13 Jahre Himmelskind

Weißt Du was, mein Kind? Eigentlich komme ich ja gut zurecht. So im Jetzt. So ohne Dich. Zumindest dachte ich das. Denn jetzt, wo wieder Dein Geburtstag vor der Tür steht, geht´s drunter und drüber in mir.

In den vergangenen Jahren schlich sich doch immer mal wieder etwas Schwere ein, sobald sich der Tag näherte, an dem Du das Licht der Welt erblickt hast. Es ist keine richtige Trauer mehr. Eher sowas wie Wehmut, dass Du nicht mehr leben darfst. Dass ich Dir nicht beim Aufwachsen zusehen darf. Heute würdest Du 13 Jahre alt werden – wie krass ist das bitte? Nun wärst Du wohl in der Pubertät und würdest mit einigen „Begleiterscheinungen“ dieser Zeit Dein Tun haben. Das wäre sicher für uns beide ein spannender Abschnitt Deines Lebens geworden.

Weißt Du, es heißt immer: Man soll nicht in der Vergangenheit leben. Das, was mal war, ist vorbei. Jetzt ist jetzt. Doch was macht man denn, wenn das Einzige, dass einem von einem Menschen bleibt, die Erinnerung ist? Wenn all das, was wir erlebt haben, nur in der Vergangenheit stattfand und im Jetzt nicht mehr weitergeht? Loslassen soll man. Ich habe Dich loslassen müssen – physisch, für immer. Vielleicht möchte ich doch ein bisschen festhalten, an dem, was noch bleibt – denn die Erinnerungen sind das Einzige, was noch übrig ist von Dir.

Erst kürzlich habe ich so viel von Dir gesprochen, wie schon lange nicht mehr. Ich stellte meine Bücher vor. Erzählte vor mir völlig unbekannten Menschen von unserem gemeinsamen Weg, Deinem kurzen Leben, die Therapie, das Sterben. Und wie ich danach überlebte. Weiterlebte. Es ist eine Sache, darüber zu schreiben – doch nochmal eine andere, wenn ich darüber spreche. Dann holt nicht nur die Zuhörer die Betroffenheit ein, sondern auch mich. Denn obwohl es für mich normal geworden ist, dass Du gestorben bist, bringt mich diese Gewissheit wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Es ruckelt dann nochmal ein bisschen und wirbelt alles auf, was ich dachte, bereits geordnet zu haben. Die ganzen Scherben, als ich mit Deinem Tod zerbrach. Der Staub, der sich mit den Jahren über die Erinnerungen legte. Ich kann Dich nicht vergessen. Ich will Dich nicht vergessen. Und weißt Du, ich muss Dich auch nicht vergessen, damit mein Leben weitergehen kann. Damit es vielleicht für andere Menschen leichter wird, mit mir zusammen zu sein.

Das ist schon ein irres Ding, dieses Muttersein. Vor allem, wenn eines der Kinder gar nicht mehr hier ist. Ich habe Dich geboren, genährt, umsorgt. Doch Du bist weg. Was bleibt noch? Die Liebe. Diese unendliche Liebe, dieser Stolz, diese Dankbarkeit bleibt in der Mutterschaft eines verstorbenen Kindes. Ich bleibe Deine Mutter. Du zählst mit. Du bist zuerst unter meinem Herzen gewachsen, hast mich auf diese spannende Reise geschickt. Wenn ich heute so darauf zurückblicke, war ich eigentlich noch nicht so weit, Mutter zu sein. Doch Du hast mich auf den Prüfstand geschickt. Und als Du gestorben bist, fühlte es sich oft so an, als wäre ich gescheitert an dieser Aufgabe. Als hätte ich dazu beigetragen, dass Du krank wurdest und sterben musstest. Als wäre es meine Schuld. Das wog ziemlich schwer auf meinen Schultern und in den vergangenen Jahren warf ich diese große Last von mir ab – denn ich hätte nichts verhindern können. Den Krebs. Das Sterben.

Weißt Du, vor zehn Jahren feierten wir Deinen letzten Geburtstag gemeinsam. Gerade erst liegt der sechste Geburtstag Deines Bruders hinter mir und der lässt mich wackelig werden – denn ich weiß, dass ich bald wieder loslassen muss. Ein Stückchen. Seine Einschulung? Zeitnah nach Deinem Todestag. Wenn man so achtsam und bewusst in der Mutterschaft lebt, dann empfindet man das nicht als „Zufall“, dass Eure Geburtstage so dicht beieinander liegen und das „Loslassen“ ebenfalls. Doch ich nehme es an, voller Dankbarkeit. Denn ich darf hier jemandem beim Aufwachsen zusehen, ihn begleiten und „aktiv“ Mutter sein. Schade, dass es uns beiden verwehrt blieb.

Mein liebes Kind. Hörst Du eigentlich noch Elvis? Setzt er sich manchmal zu Dir und ihr spielt gemeinsam Gitarre? Ich stelle mir das manchmal vor und empfinde Frieden dabei. Und ich hoffe so sehr, dass Deine Seele nach dieser kurzen, anstrengenden Reise hier auch ihren Frieden finden konnte. Ist schon eine große Ehre, dass ich Dich zur Welt bringen und an Deiner Seite sein durfte. Und vielleicht bist Du ja manchmal immer noch irgendwie an meiner Seite. Sitzt bei uns, wenn wir mit Deinem Bruder spielen. Schickst mir ein bisschen Kraft und Zuversicht für die herausfordernden Zeiten, die immer wieder aufkommen. Manchmal fehlt mir die Leichtigkeit, die ich noch hatte, bevor Du krank wurdest. Da war ich eine andere Mutter, als heute. Dieser Frohsinn, diese Leichtigkeit fürs Leben – es starb wohl ein kleines Stückchen davon mit Dir zusammen. Ich versuche nun schon eine ganze Weile, diesen Raum wieder zu füllen. Das Schöne, das Leichte, das Fröhliche einzuladen und wieder neu zu entdecken. Es gelingt mir ab und an. Ich schätze, wenn sich etwas mehr Erholung und Freiraum für mich ergibt, kommt das Stück für Stück sicher wieder.

Weißt Du, schon oft habe ich mich gefragt, wie Du wohl heute aussehen würdest. Und obwohl ich vielen, neuen Technologien skeptisch gegenüber stehe, habe ich es einfach mal gewagt. Ein Foto von Dir und den Rest hat der Computer gemacht. Und siehe da. Es entsteht eine Vorstellung. Eine schöne. Ein bisschen träumen ist ja erlaubt – obwohl dieser Traum nicht mehr wahr wird.

Eine schöne Vorstellung ist das, wären wir heute zusammen und könnten Deinen 13.Geburtstag feiern. Da wären ganz viele Menschen unwahrscheinlich stolz auf Dich. Du wärst so geliebt. Und wirst es immer noch.

Hätte, wenn, wäre, sollte, könnte.. wenn ich über alle Möglichkeiten mit Dir nachdenke, komme ich innerlich ins Straucheln. Denn ich weiß nicht, ob ich da wäre, wo ich heute bin – ohne Dich. Ob ich all das erfahren und erlebt hätte, ob ich die wäre, die ich geworden bin – nach Deinem Verlust, ohne Dich. Spekulationen, die ins Leere verlaufen.

Ich bin hier. Heute. Ohne Dich. Und irgendwie doch mit Dir. Denn etwas von Dir ist geblieben. Weißt Du, heute feiere ich Dich und auch mich. Weil es uns gemeinsam gab, auch wenn nur noch ich hier bin. Danke, dass Du geboren bist, denn ich hätte Dich sehr vermisst.

Happy Birthday im Himmel, mein liebes Kind.

Ich vermisse und liebe Dich.🧡💜