflänzchen im eigenen Tempo. Es entschleunigt und beruhigt mich sehr, mich damit zu beschäftigen. Es erfüllt mich mit Freude, zu sehen, wie aus den Samen, die ich kürzlich säte, nun allmählich Pflanzen wachsen, die dann im Sommer hoffentlich viele bunte Blüten tragen werden und so diese triste Terrasse mit Leben erfüllen. „Ich kann’s kaum erwarten, bis alles bunt blüht“, sage ich zur Zeit beinahe täglich zum Herzmenschen. Über jedes kleinste Stückchen Wachstum der Pflanzen freue ich mich so enorm. Und dadurch verschiebt sich mein Fokus von dem, was sein wird, auf das, was jetzt ist.
Das individuelle Wachstum der Pflanzen lässt mich sehr achtsam werden. Ich sehe wieder die Parallelen zu all den Themen, die mich immer wieder beschäftigen: Das Wachstum unseres Herzenskindes. Meine Ent-Wicklung der letzten Zeit. Es ist viel passiert im Inneren, im Verborgenen. Und allmählich zeigt sich, wo wir hinwachsen wollen. Über uns hinaus, wahrscheinlich. Unser Kindchen hat wahnsinnige Fortschritte gemacht, sodass ich mittlerweile zuversichtlich auf den baldigen Schulbeginn schauen kann. Ich freue mich sogar darauf – genau wie er. Etwas, das vor einem Jahr kaum vorstellbar war. Die Geduld, das Verständnis und all die intensive Pflege der vergangenen Jahre war offenbar und hoffentlich so gut auf unser kleines „Pflänzchen“ abgestimmt, dass es im eigenen Tempo wachsen durfte. Und ich kann mich jetzt schon kaum satt sehen, was für ein wundervolles Kind da heranwachsen ist. Wo soll das noch hinführen?
An manchen Tagen, wenn ich diese kleinen Thymian-Pflanzen gieße, spüre ich ein Hauch von Ungeduld – denn ich freue mich einfach so sehr darauf, wenn sie irgendwann so üppig gewachsen sind und blühen, wie auf den Bildern beschrieben. Doch schnell komme ich dann in den Gedanken: „Alles zu seiner Zeit.“ Ich sehe parallel meinen Weg mit meinen Büchern. Wie ich in den vergangenen Wochen nochmal überarbeitet, korrigiert und verändert habe. Wie ich meine Fühler ausgestreckt und nach weiteren Möglichkeiten Ausschau gehalten habe. Und nun darf ich mich in Geduld üben. Der Ball liegt nun auf der anderen Seite. Ich bin gespannt, ob und was sich ergeben wird. Da wird etwas draus erwachsen, bestimmt. Ich versuche darauf so zu vertrauen, wie in all die kleinen Samen, die ich auf der Terrasse ausgesät habe, mit der Hoffnung, dass wunderschöne Pflanzen daraus erblühen.
Bis dahin werde ich geduldig und achtsam täglich Blumen gießen und mich an all dem erfreuen, was jetzt ist.
