Wiederkäuer

Immer wieder. Unzählige Male. Ich kaue das Gesagte bis zur Geschmacklosigkeit durch. Es heißt doch, man solle einen Bissen rund 42 Mal kauen, ehe er gänzlich geschluckt wird. Soll die Verdauung entlasten. Ich vermute, mein Gehirn hat auch das zu ernst genommen.

Mein Denkapparat scheint da sehr verbissen zu sein, jede kleinste Nuance und Materie aus dem, was gesagt und nicht gesagt wurde, aufspalten zu wollen. Was im Verdauungsapparat dank etlicher Verdauungssäfte und der Peristaltik automatisiert und ohne mein großes Zutun seinen Verlauf findet – versetzt mich bei der geistigen Verdauung in olympische Disziplin. Es fühlt sich wie Hochleistungssport an, für den ich leider kein Abzeichen bekomme.

Mit den Jahren, gesammelten Erfahrungen und Erkenntnissen scheint sich der endlose Zerkauprozess unter meiner Schädeldecke spürbar zu verkürzen. Wo ich sonst tagelang unermüdlich auf den Aussagen anderer herumkaute, stellt sich mittlerweile schon nach Stunden das Gefühl von verdaut ein. Ich erkenne schneller, was da bei mir in Resonanz ging, ordne es besser ein. Verständnis und Mitgefühl für mich und die anderen fördert diesen Prozess enorm.

Du behandelst ihn wie einen König. Du musst mehr Nein sagen. Du musst mehr mit ihm spielen, weniger Tablet.

Nach sehr kurzer Zeit des Kennenlernens erhalte ich einen gut gemeinten, aber nicht gut gemachten Vorschlag, wie ich meinen Herzenskind begegnen soll. Aus kurzen Sequenzen des Zusammenseins wird ein Urteil gefällt, eine Wertung vorgenommen und mir ungebeten vorgelegt. Ich versuche mich zu sammeln, was im Kontext der Situation auch für mich nicht einfach ist – sind Herzenskind und ich in jenem Moment beide unter höchster Anspannung. Es wurde nicht gefragt, warum Verhalten auftritt, warum wir etwas so lösen. Es fehlte der Versuch, Verständnis aufzubringen. Es fehlte eine Haltung. Aus den Worten höre ich das, was mir sauer aufstößt und mit meiner Haltung kollidiert. Das Kind tanzt Dir auf der Nase rum. Macht was es will. Du musst Grenzen setzen. Konsequenter sein. Ich höre das oft. Direkt oder zwischen den Zeilen. Lasse das einmal durch mein System wandern, rekapituliere, reflektiere. Aus Momentaufnahmen wird sich ein komplettes Bild meiner Elternschaft gemacht.

Was ich sehe? Was ich fühle? Den Kontext. Unsere Nervensysteme. Die Inkompatibilität mit dem Draußen. Die unzähligen Anforderungen jeden Tag. Ich sehe, wie sehr mein Kind es versucht. Sich bemüht, teilzunehmen, an einer Welt, die so viel Unvorhersehbares mit sich bringt. Ich sehe die Not hinter herausforderndem Verhalten. Ich sehe das Warum. Bei meinem Kind, bei mir, bei anderen Menschen. Denn wenn ich nicht aus dem Ego, aus meiner Verletzung heraus agieren will, ist es erforderlich, auch die anderen in ihrer Gesamtheit zu betrachten. Auch das hat Grenzen. Vor allem, wenn ich die Menschen gerade erst kennenlerne. Also ist es mir doch gar nicht möglich, so schnell ein Urteil zu fällen. Es braucht mehr Zeit.

Und genau da piekst es dann in mir. Da werde ich zur Löwin. Komme innerlich in Fahrt. Weil ich mich verteidigen will. Weil ich das vorschnelle Urteilen ungerecht finde. Ich erhalte nicht mal die Möglichkeit, zu erklären oder es auf irgendeine Weise verständlich zu machen. Die Wertung im Kopf des anderen ist da. Wenn ich Glück habe, ist dieser Mensch bereit, sich zu öffnen und dazu zu lernen. Wenn nicht, wird es nicht passen. Und in diesem Kontext brauche ich ein Stück Sicherheit in mir, dass der Mensch innerlich beweglich bleibt. Dass er bereit ist, sich wirklich auf uns einzulassen oder nur seine Vorstellung durchsetzen will.

Ich denke nochmal zwei weitere Runden darüber nach. So ganz verdaut habe ich diese Situation noch nicht. Aber ich weiß, dass ich am Ende wieder mehr in meiner Mitte ankommen werde.

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