Ungewissheit. Wer kann damit schon gut umgehen? So sehr auch das Bestreben in mir da ist, zu vertrauen, auf dass sich alles zu meinem Wohle fügen wird- so sehr hänge ich manchmal dennoch innerlich in der Luft.
Manches Mal brauche ich einfach Klarheit. Ganz direkt. Ohne Drumherumreden.
In manchen Verbindungen kann ich mich innerlich in Sicherheit wiegen, dass eine gewisse Kontaktebbe und Funkstille verkraftbar ist für beide Seiten. Jeder gesteht sich das eigene Leben zu – die endliche Aufmerksamkeit und Energie eines Tages nach all den unzähligen Aufgaben und Herausforderungen. Es ist kein spürbarer Stillstand der Verbindung zu verzeichnen. Oft knüpft man so ziemlich da an, wo man zuletzt aufhörte. Und selbst die Lücken der Unwissenheit können verziehen werden.
Bei einigen Verbindungen werde ich unweigerlich mit meinen Prägungen und Unsicherheiten konfrontiert. Da wittere ich bereits etwas, sobald der Kontakt abnimmt. Zum einen spüre ich oft schon eine gewisse Lauerstellung und bin achtsam, nicht in das berühmte Fettnäpfchen zu treten – denn manch ein Mensch scheint eine Art Minenfeld um sich zu haben, sodass ich im Grunde schon weiß: Irgendwann wird’s wohl eskalieren. Irgendwann werden unsere Meinungen aufeinandertreffen und dann ist eben die Frage: Können wir sie nebeneinander stehen lassen oder fühlt es sich wie eine gravierende Kluft an, die für unsere Verbindung unvereinbar bleibt. Ich bin mit den Jahren sehr achtsam mit Worten geworden. Meine eigenen Erfahrungen, in denen ich mich ungerecht behandelt fühlte und unverstanden zurück blieb, haben einen gewissen Lerneffekt bei mir ausgelöst: Ich möchte anderen verständnisvoll begegnen, mit einer gewissen Akzeptanz. Möchte ihre Grenzen erkennen und achten. Voreingenommenheit achtsam hinter mir lassen – denn ich empfand es irgendwann unfair und ungerecht den Menschen gegenüber. Ganz nach dem Motto: Was ich selbst für mich nicht möchte, füge ich auch keinem anderen zu. So richtig gefeit bin ich natürlich nicht vor den Fettnäpfchen und nicht immer gelingt es mir passend zu reagieren. Je mehr ich versuche, mich auf den anderen einzustellen, desto mehr leidet wohl meine Authentizität darunter. Bisher fühlte es sich für mich aber sicherer an, immer mehr auf den anderen zu achten – Zufriedenheit beim anderen gab mir etwas Vorhersehbares. Im Umkehrschluss spürt mein System so etwas wie Gefahr, wenn die Stimmung beim anderen unausgeglichen ist. Damit erklärt sich dieses permanente Gefühl in mir, im Umgang mit anderen Menschen wie auf rohen Eiern zu laufen.
Vermutlich kam deswegen immer mal wieder der Moment in meinen Verbindungen, in dem es irgendwie krachte. Nicht nur so ein bisschen Unmut. Ein Moment, in dem ich spürte: Hier war eine Grenze bei mir. Hier gingen unsere Sichtweisen gerade so weit auseinander – und etwas zwischen uns auch. Ich hatte scheinbar nicht passend reagiert. Es ist nicht so, dass ich den Menschen etwas vormache oder mich gänzlich verstelle. Es ist eher ein Verbergen von etwas, um den Frieden zu wahren. Nicht alles muss ausgesprochen werden. Manches darf ich mir im Stillen denken und einfach akzeptieren. Und so geschieht es aber, dass ich etwas ausspreche, mit einem gewissen unverrückbaren Nachdruck, zwar freundlich und respektvoll – aber für den anderen offenbar so, dass es sich wie Zurückweisung anfühlen könnte. Dabei stellte ich einen Standpunkt klar – meine Wahrheit. Mein Eigenes. Meistens dann, wenn der andere mir zu verstehen gab, dass er mit meiner Wahrheit, mit meiner Art, Dinge zu handhaben, nicht übereinstimmt. Ein Impuls zur Erklärung und Rechtfertigung kommt dann in mir auf – möchte ich doch meiner Sicht auch Raum erlauben.

Und während ich das immer besser nebeneinander stehen lassen kann, entwickelt es sich dennoch so, dass ich jemandem in seiner Wahrheit damit verletze und dieser nicht in der Lage ist, es nebeneinander stehen lassen zu können. Dann liegt der Blick mit einmal nur noch auf dem, was nicht passt. Dann war nicht nur das, was ich sagte oder tat blöd – sondern ich scheine im Ganzen blöd für den anderen zu sein. So meine Spekulation.
Jahrelang war ich in der Annahme: Ich bin Schuld. Ich dachte wirklich immer, ich habe Verbindungen zu manchen Menschen zerstört; habe einen großen Fehler gemacht. Während viele Menschen automatisch die Schuld für das Scheitern bei anderen suchen, nehme ich die Schuld meistens unwillkürlich auf mich. Suche bei mir direkt den Grund und frage mich, was genau ich verkehrt gemacht haben und später anders machen könnte.
Doch oft blieb mir die Chance verwehrt, etwas zu verändern. Verbindungen brachen ab, verliefen ins Ungewisse. Ich konnte nichts Konkretes lernen, weil mir niemand genau sagte, wo das Problem lag. Ich versuchte es mir dann selbst zusammen zu reimen. Ich bin bereit, gemeinsam daran zu arbeiten und zu wachsen – auch wenn ich anfänglich ebenfalls etwas Rückzug und Zeit brauche, mich zu sammeln. Zeigt mir die andere Seite schließlich, dass da nichts (mehr) zu holen ist, belasse ich es. Dann muss ich damit einig werden, dass wir uns uneinig sind.
Wieder befinde ich mich in dieser Situation. Doch ich spüre, dass sich etwas in mir verändert hat. Da offenbart sich ein Stück mehr mein Eigenes, mein Wert. Den ich nicht davon abhängig machen möchte, ob ich den anderen zufrieden stelle. Ich kann über vieles hinwegsehen, habe für vieles Verständnis und schaue hinter die Gründe von Verhalten. Analysiere mich beinahe um Kopf und Kragen, um in mir Antworten zu finden, die mir die anderen nicht geben. Auch ich reagiere manchmal nicht so, wie es vielleicht für einen friedvolleren Ausgang sinnvoll gewesen wäre. Doch manchmal hilft auch alles verbiegen und anpassen nichts. Manchmal liegen die Meinungen scheinbar so weit auseinander, Differenzen scheinen unüberwindbar – sodass ich loslassen darf. Dass ich den Impuls loslassen darf, diese Kluft überbrücken zu wollen. Denn manchmal möchte der andere die Brücke nicht (mehr). Vielleicht nur vorerst. Vielleicht aber auch für immer.
Und so erlaube ich mir mehr mein Eigenes, meine Wahrheit. Neben den vielen anderen Wahrheiten und Lebensrealitäten. Ein kleines Stückchen weniger Chamäleon, ein kleines Stückchen mehr Freiheit in mir. Akzeptiere, dass sich Verbindungen zeitweise oder komplett lösen – weil manche Brücken nicht mehr zu reparieren sind.
