„Ach komm, schieb‘ nicht immer das Kind vor.“
Warum geht mir dieser Satz gerade so durch den Kopf? Worte, die vor elf Jahren ausgesprochen wurden, hallen in mir nach.
Damals. Mit Beginn der Weihnachtszeit. Auf dem Plan standen viele Termine für mein krebskrankes Kind: Bestrahlung von Montag bis Freitag. Viele Einheiten waren angesetzt, die sich mit den Feiertagen dazwischen bis ins neue Jahr erstrecken sollten. Wir waren noch nicht in Kenntnis darüber, ob auch an den Weihnachtstagen und zwischen den Feiertagen und Neujahr Bestrahlung stattfinden würde. Wir hielten Weihnachten für alle Familien in Klammern – denn so richtig versprechen konnten wir nicht, ob unsere Anwesenheit möglich wäre. Allem voran, weil nicht einzuschätzen war, wie unser Sohn diese Behandlungen vertragen würde. Gerade erst hatte er eine Hochdosis-Chemo hinter sich und kam langsam zu Kräften – und schon stand der nächste anstrengende Teil seiner Behandlung auf dem Plan.
…
Und dann fiel dieser Satz vom Schwiegervater in spe. Nicht vor mir, nein. Seinem Sohn gegenüber, der mir das später entrüstet mitteilte. Ich war fassungslos und gleichzeitig wütend, wollte direkt zurückrufen – aber ich durfte nicht.
Weihnachten war auch ohne schwerkrankes Kind ein aufwändiges Unterfangen, da zwei Scheidungskinder sämtliche Familienteile besuchen sollten. Mit einem krebskranken Kind, das gerade den anstrengendsten Teil seiner Therapie hinter sich gebracht hatte, war da zusätzlich eine Menge Unsicherheit im Raum: Wie würde sein Befinden zum Weihnachtsfest sein? Dürften wir wegen seinem Immunstatus überhaupt unter Menschen? Säßen wir eventuell sogar in der Klinik? Sehr viel Ungewissheit.
Was wir damals brauchten? Verständnis. Rücksichtnahme. Kreative Ideen von allen Beteiligten. Das Gefühl, dass gemeinsam eine Lösung gefunden wird, wenn es allen ein Anliegen ist, sich zu den Festtagen zu sehen. Doch diese Worte spiegelten nichts davon wieder. Sie zeigten nur: Hier war sich ein Erwachsener wichtiger und stellte dies ungeschönt vor die Gesundheit unseres Kindes. Da hat jemand glasklar gezeigt, wie rücksichtslos und egoistisch ein Mensch sein kann. Empathie? Fehlanzeige. Verständnis? Pustekuchen. Dass damit jegliche Lust auf ein gemeinsames Weihnachten mit Schwiegervater in spe gänzlich verflogen war, sei mal dahingestellt.

…
Aber warum fällt es mir jetzt wieder ein? Warum sehe ich diese Situation so klar vor mir?
In den vergangenen Wochen kamen viele Erinnerungen an die Therapiezeit und auch nach dem Tod meines Sohnes wieder an die Oberfläche. Ganz nebenbei gingen mir die Worte durch den Kopf: Vergeben und vergessen. Ich möchte manchmal hysterisch lachen, weil vergessen in meinem Gedächtnis irgendwie nicht so vollumfänglich einprogrammiert wurde, sondern eher sämtliche Erinnerungsfetzen akribisch aufbewahrt werden müssen. Könnt ja nochmal für irgendwas gut sein. Haha.
Sieht man ja. Für was ist das gut, mich an solch unschöne Momente zu erinnern? Vergeben? Hab ich vermutlich ein Stück weit – doch fassungslos bin ich immer noch über diese Worte. Doch es breitet sich zeitgleich das Gefühl von Stolz in mir aus, mich aus gewissen Verbindungen gelöst zu haben.
Dass mir genau diese Worte wieder in den Sinn kamen, hatte scheinbar den Grund, dass ich in den vergangenen Wochen wiederkehrende Situationen mit Herzenskind hatte, in denen Außenstehende meinen könnten: Schieb‘ nicht immer das Kind vor. Wer sich nicht näher mit unserem Alltag beschäftigt und ein Verständnis für die Herausforderungen im Autismus-Spektrum aufbringen möchte, könnte schnell denken: Sie benutzt ihr Kind nur als Ausrede. Doch will man es wirklich verstehen und hat man noch ein Fünkchen Empathie übrig, wird schnell klar: Die Herausforderungen sind real. Die Ängste und inneren Kämpfe meines Kindes sind real. Wenn ich nicht verständnisvoll darauf eingehe, wird’s nur noch schwieriger.
Und so begreife ich gerade einmal wieder mehr, wieviel Raum die unsichtbare Behinderung meines Herzenskindes so einnehmen kann. Dass Ängste manchmal unüberwindbar erscheinen und das Einzige, was diesem kleinen Menschen derzeit Sicherheit bietet, meine Anwesenheit ist. Was das für mich bedeutet? Kreative Lösungen finden. Reden, reden, reden. Erklären. … Und Akzeptanz. Dass es gerade so ist. Dass diese Phase vorübergehen wird. Hoffen, dass meine Verbindungen das aushalten können. Ich puzzle mich um die Ängste meines Kindes herum, weil ich sie ernst nehme.
Denn wie schon in der Therapiezeit meines krebskranken Kindes, ist es mir wichtig, dass mein Kind mir vertraut und sich auf mich verlassen kann. Dass ich mein Wort halte und versuche, so viel Sicherheit, wie möglich herzustellen, wenn alles um einen herum so unvorhersehbar und überwältigend erscheint. Und wenn meine pure Anwesenheit für Sicherheit in diesen kleinen Menschen sorgt, dann ist das für mich keine Ausrede – sondern ein triftiger Grund.
