Ist das wirklich wahr?

Ich schaue Fotos an.

Und denke:

Ist das wirklich wahr?

Hat es Dich wirklich gegeben? Warst Du wirklich da?

Habe ich wirklich Deine Hand gehalten?

Habe ich Dich wirklich getragen?

Habe ich wirklich für Dich gesorgt, Tag und Nacht, drei Jahre und zwei Monate lang?

Weißt Du. Wenn ich die Fotos von Dir sehe. Jetzt. Fast zehn Jahre nach Deinem Tod. Da kommt es mir so manches Mal vor, als wäre das alles nur ein Traum gewesen.

Ich bin noch am Leben. Du nicht. Unbegreiflich. Immer noch. In gewissen Momenten kann ich’s nicht fassen. Immer noch nicht.

Mein Kind. Mein liebes Kind. Es verblasst so viel. Von diesem Gefühl, so richtig Deine Mama zu sein. Als hätte jemand den Stecker gezogen und ich stehe ohne Funktion für Dich in der Ecke. Verstaube. Dabei bin ich ja Mama. So richtig. Im Jetzt. Und weißt Du, das ist wahnsinnig schön. Wahnsinnig intensiv. Wie mit Dir. Und doch so anders. So anders, dass ich denke, ich bin nicht mehr dieselbe Mama, wie damals. Bin ich auch nicht. Wie auch? Dein Tod hat etwas von mir mitgenommen . Und irgendwie versuche ich seit fast zehn Jahren, es wiederzufinden.

Da ist einiges verloren gegangen. Viel Verlust. Wenn ich die Fotos aus unserer Zeit ansehe, weiß ich, wer sie gemacht hat. Wenn ich Dein Lächeln sehe, erkenne ich Deinen Papa. Und weißt Du? Es macht mir noch so manches Mal Bauchschmerzen. Weil’s nicht alles so leicht war – während Du da warst und nach Deinem Tod. Ein doppelter Verlust, der schwer zu verdauen war – mehr für ihn, als für mich. Denn nachdem Du gegangen warst, bin auch ich gegangen. Raus aus diesem Leben, das sich heute für mich unwirklich anfühlt, wenn ich daran zurückdenke.

Es tut mir so Leid. Wie ich früher war. Es war alles so irre schwer – auch wenn ich die Leichtigkeit zwischendurch spüren konnte. Wenn Du gelacht hast. Wenn Deine zarten Arme um meinen Hals geschlungen waren. Wenn Deine kleinen Finger in meinen Haaren spielten, damit Du einschlafen konntest. Weißt Du, ich wäre gerne viel öfter viel leichter gewesen. Für Dich. Für Deinen Papa. Für mich. Ich konnte nicht. Zu groß diese Aufgabe, Dich auf diesem Weg zu begleiten. Zu schnell, mit diesem Krebs, der Dein Leben nahm.

Bald ist der Tag. Zehn Jahre. Ich kann’s nicht fassen. Und weißt Du, mein liebes Kind – ich kann einfach nicht glauben, wie klein Du warst, als Du starbst. Jetzt, wo ich hier neben Deinem Bruder liege. So groß ist er schon. Startet bald in einen neuen Lebensabschnitt. Ich darf etwas loslassen. Er auch. Und wenn ich seine Hände sehe, die eigentlich noch so klein sind – dann tut’s für einen Moment mal wieder mehr weh, weil Deine Hände noch kleiner, noch zarter waren, als ich sie endgültig loslassen musste.

Ist das wirklich wahr?

Ach mein Kind.

Leider ja.