Schon verrückt manchmal. Wie Tage so laufen können.
Da war gestern so ein Tag, der schon ziemlich gut begann: Ein recht entspannter Morgen, trotz der Tatsache, dass Herzenskind wieder die Schule besuchen musste. Ich finde innerlich meinen Dreh und eine Ausrichtung, wie ich dem Unmut des kleinen Menschen morgens begegnen darf. Und der Schulbesuch lief schließlich auch gut. Erneut war ein längerer Aufenthalt für ihn machbar. Zwar war die Schulbegleitung nicht dabei, aber ich konnte und durfte übernehmen. Eine kleine Freundin aus seiner Schulklasse setzt in jedem Fall einiges an Motivation in ihm frei – und es beruht auf Gegenseitigkeit. Wie schön es ist, wenn zwei Kinder mit besonderen Ansprüchen voneinander profitieren. Mich erfüllt das mit so viel Glück.
Erst einen Tag davor vereinbarten wir spontan(!) ein Treffen für die beiden und sie verbrachten einige Stunden miteinander. Fanden einen Rhythmus zusammen. Lachten. Waren einfach Kinder. Ein kurzer Ausflug zum Spielplatz mit den beiden und das gemeinsame Spiel der beiden dort zu beobachten, ließ mich in dem Gedanken ankommen: Das ist für andere so normal. Für mich, für uns ist das nicht selbstverständlich und ein so großer Schritt heraus aus dem Leben der ersten fünf Jahre. Herzenskind hatte einfach lange Zeit kein Interesse an anderen Kindern und ab dem fünften Geburtstag begann er allmählich, auch ohne mein aktives Beisein, ins Spiel mit anderen zu kommen.

Der gestrige Tag ließ mich wieder in dem Vertrauen ankommen: Auch solche Tage sind möglich. An denen Schule machbar ist. Zu wissen, dass danach viel Regeneration nötig ist und Herzenskind sich mit seinen Spezialinteressen beschäftigen möchte, ist in meinem Bewusstsein verankert. Und so habe ich mich voll und ganz auf ihn eingelassen, mit ihm all das gespielt, was er wollte. So viel haben wir gelacht. Und so zufrieden und erfüllt gingen wir abends schlafen.
…
Und als ich heute morgen erwachte und ein Stückchen Hoffnung in mir aufkeimte, die vergangene Zeit mit Erkältungen und viel Einseitigkeit im Alltag könnte mit dem gestrigen Tag scheinbar vorüber sein – da belehrte mich die erste Stunde des Tages bereits eines Besseren. Irgendwie unruhig, chaotisch. Herzenskind brauchte viel Zuwendung und Aufmerksamkeit. Wir drehten uns scheinbar in unterschiedliche Richtungen. Ich hatte die ToDos des Tages auf’m Schirm. Herzmensch lag noch krank im Bett – immerhin, so wurde einmal wieder was für alle Immunsysteme getan. 🤷🏼♀️
Der Tag nahm seinen Lauf. Kindchen hatte eine deutlich kürzere Zündschnur, als am Vortag. Ich beobachtete, sah bekannte Muster und fragte ihn schließlich, ob er überfordert oder gelangweilt sei. Vermutlich beides. Und Gleichzeitigkeit ist ja schon schwer auszuhalten. Nach dem Mittag plante ich mit dem kleinen Menschen noch zwei kurze Erledigungen zu machen, ehe wir uns auf dem Weg zu seiner Therapie machten. Und weiterhin: Alles irgendwie unruhig, chaotisch – wir schwirrten wie Schwebeteilchen umher. Auch die Menschen vor der Tür wirkten nicht ganz geordnet und bewegten sich entsprechend durch die Welt. Später, bei der Therapie angekommen, wunderte ich mich, dass die Therapeutin nicht pünktlich herein kam. Fünf Minuten später schaute ich dann nochmal auf mein Telefon, um festzustellen, dass eine Nachricht vom Vortag nicht bei mir durchkam: Die Therapeutin hatte wegen Krankheit abgesagt. Das ganze Prozedere; der Fahrtweg waren im Grunde nicht nötig – aber Herzenskind genoss dennoch für eine halbe Stunde das große Trampolin im Therapiegarten.
Sowas wirkt dann sehr nachhaltig in mir. Der Frust darüber, dass mein Telefon die Nachricht nicht durch ließ. Mein Unvermögen, noch einmal den Messenger im Vorfeld zu checken. Und das Komische dabei ist ja: Ich hatte sowas im Gefühl. Irgendetwas in mir wusste, dass die Therapeutin verhindert sein würde – aber ich prüfte die Nachrichten nicht mehr. Dumm gelaufen, oder so.
Wir wollten uns nicht gänzlich davon entmutigen lassen und besorgten im Anschluss Sushi für das Abendessen – so, wie wir es abgesprochen hatten. Im Einkaufscenter angekommen, entdeckte Herzenskind einen kleinen Automaten, in dem ein letztes, süßes Spielzeug darauf wartete, von einem Kind mitgenommen zu werden. Ich ließ mich darauf ein. Wir steckten die Münze hinein, drehten am Rad. Nix. Die Mechanik des Automaten hätte eine weitere Münze benötigt, um das Spielzeug freigegeben, was für uns bedeutet hätte: Den doppelten Betrag bezahlen. Das war mir dann doch zu viel für dieses kleine Quetschtierchen.
Wie kam ich eigentlich auf die glorreiche Idee, in einen völlig unbekannten Supermarkt zu gehen, um dort von einem Sushi-Stand das begehrte Abendessen zu besorgen? Unwissend ob der Anordnung im Supermarkt und mit sehr lauter Musik in den weitläufigen Gängen, versuchte ich mit Herzenskind schnell den Weg zur Kasse zu finden. Es gelang uns ganz gut. Mein System war dennoch völlig überreizt – vor allem, mit Stimming und Daueranzapfung meines Kindes nebenbei.
Zurück im Auto. Durchatmen. Tief durchatmen.
Heimweg.
Oh, Schulschluss. Fußwege voller Kinder. 30 Zone. Bitte lass jetzt nicht noch irgendjemanden gegen unser Auto stolpern. Diese eine Straße fühlt sich jedes Mal an wie der heiße Draht. Auf der Autobahn angekommen, konnte ich erneut Zeuge davon werden, dass wohl nicht nur in mir eine Art Unruhe- und Chaos-Gefühl herrschte: Die Menschen schienen vergessen zu haben, wie praktisch Sicherheitsabstand sein könnte und Blinker schienen nur ein Serviervorschlag zu sein. Angepasste Geschwindigkeit für den fließenden Feierabendverkehr war für einen Dienstag scheinbar auch nicht vorgesehen. So war ich im Extra-Defensiv-Fahrmodus angekommen und achtete noch mehr auf alles und jeden, rechnete mit dem Fehlverhalten der anderen. Ich konnte spüren, wie meine Kräfte allmählich schwanden – als würde ich ein Intensiv-Fahrprogramm in mir abspielen und war froh, als wir endlich daheim parkten.
…
Was für ein Tag, sage ich zu Herzenskind, als ich den Autoschlüssel aus dem Schloss ziehe.
Schnell daheim rein.
Bequeme Kleidung an.
Fenster und Vorhänge zu.
Die Welt da draußen kann mich heute gern haben. Ich bin durch für heute.
Vielleicht wird’s ja morgen wieder ein bisschen weniger chaotisch.
