Klare Sicht

Die Frühlingssonne hat das offen gelegt, was im dunklen Winter verborgen war: Den Schmutz und Staub der vergangenen Monate. Die Fenster waren mit natürlichen UV-Filter bedeckt und die Räume waren in die verstaubten Energien der Wintermonate eingehüllt. Frühjahrsputz kribbelte in meinem System.

So nutzte ich den inneren Aufschwung und schwang den Putzlappen. Hier und da mistete ich wieder aus, verkleinerte den Hausstand. Es tut mir immer wieder gut, Raum zu schaffen.

Doch während ich um mich herum für Klarheit und Ordnung sorgte, fühlt sich mein Inneres weiterhin eher undurchsichtig und chaotisch an. Unzählige Optionen, Impulse und Gedanken füllen den Raum hinter der Stirn und lassen mich in Unklarheit zurück. Was davon ist für mein Leben relevant?

Was brauche ich gerade?

Seit Wochen geht’s mir kräfte- und stimmungstechnisch nicht gut. Ich komme irgendwie durch den Tag. Dabei kann ich zusehen, wie sämtliche Akkustände in mir im roten Bereich laufen. Es fühlt sich nach Burnout an. Im Geiste sitze ich am Meer, hülle mich im Strandkorb in eine Decke ein und lausche stundenlang dem Rauschen der Wellen. Keine Autos. Keine großen Anforderungen. Immer wieder schaue ich nach Unterkünften, die für kurze Zeit einen Ausbruch aus dem Alltag und einen kürzeren Weg zum ersehnten Meer ermöglichen. Finanziell erlaube ich es mir nicht. Suche noch nach Lösungen, die mit dem Finanzstatus kompatibler erscheinen. Einfach machen – grätscht permanent rein. Ich drehe mich im Kreis.

Was braucht mein Kind?

Die Frage, die mich immerwährend umtreibt. Auch seine Energie muss mitspielen, aus der Sicherheit des Alltags auszubrechen. Wenn wir das gemeinsam tun, bin ich seine Sicherheit. Muss mich halten, muss ihn halten – in ungewissen Situationen. Wie sehr mich das erschöpfen könnte, habe ich geahnt. Wie sehr es mich manchmal lähmen und handlungsunfähig machen würde, begreife ich mit Blick auf meine Neurodivergenz heute anders. Mit zunehmenden Alter meines Kindes verändern sich eigene Handlungskompetenzen und ich frage mich fortlaufend, wo ich ihm mehr zutrauen darf, wie viel er alleine halten kann.

Ich will der sichere Hafen für mein Kind sein und finde ihn für mich selbst manchmal nicht mehr.

Weil ich das alles zum ersten Mal so mache.

So begleite.

Diesen kleinen Menschen, in seiner ganz eigenen Art und Weise. Alles neu. Alles unbekannt. Es gleicht einem Blindflug, bei dem ich darauf vertrauen darf, dass wir gemeinsam ohne große Schäden durchkommen. Keine Route. Kein Fahrplan. Nur ein innerer Kompass, der manchmal die Orientierung verliert. Immer wieder stelle ich meine eigene Kompetenz und Fähigkeit infrage, laufe innerlich auf rohen Eiern.

Wie gerne hätte ich die klare Sicht in mir, wie bei dem Blick durch die sauberen Fensterscheiben.

Hast Du Gedanken dazu? Schreib doch gerne einen Kommentar.