Eine Portion Erinnerung

Kürzlich hatte ich große Lust auf eine ganz bestimmte Tiefkühlpizza. Ja, ich weiß. Das entspricht nicht der besten Ernährung. Aber.. [an dieser Stelle bitte einige, individuelle Argumente für gelegentliche, kulinarische Ausschweifungen einfügen]. Manchmal vermitteln bekannte Lebensmittel und Fertigprodukte eine Sicherheit – besonders für neurodivergente Menschen spielt Safefood eine wichtige Rolle im Alltag.

Ja, und manchmal. Da hole ich mir ein Stück Erinnerung mit gewissen Lebensmitteln zurück. Eine Portion Vergangenheit auf den Teller. So war es auch mit dieser Tiefkühlpizza. Diese Sorte konnte ich jahrelang nicht mehr anrühren. Schon beim Gedanken daran, breitete sich unmittelbar der Geschmack an meinem Gaumen aus – hallo Geschmacksgedächtnis. Warum ich diese Sorte jahrelang verschmähte? Sie war einige Monate während der Krebstherapie meines Himmelskindes Grundnahrungsmittel für den kleinen Menschen. Er hatte großen Geschmack an dieser Pizza gefunden und sie landete einige Monate lang beinahe täglich auf dem Teller. Dieses einseitige Essen bestimmter Speisen erlebte ich häufiger auf der Kinderonkologie. Anfänglich bereitete ich die komplette Pizza zu und aß die Reste – was meistens einer halben Pizza entsprach. Als mein Gaumen damals davon übersättigt war, teilte ich die gefrorene Pizza und erwärmte nur noch eine Hälfte für mein Kind.

Mein System verknüpfte schließlich mit dieser Pizza eine Zeit, die mir unwahrscheinlich viel abverlangte und wohl auch ein Trauma zurückließ. Vermutlich spielte auch das in die Abstinenz von dieser speziellen Tiefkühlpizza hinein. Dass elf Jahre später mit einmal der Appetit für diese Pizza zurückkehrte, verwunderte mich schon etwas. Und ich muss sagen: Sie schmeckt noch ganz genauso, wie damals. Für einen kurzen Augenblick sah ich mich wieder in dieser winzigen Elternküche der Kinderonkologie stehen, mit meinem Kind auf dem Arm und gemeinsam in den Mini-Backofen blickend, während sich der Duft der Pizza allmählich den Weg auf den Stationsflur bahnte. Mein Kind fragte immer wieder mit seiner zarten Stimme: „Hartig?“ – sein Wort für „fertig“. Und schon damals fand ich die Tatsache zermürbend, Essen zu erwärmen, um es später wieder kalt zu pusten, damit der kleine Mensch es verzehren konnte. Wieviel Zeit verbringen wir Menschen im Leben eigentlich damit, warmes Essen wieder kalt zu pusten?

Diese kleine kulinarische Erinnerung an mein Himmelskind hat mich genährt – nicht nur physiologisch. Es war schön, sich für einen Moment wieder ein Stück Verbundenheit zu meinem verstorbenen Kind in die Gegenwart zu holen.

Die kulinarische Erinnerungsreise sollte nicht enden. Einige Zeit später brachte mein Herzmensch eine Auswahl an Chips mit nach Hause, der ich in gewohnter Manier reserviert entgegen blickte – schließlich verträgt mein Körper diese stark gewürzten Snacks nicht mehr so, wie noch in Kindheit und Jugend. Ich mache mittlerweile eher einen großen Bogen darum, weil sich schon nach einer Hand voll Chips schnell Bauchschmerzen bei mir bemerkbar machen.

Doch dann war da dieser Abend mit Herzenskind. An dem wir beide gemeinsam an der Konsole zockten und uns leckere Snacks dazu holten. Ich probierte schließlich doch von den Paprika-Chips. Und befand mich erneut auf einer Reise in meine Vergangenheit. Sah mich da als neunjähriges Mädchen bei meiner Cousine daheim am Küchentisch sitzen. Wir verbrachten einige Zeit lang regelmäßig die Wochenenden beieinander. Ich denke gerne an diese Zeit meiner Kindheit zurück. Wir spielten den ganzen Tag. Schauten fern. Bauten bei ihr im Garten eine Butze aus Decken und Planen, in die wir uns zurückzogen. Und snackten diese ganz bestimmten Chips, die ihre Eltern immer im Wohnzimmerschrank aufbewahrten. Löschten den Durst mit dieser Orangenbrause aus der Dose, die palettenweise bei ihnen im Keller stand. Es waren die einfachen Dinge. Und wie ich so 25 Jahre später diese Paprikachips verzehre, kann ich mich wieder an so viele kleine Details in ihrem Haus erinnern. Das war ganz besonders mit uns beiden. Ich bin sehr dankbar für diese gemeinsame Zeit.

Ich könnte wohl noch zu einigen Lebensmitteln und Speisen Erinnerungen aufschreiben. Find das ziemlich toll, wie gut meine Sinne und mein Gedächtnis miteinander verknüpft sind.

Hast Du Gedanken dazu? Schreib doch gerne einen Kommentar.