
Im Mai wurde mir auf wundersame Weise in den sozialen Medien ein Bild herangespült, das mich neugierig machte. Während ich mir sonst viel Bedenkzeit für Entscheidungen einräume, rannte meine Impulskontrolle hier mit Anlauf Türen ein. Ich dachte: Herzmensch hat Urlaub – also kein großes Abwägen daheim nötig. Da wartet die Möglichkeit, meine Texte zu lesen – und Menschen kommen, um zuzuhören. Eine tolle Übung, um sicherer zu werden, vor Menschen zu sprechen. Und ich freute mich darauf, den Worten anderer schreibfreudiger Menschen zu lauschen.
Ich ging da ziemlich frei und ohne Erwartungen heran. Sah es als Abenteuer.
Für diesen Abend durfte ich zwei Texte in einer Länge von rund sieben Minuten Sprechzeit schreiben. Es sprudelte und sprudelte aus mir heraus. Neben der Begleitung und Bestärkung meines Herzenskindes, an den geplanten Wochentagen die Schule zu besuchen, dem üblichen Alltagsgewusel und den Vorbereitungen für seinen Geburtstag, nutzte ich die Zwischenräume, um Worte auf Papier zu bringen, die sich in meinen bunten Hirnwindungen entfalteten.
Da kam was zusammen. Ich fühlte mich gut aufgestellt und mit meinen Texten wohl. Das wollte ich den Menschen erzählen.
An diesem Abend begegneten mir herrlich bunte Menschen, die alle ihre eigene Geschichte und Art zu Schreiben mitbrachten. Es war schön, eine von zwölf Teilnehmern sein zu dürfen, die den Raum erhielten, ihr geschriebenes Wort sprechen zu dürfen. Der Raum füllte sich mit Besuchern in allen Altersstufen und ich war erstaunt, wie viele Menschen sich für Poetry Slam begeisterten. Ein schönes Konzept, von dem ich immer schon mal hörte, Videos sah – aber bisher noch nicht als Besucher daran teilnehmen konnte. Also war es wohl schon ein doppelter Salto ins kalte Wasser, direkt als Teilnehmer dort hinzugehen.
Ich ging mit der inneren Einstellung hin: Wenn ich recht weit am Anfang dran komme und ich nicht in die finale Runde gewählt werde, kann ich immerhin zeitig wieder nach Hause. Mein Körper ist mittlerweile kaum noch gewohnt, abends lange wach, geschweige denn unterwegs zu sein. Somit war es auch physisch für mich ein Ritt.
Doch es kam, wie es kommen musste: Ich stand auf der Liste an zwölfter Stelle. Schlusslicht. Keine Chance, frühzeitig zu gehen oder gar zu fliehen. Damit baute sich ein Spannungsbogen in mir auf, der mich dank ausgestoßener Nervenkitzel-Hormone wach hielt.
Ich lauschte den Worten der anderen Teilnehmer und genoss die Vielfalt von Texten, die sich da mit unterschiedlicher Bühnenerfahrung zeigten. Nervosität war bei allen spürbar. Mit jedem Teilnehmer, der seine Wertung erhielt und dem Nachfolger Platz machte, schlug mein Herz schneller. Ich erinnerte mich zwischenzeitlich immer wieder an tiefe, bewusste Atemzüge. Ein kleiner Teil in mir fragte sich für Momente, warum ich das eigentlich machen wollte – doch der größte Teil war in Vorfreude. Ich dachte an mein Herzenskind und sein süßes Mantra: „Ich werde meine Angst übermuten.“

Mit Blick zur Tafel, auf der die Namen der Teilnehmer und die entsprechende Punktzahl aus der Wertung der Zuschauer notiert war und mit den Texten, die vortragen wurden, wechselte mein Innerstes zwischen Zuversicht und Aufgeben. Doch im Grunde saß ich da mit dieser stillen Gewissheit, ja, einem kleinen Frieden, dass ich da gar nichts beweisen wollte. Dass ich einfach mal diese Erfahrung für mich mitnehmen möchte.
An diesem Abend war es grau, zwischenzeitlich regnerisch. Als meine Vorgängerin fertig war, lockerte der Himmel auf – und die Sonne legte alles in orangefarbenes Licht. Ich versuchte meine Rührung über diesen schönen Zufall nicht die Oberhand gewinnen zu lassen. Ich war mal wieder nicht allein.
Und dann laß ich mein Gedicht vor. Thema? Trauer, na klar. Mein Herz bis zum Hals schlagend, spürte ich mit jeder Zeile, wie sich Flüssigkeiten im Körper umverteilten: Der Speichel wurde auf mysteriöse Weise vom Körper abgezogen und Richtung Stirn und Hände umgeleitet. Schon spannend, was Nervosität mit dem Körper anstellt. Ich mobilisierte alle Reserven hin zu meiner Stimme, damit diese nicht vorzeitig versagte. Ich schaffte es. In jenem Moment, als ich das letzte Wort meines Gedichtes sprach, fiel unweigerlich diese große Anspannung von mir ab. Ich atmete auf. Blickte nach oben und wurde mit einem tosenden Applaus des Publikums beinahe ins nächste Taumeln gebracht. Die Resonanz haute mich um. Die Punktewertung sowieso: Ich erzielte die höchste Punktzahl an diesem Abend.
Schließlich zog ich mit den beiden Punktbesten der anderen Vierer-Gruppen ins Finale. Noch einmal sieben Minuten Zeit. Als zweite von uns dreien trug ich zwei kürzere Texte vor und füllte die erlaubte Sprechzeit. Die Texte der beiden anderen Finalistinnen waren wunderschön und bewegend. Erwähnte ich schon, dass ich an diesem Abend von Anfang bis Ende mit einem Dauergrinsen da saß? Einfach weil ich es so schön fand, welch tolle Texte dort präsentiert wurden. Und weil ich vor Dankbarkeit überlief, dass nach den vergangenen Jahren meiner Mutterschaft so etwas für mich möglich ist – immer noch nicht selbstverständlich für mich.
Zum Abschluss versammelten sich alle Teilnehmer auf der Bühne und das Publikum durfte per Applaus über den Sieg entscheiden. Wir wollten die kleine Trophäe am liebsten in drei Teile sägen – weil jede so ausgesprochen schöne Texte ablieferte. Es lag enorm viel gegenseitige Wertschätzung und Anerkennung im Raum. Ich hörte kaum einen Unterschied in der Applaus-Stärke – denn mein Kopf kam nicht hinterher, all das Erlebte in der Kürze der Zeit einzuordnen. Nach einer kurzen Rücksprache der Veranstalter, erklärte der Moderator, er würde zunächst die beiden Zweitplatzierten und dann die Erstplatzierte verkünden. Das ging so nahtlos ineinander über – ich hab’s nicht gecheckt. Entsprechend überrascht war ich, als er mir die kleine Trophäe in die Hand drückte.

Ich war sprachlos. Konnte das nicht fassen. Und irgendwie kann ich das immer noch nicht.
Ohne Erwartungen ging ich da hin. Mit meiner Geschichte. Mit meinen persönlichen Texten. Und erhielt so viel Anerkennung. Auch nach der Siegerehrung kamen Menschen auf mich zu, bedankten sich, teilten mir ihre Wertschätzung mit.
Ich wusste nicht, dass ich es heute brauchte, deine Worte zu hören.
Schreibst du Bücher? Wenn nicht – bitte mach das unbedingt!
Mach bloß weiter! Ich hoffe, wir sehen uns wieder.
Da standen Menschen mit ihren eigenen Geschichten vor mir, die mit meinen Worten in Resonanz gingen. Die die stille, versteckte Einladung meiner Texte angenommen haben: Fühl das mal.
Und so begegneten sich Menschen. Mit der bunten Palette der Gefühle.
Wie schön das war. Echt. Also wirklich echt.
