Sollen wir Pizza oder Ramen zum Abendessen machen?, frage ich meine beiden Herzmenschen.
Beides!, rufen sie einstimmig.
Ja.. warum „oder“, wenn auch „und“ geht!
So oft stehen wir im Alltag vor der Wahl. Was essen wir? Was ziehe ich heute an? Wie gestalte ich die Zeit? So viele Möglichkeiten. Mein Herzenskind schöpft tatsächlich aus dem Vollen: Mangel? Warum? Wenn ich zwei Dinge haben kann, warum sollte ich dann nur eines wählen?
Bei kleinen Entscheidungen werde ich oft schon wieder flexibler, wie bei der Wahl des Essens. Und am Ende entstehen dabei wirklich spannende Kompositionen, die uns alle überraschen. Einfach mal machen, könnt‘ ja gut werden. So entstand gestern Abend aus zwei Vorschläge zum Abendessen eine Mischung aus beidem: Ramen-Pizza. Okay, am Ende waren nicht alle Bestandteile des Ramen-Gerichts vertreten, aber ich habe diese fixe und witzige Idee der beiden einfach mal umgesetzt – zu deren Erstaunen. Und mit dem Urteil: Echt lecker und machen wir bestimmt nochmal.

Dann gibt es aber auch die großen Möglichkeiten und Entscheidungen. Die, die wirklich schon deutlich mehr Konsequenzen nach sich ziehen. Die, die wohl überlegt sein müssen. Ich empfinde schon oft die Wahl beim Einkauf als Qual – dann überfordern mich die großen Möglichkeiten noch mehr.
Ohne Erwartungen schickte ich das Manuskript meiner Biografie an einige Verlage. Wirklich. Ohne große Erwartungen (hallo negative Glaubenssätze und geringes Selbstvertrauen!). Ich hatte mir gewünscht, dass nur ein Verlag antworten würde – und nun sind es bereits drei. Kaum zu fassen, dass da von Profis wirklich Interesse besteht, das Buch noch einmal zu bearbeiten und frisch verlegt auf die Menschen los zu lassen. Das macht ganz viel mit mir. Ich spüre den Aufschwung, denn eines meiner Talente findet solch eine Anerkennung, dass sich für mich daraus eine große Chance ergibt. Fuß zu fassen in einem Verlag, als Autorin. Mir einen Namen machen. Wer weiß, welche Türen sich da noch eröffnen.
Nach den vergangenen sechs Jahren, in denen ich hauptberuflich Mutter und Hausfrau war, habe ich nun Chancen, etwas aufzubauen, das wohl ein Stück zu meiner Berufung gehört. Immer wieder lese ich, dass sich Mütter auch selbst verwirklichen sollen. Und heute dachte ich, dass ich das in den vergangenen Jahren trotzdem gemacht habe – nur auf eine andere Weise. Während ich meinem Herzmenschen den Rücken freihielt (und -halte), damit er die wechselnden Schichten und spontane Aushilfsdienste realisieren kann, hat er mir den Rücken freigehalten, mich selbst zu verwirklichen. Für mich heißt das nicht, in einem Job Erfüllung zu finden – sondern in mir selbst. Ich durfte neben all der Care-Arbeit und dem Mental Load wirklich zu mir selbst finden. Mein Selbst verwirklichen. Denn das hatte ich jahrelang unter Anpassung und Gefallen-Wollen begraben, wusste irgendwann gar nicht mehr so recht: „Was kann ich eigentlich wirklich gut? Wozu bin ich berufen?“ Mit der Zeit kristallisierte sich heraus, dass das Schreiben über meinen Heilungsprozess und meine Selbstfindung eine große Stärke ist, womit ich anderen Menschen einen Beitrag leisten kann. Deswegen meine Autobiographie.
Tja, und dann kommt wieder die Gleichzeitigkeit: Zum einen bin ich ganz aufgeregt, dass sich mir da eine so große Chance auftut – zum anderen sehe ich, was gerade noch so „Großes“ ansteht. Diese Vorhaben, Projekte und Möglichkeiten brauchen alle vor allem eines: Geld. Mit nur einem Erwerbseinkommen? Keine Chance, alles gleichzeitig, geschweige denn zeitnah hintereinander zu realisieren. Womit kollidiert das? Ganz klar, mit meiner Geduld. Ich kann mich zügeln und bremsen, denn mein Verstand hält mich dann ab, aus meiner Euphorie heraus überstürzt zu handeln. Doch es fällt mir gerade noch schwer, einen ganz klaren Blick darauf zu haben, denn dieses Gefühl von Aufschwung und Chance nimmt viel Raum in mir ein. Es wäre endlich eine Möglichkeit, ein wenig was beizutragen – für die Haushaltskasse und für die Menschen im Außen. Es wäre eine Chance, mal wieder etwas mehr als Mutter und Hausfrau zu sein – auch wenn mich das bereits gut ausfüllt. Doch Erfüllung finde ich nebenbei noch in anderen Tätigkeiten – und das ist eindeutig das Schreiben.
Bei diesen großen Projekten und Möglichkeiten kann ich leider nicht so einfach „und“ statt „oder“ sagen, wie bei der Wahl unseres Abendessens. Und so versuche ich mir ein Beispiel an meinem Herzenskind zu nehmen: Ich will nicht den Mangel sehen. Denn eigentlich ist da schon ganz viel Fülle. Wenn die Zeit reif für etwas ist, wird es sich mir schon zeigen. Bis dahin genieße ich schon mal, dass ich die Möglichkeit irgendwann beim Schopf packen kann und hoffe, dass die Türen für mich geöffnet bleiben.
