Abschied aus zwei Perspektiven

Mein Herzenskind setzt sich am Morgen nach dem Aufstehen auf das Sofa. Ganz still und nachdenklich wirkt der kleine Mensch. Während ich sein Frühstück hole, wundere ich mich schon, dass er weiterhin so still da sitzt. Kein Wort. Keine Regung. Gut, er muss wohl erstmal richtig wach werden.

Als ich mein Frühstück hole, höre ich aus dem Wohnzimmer ein leises Fiepen. Das Geräusch ist für mich der Anhaltspunkt, dass meinem Herzenskind wohl etwas auf dem Herzen zu liegen scheint. Ich komme zurück ins Wohnzimmer und sehe mein Kindchen eingerollt in einer Ecke des Sofas liegen, sichtbar traurig und berührt. Zunächst kann er mir keine Antwort geben, als ich ihn frage, weshalb er traurig ist. Dann zeigt er wortlos auf das Sofa. Okay, ich verstehe.

Abschiedsschmerz.

Dieses Sofa befindet sich seit 13 Jahren in meinem Besitz und es hat wirklich lange gute Dienste geleistet. Mein Herzmensch hat es sogar in den vergangenen Jahren zwei Mal repariert, sodass wir einen Neukauf etwas hinauszögern konnten. Aber jetzt? Es ist durch. Und das auf so vielen Ebenen. Oder besser: Ich bin durch damit.

Dieses Möbelstück trägt unzählige Erinnerungen und Energien in sich. Es zog drei Monate nach der Geburt meines ersten Sohnes mit uns in eine neue Wohnung ein. Viele Stilleinheiten, Kuschelmomente und Zeit mit einem Kleinkind fanden darauf statt. Es hielt die Sorgen aus, als mein Sohn seine Krebsdiagnose bekam. Es trug mich durch schwierige und herausfordernde Momente, wenn der Haussegen schief hing und ich vor lauter Erschöpfung darauf durchatmen musste. Dieser kleine Mensch verlor darauf Stück für Stück seinen Lebenshauch, bevor er in den letzten Tagen seines jungen Lebens nur noch im Bett schlief. Später saß ich viele Tage einfach nur an der gleichen Stelle auf dem Sofa und starrte ins Leere – weil ich nicht wusste, warum ich noch am Leben war, während mein Kind keine Chance hatte. Auf diesem braunen, weichen Polstermöbelstück fasste ich den Mut für einen Neuanfang, nachdem ich viele Wochen zuvor überlegte und abwog, ob ich mit meinem Partner weiterhin gemeinsam darauf sitzen wollte. Schließlich teilten wir den Hausstand auf und das Sofa blieb bei mir, füllte meine erste, eigene Wohnung und ließ ein Stück Vertrautheit in der leichten Ungewissheit entstehen.

Einige Zeit später saß mein Herzmensch bei unserem ersten Treffen auf dem Platz, auf dem ich in tiefer Trauer ein Jahr zuvor völlig regungslos saß. Viele viele gemeinsame Stunden verbrachten wir seitdem darauf, unterhielten uns über tiefgreifende Themen – und das oft bis in die späten Abendstunden hinein. Wir bestaunten die Gymnastikübungen unseres Herzenskindes, die er da unübersehbar in meinem Bauch turnte, während ich es mir auf dem Sofa bequem machte. In einer Nacht Ende Mai ruhte ich darauf zwischen den Wehen, die unser Kindchen Welle für Welle zu uns brachten. Und schließlich stillte ich auf diesem Sofa mein zweites Kind ebenfalls stundenlang und viele viele viele viele Tage bis kurz vor seinen fünften Geburtstag. Dieses Möbelstück ist in den vergangenen Jahren zum zentralen Punkt unserer Wohnung geworden: Wir lebten darauf. Mahlzeiten, Spiele, Kuscheln, Schlafen, Gespräche.. alles fand darauf statt.

Es hat so viel getragen. So viel gehalten. Wenn dieses Sofa Geschichten erzählen könnte, würde es wohl viele Bücher damit füllen.

Der Komfort hat mit den Jahren nachgelassen und in den vergangenen Monaten haben wir dann den Entschluss gefasst: Es muss was Neues her, denn purer Federkern ist nicht mehr ganz so gemütlich. Während ich es kaum erwarten kann, dass ich mich endlich von diesem Sofa verabschieden kann, weil es nicht nur leichte Energien aushalten musste, wird mein Herzenskind wehmütig. Veränderung.. nicht so sein Ding. Abschied.. auch noch schwer für ihn. Er möchte Sicherheit und wünscht sich, dass wir es trotzdem behalten könnten. Problem? Kein Platz. Und bei allem Verständnis für seinen Abschiedsschmerz, ist der Wunsch bei mir, diesem Erinnerungsstück endgültig Lebewohl zu sagen, sehr groß. Herzmensch und ich überlegen uns einen Kompromiss und wollen unserem Kindchen damit den Abschied etwas angenehmer gestalten. Doch wir schauen einfach, wie es dem kleinen Menschen in den kommenden Wochen mit der Veränderung gehen wird. Das alte Sofa lagert noch, bis der Sperrmüll kommt.

Vielleicht wird’s ja doch gar nicht so schwer, wie es sich im Moment noch für ihn anfühlt. Denn ich bin mir sicher, er wird das neue Sofa genauso lieben. Und das Schöne ist: Wir können ganz neue Erinnerungen damit schaffen – unsere.