Zutrauen

Als ich im vergangenen Jahr meine ersten beiden Bücher auf die Menschheit los ließ, wuchs in mir unmittelbar der Gedanke: Ich möchte daraus lesen. Ich möchte Räume eröffnen, in denen ich Menschen mit meinen Worten begegnen und etwas in ihnen bewegen kann.

Da die Themen meiner Bücher nicht dem Genre „leichte Unterhaltung“ zugeordnet werden können, war mir bewusst: Der Andrang für eine Lesung zu meinen Büchern wird überschaubar bleiben. Aber: Das passt für mich. Denn in einer kleineren Runde sind schwere Themen vielleicht sogar besser aufgehoben.

Ich fragte an einigen Stellen, ob Interesse bestünde, gemeinsam eine Lesung mit Möglichkeit zum anschließenden Austausch zu gestalten. So kam ich schließlich mit einer Elterninitiative für krebskranke Kinder zusammen, die mich bereitwillig unterstützte – mit Ideen, Raum und Vitamin B. Sie organisierten einen Raum, stellten Material zur Verfügung, um einen gestalterischen Teil der Lesung zu füllen. Und dabei begegnete ich schon in der Planung und Organisation Menschen, die ihre Herzen öffneten und mir mit Mitgefühl und einer großen Portion fachlicher Erfahrung in Sachen Trauerbegleitung zur Seite standen.

Dann kam der Tag.

Ich betrat den Raum, der mit meinen Worten gefüllt werden sollte. In dem sich Menschen einfinden konnten, die ihre ganz eigenen Geschichten mitbringen würden. Uns war etwas bang, wie viele sich das wohl zutrauen würden.

„Keine leichte Kost, aber so wichtig, dem Thema einen Raum zu eröffnen.“

Es fanden sich knapp 20 Menschen ein. Jeder mit einem ganz eigenen Beweggrund. Und doch hatten alle Besucher etwas gemeinsam: Es lag eine unsichere Anspannung im Raum. Ein zögerliches, wenn auch interessiertes Betreten dieses wunderschönen Raumes, der von der frühen Abendsonne in ein wohliges Licht getaucht wurde.

Nach einer wertschätzenden Begrüßung der Menschen, die mich unterstützten, begann ich zu lesen. Zunächst mit dem schweren Teil. Der Dunkelheit. Ich nahm die Zuhörer mit in die schwerste Zeit meines jungen Lebens. Und dann machten wir eine Pause. Gestalteten Steine. Zündeten Kerzen an. Begegneten uns. Bis ich sie zum zweiten Leseteil einlud, der leichter wurde. Der ihnen zeigte: Ich habe das überlebt und kann wieder das Licht sehen.

Ich habe meine Geschichte erzählt. Ich habe die Geschichte meines verstorbenen Kindes erzählt, der an diesem Abend da war – das konnte ich spüren. Die orangefarbene Abendsonne leuchtete wie ein Bühnenspot auf mich, als ich an diesem kleinen, runden Tisch die Worte sprach, die ich über Jahre meinem Himmelskind widmete.

Am Ende breitete sich Dankbarkeit in diesem Raum aus. Dafür, dass ich den Mut aufbrachte, mich zu zeigen. Und dafür, dass die Menschen sich zutrauten, meinen Worten Gehör zu schenken und sich dem zu öffnen, was da in ihnen selbst aufkommen würde.

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